Alles Geschichte - History von radioWissen

Bayerischer Rundfunk

Wir beleuchten die Zusammenhänge zwischen gestern und heute und erzählen einfach gute Geschichten. Ein History-Podcast von radioWissen.

  • 22 minutes 51 seconds
    FREIHANDEL UND ZÖLLE - Eine abwechslungsreiche Geschichte

    Das Ringen um Freihandel und Zölle prägt die Weltwirtschaft seit gut 200 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Handel jahrzehntelang im großen Stil liberalisiert, nun geht es wieder um Strafzölle und Handelskriege, auch dank US-Präsident Donald Trump. Ist das nun das Ende der Globalisierung? Von Maike Brzoska (BR 2025)

    Credits
    Autorin: Maike Brzoska
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Susanne Schröder
    Technik: Regine Elbers
    Redaktion: Nicole Ruchlak
    Im Interview: Prof. Nikolaus Wolf, Prof. Oliver Lorz, Claudia Schmucker, Hanns-Günther Hilpert

    Linktipps:

    ARD alpha (2020): Freihandel – Fluch oder Segen

    alpha-demokratie befasst sich diesmal mit dem Thema: "Freihandel – Fluch oder Segen". Zu Gast ist: ist Dr. Martin Braml, Ifo-Institut. JETZT ANSEHEN

    radioWissen (2023): David Ricardo – Begründer des Freihandelns

    Selfmade-Wissenschaftler, Börsenmakler, Multimillionär und ein Urvater der Volkswirtschaftslehre: David Ricardo. (BR 2018) JETZT ANHÖREN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

    DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

    Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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    3 April 2025, 8:55 am
  • 23 minutes 38 seconds
    LEBEN VOR JAHRTAUSENDEN - Das Rätsel vom Tollensetal

    Aus dem Flüsschen Tollense in Mecklenburg-Vorpommern bargen Archäologen viele tausend Menschenknochen: die Überreste einer mörderischen Schlacht vor gut 3000 Jahren. Doch wer kämpfte mit wem? Reichten damals Schockwellen aus dem östlichen Mittelmeer bis ins heutige Norddeutschland? Von Matthias Hennies (BR 2022)

    Credits
    Autor: Matthias Hennies
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Thomas Birnstiel, Karin Schumacher
    Technik: Michael Krogmann
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Im Interview: Dr. Joachim Krüger, Dr. Detlef Jantzen, Prof. Thomas Terberger, Prof. Lorenz Rahmstorf

    Linktipps:

    ZDF (2019): Tatort Steinzeit

    Immer wieder stoßen Forscher auf die Spuren von Gewalt, die in diesem Ausmaß aus früheren Epochen unbekannt sind. Wer waren die Opfer und wer die Täter? JETZT ANSEHEN

    BR (2024): Bewegter Mensch – Der neue Blick in der Archäologie

    Was erzählen versteinerte Fußspuren über das Leben in der Steinzeit? Inwiefern haben Wege dazu beigetragen, dass sich Menschen ihre Umwelt zu Nutze machen und weiterkommen konnten? Eine neue Denkrichtung in der Archäologie versucht, sich homo sapiens als bewegtem Wesen zu nähern. Ein Podcast von Katharina Hübel. JETZT ANHÖREN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

    DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

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    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    ATMO

    Sprecher
    In weiten Schleifen zieht sich ein Flüsschen durch das Grünland, im Schilf steht ein Graureiher. Nach dem letzten eisigen Schauer ist die Sonne wieder herausgekommen und über der Waldkante erscheint ein Regenbogen. Spätherbst im Tal der Tollense, im ländlichen Mecklenburg. 

    1. OT Krüger_1 5:17
    Das ist der Fundplatz, wo alles begann, Weltzin 20, das ist der Fundplatz, wo der berühmte Oberarmknochen mit der eingeschossenen Flintpfeilspitze herstammt, das ist der Fundplatz, wo die ersten eingeschlagenen Schädel gefunden worden sind und das ist der Fundplatz, der auch noch drei Holzkeulen geliefert hat. Also zu den eingeschlagenen Schädeln auch noch die entsprechenden Mordwerkzeuge.

    MUSIK

    Sprecher
    Joachim Krüger ist fasziniert von diesem Ort – dem weiten stillen Tal, das ein großes Rätsel birgt. Krüger ist Taucher und Archäologe, er lehrt an der Uni Greifswald. Im Tollense-Tal hat er mit einem Team ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer mehr als 10.000 menschliche Knochen geborgen, bei Tauchgängen aus den Sedimenten des Flusses und bei Ausgrabungen an den Ufern.

    MUSIK

    2. OT Krüger_1 8:01
    Da drüben die Fundstelle ist auch interessant, weil ich dort den Schädel mit der eingeschossenen Bronzepfeilspitze gefunden habe, aber wir gehen erstmal zum Hauptfundplatz.

    3. OT Krüger_1 9:58
    Hier sind insgesamt über 90 Individuen anhand des linken Oberschenkels nachgewiesen worden, das ist der Bereich an Land, der am intensivsten ausgegraben worden ist, und Sie sehen das vielleicht dort drüben, wo das Gras etwas grüner ist, da wurde damals festgestellt, dass eigentlich über den gesamten Bereich mit Knochen zu rechnen ist.

    MUSIK

    Sprecher
    Ein makabrer Fundplatz in einer idyllischen Landschaft. Das Wasser des Flusses ist kristallklar und voller Fische. Durch die üppigen Wiesen geht mal ein Spaziergänger mit Hund, sonst ist es still. Wer wurde hier massakriert? Der Ausgräber zuckt die Schultern: Er weiß nur, wann es geschah: Zu Anfang des 13. Jahrhunderts vor Christus, in der späten Bronzezeit. Das verrieten die bronzenen Pfeilspitzen, die zahlreich ans Licht kamen, denn daran fanden sich noch winzige Reste des hölzernen Schafts – und das Holz ließ sich mit der C-14-Methode auf die Jahre um 1275 vor Christus datieren. Ein älteres Schlachtfeld kennt man in ganz Europa nicht. Doch wer hier die Sieger, wer die Besiegten waren, kann niemand sagen. Es gibt keine Aufzeichnungen über Götter und Helden, geschweige denn über reale Menschen dieser Zeit, denn vor gut 3000 Jahren kannte dieser Teil Europas die Schrift noch nicht.

    ATMO

    Sprecher
    Mindestens auf 2 ½ Kilometern entlang des Flusses sind Menschenknochen verteilt, berichtet Krüger. Es war ein furchtbares Gemetzel. Bei jahrelangen Forschungen fanden die Archäologen Beckenschaufeln, Oberschenkelknochen, Wirbelsäulen, alle hervorragend erhalten, weil sie im feuchten Sediment des Flusses und im moorigen Boden an den Ufern nicht mit Sauerstoff in Berührung gekommen waren. Die Skelette waren zwar in Einzelteile zerfallen, doch oft überraschend vollständig.

    4.OT Krüger_3 8:52
    Das ist an dieser Stelle so, das ist da drüben so, da ist von Kopf bis Fuß noch alles vorhanden. Das ist dann nur die Aufgabe der Anthropologen, das zusammenzupuzzeln.

    Sprecher
    Die konnten bisher rund 150 Personen rekonstruieren – und die Archäologen haben einiges gefunden, was die Menschen bei sich hatten. Kleidung ist im feuchten Grund längst vergangen, aber Gegenstände aus Holz oder Edelmetall blieben erhalten.

    5. OT Krüger _3 12:32
    Wo die Individuen gut zugänglich gewesen sind, findet man fast nichts an Ausrüstungsgegenständen - was auf eine Plünderung hindeutet: Hier auf 90 Personen ein Fingerring und dann dieser massive Armring. Aber wo die Toten tiefer abgelagert waren, da haben wir auch tolle Metallfunde. Man hat ja in diesem Tal vier goldene Spiralringe gefunden – oder der Fundort da drüben an der Waldkante, da haben wir eine phantastisch erhaltene Gürteldose und Gewandschmuck, Nadeln, im Zusammenhang mit menschlichen Überresten.

    Sprecher
    Die Sieger haben sich beim Plündern offenbar viel Zeit gelassen: Sie nahmen den Toten alles ab, was sie zu fassen bekamen, sammelten sogar die Spitzen der verschossenen Pfeile ein. Zurück blieb nur, was an tieferen Stellen des Flusses im Wasser versunken war.

    5a. OT Krüger_4 6:03
    Da vorne ist ne kleine Brennnessel-Stelle, macht nix, ne?

    Sprecher
    Wenn man sich durchs feuchte, hohe Gras ein Stück flussaufwärts arbeitet, versteht man, warum es gerade hier zum Kampf kam. Joachim Krüger zeigt auf einige Holzpflöcke und einen helleren Grasstreifen am anderen Ufer: Dort verlief vor gut 3000 Jahren ein Dammweg, so breit, dass man mit Fuhrwerken darauf fahren konnte. Weil das Tal damals sehr sumpfig war, hatte man aus großen Rasensoden den Damm gebaut und an den Seiten aufwändig befestigt.

    6. OT Krüger_5 3:21
    An den Rändern mit Feldsteinen belegt im trockenen Bereich und im feuchten Bereich Eichenstämme hineingerammt und die Datierungen haben ja ergeben, dass diese Konstruktion in der frühen Bronzezeit 1800-1900 vC. errichtet wurde und anhand von Reparatur-Hölzern konnte man feststellen, dass der noch um 1300 in Betrieb gewesen ist.

    MUSIK

    Sprecher
    Der Damm war schon mehr als 500 Jahre in Stand gehalten worden, als der Kampf entbrannte. Die Angreifer hatten eine günstige Stelle gewählt, denn der Weg führt hier herunter zur Tollense und ihre Gegner mussten den Fluss schutzlos auf einer Brücke überqueren. Holzreste der Brückenkonstruktion konnten die Archäologen im Wasser identifizieren. Ein über Jahrhunderte gepflegter Fahrweg und sogar eine Brücke: Diese Strecke hatte in der Bronzezeit offensichtlich große Bedeutung. Vermutlich war es eine weitreichende Handelsverbindung – und hier kreuzte sie den Fluss, der mit Einbäumen oder Booten ebenfalls für den Fernhandel genutzt werden konnte.

    7. OT Krüger_3 16:28
    Die Tollense ist zwischen 70 und 80 km lang, sie entspringt im Tollense-See bei Neubrandenburg, das ist in Richtung Süden, dort hinten, wo die Windräder stehen, und dann fließt sie hier ziemlich genau Richtung Norden und bei der Stadt Demmin mündet sie in die Peene – und über die Peene haben Sie Zugang zur Ostsee.

    MUSIK

    Sprecher
    Diese Fernverbindungen waren wohl die Ursache für die Schlacht, denn sie hatten immense Bedeutung für die Menschen in Norddeutschland – und mehr noch für die florierende Kultur der „Nordischen Bronzezeit“ in Dänemark. Aus dem Süden kamen nämlich die Rohstoffe für die Bronze, den golden glänzenden, hochbelastbaren Schlüsselwerkstoff der Epoche: Bronze wurde aus etwa neun Teilen Kupfer und einem Teil Zinn hergestellt – und in Nordeuropa waren weder Kupfer noch Zinn verfügbar. Aber im heutigen Sachsen wurde viel Bronze verarbeitet und weiter südlich, im böhmischen und slowakischen Erzgebirge, baute man sowohl Kupfer- als auch Zinnerz ab. Wurde also an der Tollense-Brücke ein Transport von Zinn und Kupfer ausgeraubt, eine Handelskarawane? Oder trafen vielleicht die Truppen zweier Lokalfürsten aufeinander, die um die Kontrolle über eine Fernhandelsroute stritten? Dann konnten sie von jedem Händler, von jeder Karawane Abgaben eintreiben! Wer die Antwort sucht, muss ermitteln, ob die Menschen aus Siedlungen in der Umgebung stammten, die man bisher nicht kennt, oder von weit her kamen. Und wie viele waren es überhaupt?

    ATMO

    Sprecher
    Um diese Fragen zu klären, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein großes, interdisziplinäres Projekt gefördert. Die Funde, die dabei analysiert wurden, ruhen nun im Magazin des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin.

    Sprecher
    Detlef Jantzen ist der Landesarchäologe in Mecklenburg-Vorpommern. Er sitzt vor einem Stapel Fundkartons und fasst zusammen, was die Analysen ergaben. Aufschluss über die Waffen der Kämpfer haben die anthropologischen Knochenuntersuchungen geliefert:

    9. OT Jantzen_1 2:22
    Viele dieser Individuen haben Pfeiltreffer, wir haben Schnittverletzungen zwischen den Rippen, da ist dann mit Lanzenspitzen oder Dolchen gestochen worden, wir haben einige Hiebverletzungen, es gab also offenbar auch Schwerter, und wir haben Spuren stumpfer Gewalt, vor allem an den Schädeln in Form von Frakturen, die durch gezielte Keulenschläge im Nahkampf beigebracht worden sind.

    V. Atmo Jantzen_1 11:15
    Dann gucken wir uns mal die Langknochen an.

    Sprecher
    Im nächsten Karton zeigt Jantzen einen Oberschenkelknochen:

    10. OT Jantzen_2 3:30
    Knistern. Und an der tiefsten Stelle entdeckt man ein Loch, das ungefähr dem Querschnitt einer Pfeilspitze entspricht. Hier ist offensichtlich eine Pfeilspitze eingedrungen und dann ist diese Pfeilspitze wahrscheinlich wieder herausgezogen worden, das ist ein Phänomen, das wir an vielen Knochen feststellen können, dass eingedrungene Projektile wieder herausgezogen wurden.

    Sprecher
    Vielleicht hat ein Kamerad versucht, dem Verletzten zu helfen. Wahrscheinlicher ist aber, dass jemand den Pfeil beim Plündern herauszog, weil er die Spitze wiederverwenden wollte.

    ATMO

    11. OT Jantzen_2 16:35
    Das hier ist eine Gürteldose, das ist ein kleines Gefäß aus gegossener Bronze, dessen Oberfläche sehr schön verziert ist mit einem strahlenförmigen Muster -

    MUSIK

    Sprecher
     - ein prachtvolles Stück, das nichts Kriegerisches an sich hat: Die eingetieften Kreise und Strahlen des sonnenähnlichen Musters sind mit schwarzem Birkenpech gefüllt worden und ergeben einen schönen Kontrast zur golden schimmernden Bronze. Solche Dosen trugen Frauen häufig am Gürtel. Tatsächlich sind unter den Opfern der Schlacht auch einige Frauen identifiziert worden – waren sie Kriegerinnen? Oder zogen sie mit den Truppen mit wie später die legendäre Mutter Courage? Sie könnten aber auch eine Handelskarawane begleitet haben – die Frage, welche Rolle die Frauen spielten, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Die anderen naturwissenschaftlichen Analysen blieben unergiebig. Hinweise auf die Herkunft eines Toten kann das Mischungsverhältnis von Strontium-Atomen geben, die sich in der Jugend in den Zähnen anlagern. Doch das Rätsel der Tollense-Schlacht ließ sich damit nicht lösen: Die Messungen deuteten auf Landschaften quer durch Europa hin.
    Auch Genetiker konnten nicht helfen: DNA-Spuren aus den Skelettresten zeigten nur, dass die Toten nicht miteinander verwandt waren. Daher stützt sich Detlef Jantzen bei seiner Interpretation vor allem auf anthropologische Erkenntnisse: Durch anhaltende Belastungen verursachte Veränderungen an den Knochen deuten darauf hin, erläutert er, dass die Menschen in ihrem Leben viel gelaufen waren und dass sie schwere Lasten getragen haben.

    12. OT Jantzen_2 44:45
    Wir haben dort also eine Menschengruppe vor uns, weit überwiegend Männer, einige Frauen, regionale Herkunft ist sehr unterschiedlich, sie sind offenbar nicht mit einander verwandt und sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie weite Strecken gelaufen sind und dass sie teilweise auch schwere Lasten trugen. Und das Bild passt nicht wirklich zum Bild eines Kriegerbundes, sondern führt zu der Notwendigkeit, in Betracht zu ziehen, ob man dort nicht eine Gruppe vor sich hat, die für Warentransport zuständig war?

    MUSIK

    Sprecher
    An den Ufern der Tollense wurde eine Karawane überfallen, die auf der Fernhandelsroute unterwegs war, glaubt Detlef Jantzen. Die Angreifer überraschten sie mit einem Hagel von Pfeilen, dann kam es zum Nahkampf mit der bewaffneten Bedeckung der Händler. Wer den Kampf gewann? Ungeklärt. Wer die Sieger auch waren, sie nahmen alles mit: Die Wertgegenstände der Gefallenen und das Handelsgut – doch was war das Handelsgut? Vielleicht Zinn, meint der Landesarchäologe: Bei den Ausgrabungen sind zwei kleine Zinn-Objekte von normierter Größe ans Licht gekommen. Oder Pferde, denn auch Knochen von fünf Pferden sind gefunden worden.
    Dieses Szenario ist jedoch auf entschiedene Kritik gestoßen. Thomas Terberger, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen, hat das DFG-Projekt zusammen mit Detlef Jantzen geleitet.

    13. OT Terberger 36:01
    Erst mal stimmen ja die Hypothesen darin überein, dass wir hier ein Gewalt-Level sehen und eine Opferzahl, wie wir sie noch nie gehabt haben in der Bronzezeit – aus ganz Mitteleuropa und darüber hinaus!

    Sprecher
    Doch aus den Erkenntnissen zieht Terberger andere Schlüsse. Er betont:

    14. OT Terberger 36:01
    Dass, wenn wir 150 Opfer kennen, wir davon ausgehen müssen, dass mindestens noch mal so viele, möglicherweise noch mehr, dort im Boden liegen – und dann haben wir eine Anzahl von Individuen, die mir für eine Handelskarawane schon als sehr groß erscheinen würde.

    Sprecher
    Terbergers Rechnung: Da nur kleine Abschnitte in der 2 ½ Kilometer langen Kampfzone ausgegraben wurden, liegen im Boden weitere Opfer. Und die Sieger haben ihre Toten wahrscheinlich mitgenommen, um sie würdig zu bestatten: Daher könnten an der Tollense insgesamt 300 bis 600 Menschen gefallen sein – wie viele Kämpfer standen sich demnach bei Beginn des Gefechts gegenüber?

    15. OT Terberger 2:16
    Ich halte es nicht für übertrieben, dass wir durchaus auf weit mehr als 1000 Individuen kommen. So dass es nicht unrealistisch ist, von bis zu 2000 Personen auszugehen.

    Sprecher
    Auch andere Forscher halten die Kalkulation für plausibel. Terberger schließt daraus, dass sich zwei Heerhaufen in einer Feldschlacht gegenüberstanden. Er bezweifelt, dass es schon reguläre Armeen in der Bronzezeit gab. Eher waren es kleinere Kriegergruppen, die sich zusammengeschlossen hatten, weil es um eine attraktive Beute ging - wie die Kontrolle über eine wichtige Rohstoff-Handelsroute. Thomas Terberger hebt einen anderen Punkt hervor:

    17. OT Terberger 36:46
    Was sehen wir denn, was tatsächlich auf Handel hinweist? Wenn eine Handelskarawane überfallen wird, dann würde ich zumindest teilweise erwarten, dass sich Handelsgüter in unserem Fundmaterial widerspiegeln. Natürlich wird geplündert und alles mitgenommen, was man in die Hände bekommt, aber es sieht ja so aus, als seien Opfer in den Fluss gelangt und nicht mehr zugänglich gewesen. Und die Funde, die im Fluss liegen, zeigen uns von Menge und Charakter her eher kleine Mengen. Das ist eher persönliche Ausstattung als nun Handelsgut.

    Sprecher
    Die Archäologen fanden beispielsweise 250 Gramm Bronzebruch und die beiden Zinnobjekte zu je 22 Gramm: Darin sieht Jantzen Reste von Handelsgut. Doch für professionelle Händler auf einer langen, gefährlichen Reise wären das allzu kleine Mengen. Überdies haben sie nicht die Form von Handelsgut, die Terberger für die späte Bronzezeit erwartet:

    18. OT Terberger 39:33
    Typisch sind zum Beispiel Barren, also Kupfer-, Zinn-Barren – die müssen ja nicht gleich 50 Kilo wiegen, aber Fragmente davon, also irgendetwas, was auf eine standardisierte Form des Handels mit Rohstoffen hinweist. Wir wissen, dass in dieser Zeit Glasperlen in den Norden gelangen – dann würde ich doch mal Glas erwarten. Alles, was als Handelsgut in größerem Stil zu erwarten wäre, sehe ich im Tollense-Tal nicht. Ich sehe, dass unsere Funde aus Metall oder Bronze-Waffen sind oder zur persönlichen Ausstattung von Männern passen.

    MUSIK

    Sprecher
    Der Streit ist nicht entschieden, das Rätsel ungelöst. Eine eindeutige Antwort liefern die Funde nicht, deswegen plädieren die beteiligten Wissenschaftler für weitere, vor allem naturwissenschaftliche Auswertungen des vorliegenden Materials. Einig sind die Forschenden nur darüber, dass die Toten aus dem Tollense-Tal letztlich zu den Opfern einer überregionalen Umwälzung gehören, eines großen politischen und auch ideologischen Wandels. Detlef Jantzen:

    19. OT Jantzen_2 57:47
    Die Zeit um 1300 vor Christus ist nun eine Zeit des Umbruchs, da passiert eine ganze Menge, es gibt im religiösen Bereich einen Wandel, man geht weg von der Körperbestattung hin zur Brandbestattung und man stellt fest, dass die Metallversorgung ins Stocken gerät, also der Metallzufluss, der bisher offensichtlich problemlos geklappt hat, wird jetzt schwieriger. Man fängt noch mehr an zu recyceln, als man das vorher getan hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Ereignisse im Tollense-Tal mit diesem Umbruch etwas zu tun haben, dass sie mit einer Neustrukturierung oder Kämpfen um die Handelswege zusammenhängen.

    MUSIK

    Sprecher
    Es waren die Schockwellen einer Katastrophe im östlichen Mittelmeerraum, die das norddeutsche Flüsschen erreichten. Dort entwickelte sich im 13. Jahrhundert vor Christus in den reichen Hochkulturen eine existenzielle Krise: durch eine Reihe schlechter Ernten, soziale Unruhen und Angriffe fremder Völker. Nur die ägyptischen Pharaonen konnten sich behaupten. Die anderen Reiche fielen wie die Dominosteine: Das Imperium der Hethiter in Anatolien, die Herrschaft der Mykener in Griechenland, das Königtum auf der Kupfer-Insel Zypern. Damit endete die Bronzezeit – und man weiß heute davon, weil die Schrift im östlichen Mittelmeerraum seit langem bekannt war: Auf Tontäfelchen und in Inschriften ist eine Vielfalt schriftlicher Zeugnisse erhalten.
    Die Staaten dieser Region waren untereinander wirtschaftlich und diplomatisch eng vernetzt – und unterhielten auch Handelsbeziehungen nach Mittel- und Nordeuropa. Der Umfang ist unklar, nachgewiesen nur der Austausch von Luxusgütern: Bernstein von der Ostsee erfreute sich bei Eliten des Südens großer Beliebtheit. In nordeuropäischen Gräbern wiederum kam Schmuck aus den südlichen Kulturen ans Licht, berichtet Professor Lorenz Rahmstorf, Spezialist für die europäische Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen:

    20. OT Rahmstorf_1  3:18
    Zum Beispiel Glasperlen, das können wir direkt nachweisen, dass sie bestimmte Formen aufweisen, die wir aus dem Ostmittelmeerraum kennen, das ist nach Norden gekommen, die mykenische Keramik ist zumindest bis nach Norditalien gekommen. Die Glasperlen können wir auch analysieren, da hat sich gezeigt, dass dieses Glas, das sogar in dänischen Gräbern als Perlen gefunden wurde, aus dem Ostmittelmeerraum stammen muss, möglicherweise sogar aus mesopotamischen Werkstätten, es gibt auch ägyptische Werkstätten. Aber sicher war Bernstein und Glas auch nur ein Beiprodukt des Austausches, weil das Neue in der Bronzezeit war, dass die jetzt Metalle in sehr großem Umfang getauscht haben.

    Sprecher
    Ein Austausch drängt sich auf, denn die Hochkulturen hatten Bedarf und Mitteleuropa die Ressourcen. Seit langem bekannt ist der frühgeschichtliche Zinnabbau in Cornwall:

    21. OT Rahmstorf_1 6:45
    Es gab mehr Lagerstätten als nur in Cornwall, Europa ist da vergleichsweise gut gesegnet mit Zinnlagerstätten, auch das Erzgebirge, in den letzten Jahren ist das tatsächlich sehr wahrscheinlich geworden, dass bronzezeitlich hier dies Metall auch schon abgebaut wurde.

    MUSIK

    Sprecher
    Und Bergbau auf Kupfer ist im Erzgebirge wie auch in den Alpen nachgewiesen worden. Wenn die Abnehmer am Mittelmeer aber plötzlich vom Thron gestürzt wurden oder die Herrscher nicht mehr ihre schützende Hand über die Händler hielten, geriet das ganze Netzwerk in Unordnung. Dann wurden Karawanen ausgeraubt und neue Herren sicherten sich die Kontrolle über die Fernhandelsrouten. Doch was an der Tollense genau geschah, liegt noch immer im Dunkel. Die Toten, ihre Anführer und ihre Heimat werden erst einmal namenlos bleiben.

    28 March 2025, 11:10 am
  • 23 minutes 22 seconds
    LEBEN VOR JAHRTAUSENDEN - Auf der Suche nach Rohstoffen

    Schon vor tausenden von Jahren haben sich Menschen Rohstoffe zunutze gemacht. Wie konnte es ihnen gelingen, unter Tage nach Kupfer, Feuerstein oder Braunkohle zu graben? Und welche Rolle spielten Rohstoffe in ihrem Leben? Von Katharina Hübel (BR 2022)

    Credits
    Autorin: Katharina Hübel
    Regie: Susi Weichselbaumer
    Es sprachen: Berenike Beschle
    Technik: Wolfgang Lösch
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Im Interview: Prof. Michael Rind, Prof. Thomas Stöllner, Prof. Philipp Stockhammer

    Linktipps:

    radioWissen (2020): Granit – Der Stein aus der Tiefe  

    'Hart wie Granit' steht für etwas besonders Widerstandsfähiges und Robustes … Deshalb wird Granit immer dann verwendet, wenn quasi für die Ewigkeit gebaut werden soll: Vom Grund- bis zum Grabstein. (BR 2018) JETZT ANHÖREN

    MDR (2024): Kohlefrauen

    Vier selbstbewusste, hochqualifizierte Frauen, die jenseits jeglicher Klischees um die Bedeutung ihrer Arbeit wissen - und sie verteidigen. Denn sie wissen, dass mit dem Kohleausstieg das Bild von stolzen Frauen, die riesige Bagger oder andere Tagebaugroßgeräte bedienen, Geschichte sein wird. JETZT ANSEHEN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

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    Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN

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    Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Es ist ein über 3.000 Jahre alter Zahn, der Professor Philipp Stockhammers Blick auf das Leben der Menschen in der Bronzezeit verändert hat:

    01 / OT Stockhammer
    Ich habe mir das nicht vorstellen können.

    SPRECHERIN:

    Philipp Stockhammer ist Archäologe und wollte eigentlich nur wissen, was die Menschen vor tausenden von Jahren gegessen haben. Stattdessen ist er auf einen für ihn völlig neuen Forschungszweig gestoßen.

    MUSIK

    SPRECHERIN:
    In dem bronzezeitlichen Zahn hat das Team von Professor Stockhammer etwas gefunden, mit dem keiner gerechnet hatte: Reste von Braunkohle.

    02 / OT Stockhammer
    Wir hatten damals eine ganz neue Methode zur Verfügung, um aus menschlichem Zahnstein Nahrungsreste zu isolieren.

    SPRECHERIN:

    Zahnstein. Mineralisierter Zahnbelag. Die harten Verfärbungen am Zahn, die heutzutage der Zahnarzt entfernt. Archäologen können sie genauso abkratzen – von Zähnen, die zu ihren Funden gehören. Zum Beispiel von Menschen, die einst in der Bronzezeit gelebt haben.

    03 / OT Stockhammer
    Ich dachte, wie cool ist das denn? Ich kann sehen, was Menschen vor 4000 Jahren gegessen haben, indem ich Zahnstein rausnehme.

    SPRECHERIN:
    In den Ablagerungen sind nämlich chemische Signaturen von den Speisen eingeschlossen, die die Menschen damals zu sich genommen haben. Der Zahnstein ist wie ein Tresor für die Forscher.

    04 / OT Stockhammer
    Und dann kam heraus, dass im Zahnstein noch viel mehr drinsteckt als nur, was die Menschen gegessen haben, nämlich auch, was sie so alles sonst noch eingeatmet haben.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Vor allem, wenn sie über lange Zeit am Feuer gesessen oder gearbeitet haben. Spuren von Holzkohle, sogar verschiedene Baumarten kann man chemisch identifizieren, Tier-Dung, der verfeuert wurde.
    Aber mit einem hatte Philipp Stockhammer nicht gerechnet: In dem über 3.000 Jahre alten Zahnstein, den er untersucht hat, war eindeutig die chemische Signatur von Braunkohle zu finden. Genauer: von den Verbrennungsprodukten der Braunkohle.

    05 / OT Stockhammer
    Und ich dachte mir so: Wie? Braunkohle? Griechenland, zweites Jahrtausend vor Christus – Braunkohle? Häh?

    SPRECHERIN:

    Die Menschen aus der Bronzezeit, deren Zähne Philipp Stockhammer untersucht hat, müssen sich regelmäßig in der Nähe eines Feuers aufgehalten haben, das mit Braunkohle befeuert wurde – ein überraschender Befund. Bis vor Kurzem noch, bis ins Jahr 2021, nahmen Archäologen nämlich an, dass die Menschen erst rund 1.000 Jahre später die Braunkohle als Rohstoff entdeckt haben.

    06 / OT Stockhammer
    Blöd! Die Forschung ist jetzt hundert Jahre davon ausgegangen, dass es so war, nicht anders… (…) Wie erkläre ich jetzt die Vergangenheit neu?

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Der Bergbau ist eine sehr alte Kulturtechnik. Die zurückreicht in Zeiten, zu denen noch der Neandertaler existiert hat und die Menschen noch nicht sesshaft waren.

    07/OT Stöllner
    Die frühe Rohstoffgewinnung, die Aneignung von mineralischen Ressourcen, beginnt eigentlich vor Ackerbau und Viehzucht. (…) In Südafrika haben wir Beispiele, die etwa 40- bis 60.000 Jahre vor heute zurückreichen.

    SPRECHERIN:

    Dort wurde beispielsweise roter Farbstoff abgebaut, in Form von Pigmenten, erzählt der Montan-Archäologe Professor Thomas Stöllner von der Ruhr-Universität Bochum. Er leitet das Deutsche Bergbau-Museum:

    08/OT Stöllner
    Es zeigt Ihnen, dass die Aneignung der Erde und damit eigentlich Bergbau zu einer Urproduktion des Menschen gehört. Das, finde ich, ist vielleicht nicht jedermann bewusst, ist aber ein ganz wesentlicher, sozusagen kultureller Faktor, der für die Menschen einfach wichtig ist.

    SPRECHERIN:

     „Aneignung der Erde“ – damit meint Thomas Stöllner, dass die Menschen die Erde über tausende von Jahren immer besser kennen gelernt haben. In der menschlichen Umwelt gibt es eben nicht nur Pflanzen und Tiere, die als Nahrungsquelle dienen, sondern auch: Georessourcen. Also: Mineralien, Rohstoffe. Die haben die Menschen nach und nach entdeckt.

    MUSIK

    SPRECHERIN
    In der Regel haben sie sie wohl erst einmal zufällig an der Erdoberfläche gefunden. Dort sind ihnen vielleicht besonders schön gefärbte oder glitzernde Steine aufgefallen. Und, einmal genutzt, haben sie dann systematisch nach ihnen gesucht – und auch irgendwann danach gegraben. Dass Bergbau so eine alte Kulturtechnik ist, wissen Archäologen übrigens deshalb, weil an denselben Stellen heute manchmal immer noch Bergbau betrieben wird. Und ab und an stoßen die Menschen, die im modernen Bergbau arbeiten, dann eben auf alte Stollen oder alte Werkzeuge. Wenn die Archäologen Glück haben, werden sie dann auf den Plan gerufen.

    09 / OT Stöllner
    Zum Beispiel gibt es da drin Horn. Stellen Sie sich vor: ein eiszeitliches Tier, die Saiga-Antilope, die dort heimisch war. (…) Und diese Saiga-Antilope, deren Gehörn, wurde zum Ausgraben dieser Pigmente genutzt.

    SPRECHERIN:

    Immer wieder finden die Forscher Erstaunliches.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    In der Nähe von Kelheim in Niederbayern entdeckte ein Hobby-Archäologe merkwürdige Verfärbungen im Boden eines großflächigen Sand- und Kiesabbaus. Das war in den 1980ern. Die Verfärbungen waren kreisrund. Eine neben der anderen. Wie ein Schweizer Käse sah das Areal aus. Nur, dass der Boden eben nicht durchlöchert, sondern merkwürdig befüllt war. So kam bei Abensberg-Arnhofen etwas an die Oberfläche, das lange Zeit verschüttet war. Das Archäologen aber schon wie eine Stecknadel im Heuhaufen gesucht hatten: eines der größten und qualitativ hochwertigsten Feuersteinbergwerke der Steinzeit, 5- bis 7000 Jahre zurück in der Menschheitsgeschichte. Hier wurde Feuerstein für Waffen und Arbeitsgeräte abgebaut und auch weithin in ferne Regionen gebracht. Es war nicht irgendein Feuerstein. Es war mit der beste Feuerstein seiner Zeit.

    10 / OT Michael Rind
    Man spricht von dem gebänderten Plattenhornstein. Der Hornstein ist charakteristisch und sieht im Grunde genommen aus wie ein aufgeschnittener Baumkuchen. Das heißt, es gibt ganz viele einzelne Schichten, dunkel- und hellgrau. Das hängt mit der Entstehung dieses Hornsteins vor etwa 160 Millionen Jahren zusammen. Das Material ist schon von besonderer Qualität und Güte, sodass es sich für die Menschen auch gelohnt hat, dieses Material vor Ort abzubauen. (…) Und zwar im ganz ganz großen Stil. (…) Das war schon eine kleine Sensation. Vor allen Dingen für den süddeutschen Raum. Man wusste ja aufgrund der Funde aus den Siedlungen nicht nur in Bayern, auch im angrenzenden Österreich, dass dieser Hornstein hier abgebaut worden sein muss. Man kannte nur die Stelle einfach noch nicht.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Im Landkreis Kelheim sind bislang drei solcher Feuersteinbergwerke gefunden worden, in Deutschland insgesamt sieben. Doch der Fund von Abensberg-Arnhofen bleibt für Professor Michael Rind, damals der Kreisarchäologe vor Ort, ein besonderer:

    11 / OT Michael Rind
    (…) weil das für den ganzen süddeutschen Raum das größte Bergwerk ist, das wir haben. Wir gehen im Moment davon aus, dass ungefähr 200- bis 300.000 Schächte damals dort abgeteuft worden sind. Das ist schon eine ganze Menge.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Hunderttausende Löcher, eines neben dem anderen. Manche sind so schmal, dass dort vermutlich Kinder gearbeitet haben. Wahrscheinlich sind sie an einem Seil nach unten gelassen worden, haben den Feuerstein, der lose in der Erde lag, aufgesammelt und sind wieder hochgezogen worden. Es gab keine unterirdischen Gänge oder Stollen.

    MUSIK

    12 / OT Michael Rind
    Sie müssen sich vorstellen, Sie stehen in einer acht Meter tiefen Röhre, die Sie ausgegraben haben. Und Sie gucken nach oben. Das ist schon eine gewaltige Distanz. Diese Löcher, die man damals gegraben hat, die haben ja häufig nur einen Durchmesser, sodass man sich gerade darin bewegen konnte. (…) Da bekommt man schon Angst, wenn man nach oben schaut, vor allen Dingen, wenn man weiß, dass die ganzen Seitenwände nicht verstärkt worden sind. Das heißt also, dass der Erddruck jederzeit dazu führen kann, dass man dort verschüttet wird.

    SPRECHERIN:

    Die Menschen gruben in die Tiefe, von oben nach unten, immer dem Feuerstein nach, und wenn sie tief genug unten waren, hörten sie dort auf und gruben daneben ein neues Loch.

    13 / OT Michael Rind
    Das war ein riskantes Unterfangen. Natürlich, weil die Seitenwände nicht stabil waren. Und das Ganze wurde immer sofort wieder verfüllt, weil man auch Angst hatte, dass diese Schächte in sich zusammenstürzen könnten. Und man hat immer mit dem Aushub des gerade bearbeiteten Schachtes den letzten alten Schacht wieder verfüllt.

    SPRECHERIN:

    Das heißt: An der Oberfläche sind deshalb Kreise zu sehen, weil die gegrabenen Löcher gleich wieder zugeschüttet worden sind. Schicht für Schicht.

    SPRECHERIN
    Michael Rind hat zehn Jahre lang mit seinem Team hunderte der Schächte ausgegraben, untersucht und dokumentiert. Dabei haben die Archäologen viel Erde gesiebt und einige wichtige Funde gemacht: Arbeitsgeräte zum Beispiel, die die Menschen in der Steinzeit zum Graben verwendet haben.

    14 / OT Michael Rind
    Es gab bis zu diesem Zeitpunkt am Beginn der 2000er Jahre keinen einzigen Fund von so einer Geweih-Hacke und wir haben jetzt immerhin aus mehreren Schächten solche Geweih-Gezähe gefunden. Das ist schon ein ganz wichtiger Aspekt. Denn diese Dinge, die sich auch nur schwer im Boden halten, würden sonst überhaupt nicht entdeckt werden.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Zwischen 1998 und 2009 konnte Michael Rind insgesamt 650 dieser Schächte ausgraben. Das gibt eine Idee von der unglaublichen Dimension und Schaffenskraft, die die Menschen in der Steinzeit an den Tag gelegt haben müssen, die hunderttausende dieser Löcher gegraben haben.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Einen spezialisierten Beruf, den des Bergmannes, gibt es wohl ziemlich sicher in der Jungsteinzeit noch nicht. Die Menschen haben das Einsammeln der Feuersteine nebenbei betrieben.
    Den Ertrag pro Schacht schätzt Michael Rind auf zirka 50 Kilogramm Feuerstein. Genug für eine Siedlung, um zwei bis drei Jahre damit auszukommen. Die Menschen der Steinzeit benötigten Feuerstein etwa, um hochwertiges Werkzeug herzustellen, so genannte Silex-Klingen, sehr scharfe Messer, die teilweise heute noch in der Chirurgie eingesetzt werden. Aber auch Waffen wurden damit hergestellt, Holz bearbeitet, Jagd-Bögen geschnitzt oder Tiere gehäutet. Guter Feuerstein sicherte
    das Überleben. In Abensberg-Arnhofen ist viel, viel mehr Feuerstein abgebaut worden, als die umliegenden Siedlungen für sich selbst gebraucht hätten. Und es lässt sich mit Funden belegen: Der niederbayerische Feuerstein ist bis zu 600 Kilometer weit, bis nach Osteuropa, transportiert worden. Unklar ist für die Forschenden, wie genau diese Handelskette funktioniert hat:

    17 / OT Michael Rind
    Konnte da jeder an diese Stelle herangehen? War die Stelle frei zugänglich oder haben die Menschen ihre Monopolstellung erkannt? Das haben sie offensichtlich nicht, denn das Material wurde zwar vertauscht, und man kannte Qualität und Güte des Materials, war sich dessen bewusst. Aber man hat es nur vertauscht und nicht verhandelt, denn sonst hätte man mit viel mehr Profitgier aus dem Material etwas herausschlagen können.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Die steinzeitlichen Siedlungen rund um das Feuersteinbergwerk Abensberg-Arnhofen sind nicht besonders reich ausgestattet. Ohne besondere Prestige- oder Luxusobjekte. Die Menschen vor rund 5.000 Jahren tauschten also vermutlich den Feuerstein ein gegen das, was sie brauchten – aber auch nicht gegen mehr.

    MUSIK

    SPRECHERIN:

    Ein Profi-Business rund um den Bergbau, mit hoch spezialisierten, komplexen Tätigkeiten, mit technologischen Innovationen und intellektuell ausgereiften Erfindungen, ein Bergwerk im heutigen Sinne mit unterirdischen Stollen, zum Teil auch mit hölzernen Stützkonstruktionen, mit Gangsystemen, Entwässerung und Belüftungsschächten, ein komplexes Unterfangen, das von mehreren Siedlungen als Gemeinschaftswerk betrieben wurde – das ist für die Bronzezeit, also gut 1.000 Jahre weiter in der Menschheitsgeschichte, gut dokumentiert. In unmittelbarer Nähe zu Bayern: am Mitterberg in der Nähe von Salzburg. Die mächtigste Kupfer-Erz-Lagerstätte der Ostalpen. Für Zentraleuropa die bedeutendste.

    18 / OT Prof. Stöllner
    Der Mitterberg ist so ein Paradebeispiel für diese frühe Kupfer-Erz-Gewinnung in den Zentral- und Ostalpen und durch seine gute Erhaltung der Quellen, der Schmelzplätze, der Bergwerke, der Siedlungen im Umfeld, der so genannten Aufbereitung, dieser technischen Anlagen eben auch zu Recht berühmt.

    SPRECHERIN:
    Schon seit Mitte des 19. Jahrhundert werden am Mitterberg archäologische Funde gesichert: Bronzezeitliche Werkzeugkästen, Pickel, Halterungen aus Holz für Hacken, aber auch oberirdische Schmelzplätze mit Öfen und so genannte Röstbetten, also Gruben, in denen das zerkleinerte Kupfererz erhitzt wurde, bevor es dann zum Schmelzen ging… ein wahres Füllhorn für Archäologen, Funde, die von einer Art früh-industrieller Produktion erzählen.

    MUSIK

    19 / OT Stöllner
    Diese frühe Erschließung des Mitterbergs hat große Bedeutung. Weil man mit diesen frühen Funden praktisch überhaupt das erste Mal so ein Kupfererz-Bergbau-Revier der Urgeschichte mit Funden verstanden hat: Betriebsgeräte, Schäftungen, Pickel, Hölzer…Das hat damals große Furore gemacht. Viele Funde waren zum Beispiel bei der Weltausstellung in Paris.

    SPRECHERIN:
    Sie haben die Montan-Archäologie und die Archäo-Metallurgie als Spezial-Disziplinen mitbegründet, die sich noch heute an den Funden vom Mitterberg abarbeiten. Bis zu 200 Meter tief haben die bronzezeitlichen Bergleute gegraben.

    MUSIK

    20 / OT Stöllner
    Das sind die weltweit größten und tiefsten Bergwerke der Zeit. Das ist wirklich auffällig. (…) 24.000 Tonnen Quarz-Kupfer ist schon eine Hausnummer. Wir glauben, dass halb Europa vom Mitterberg versorgt wurden. Und das ist schon sehr, sehr beeindruckend.

    MUSIK

    SPRECHERIN:
    Und die Menschen der Bronzezeit hatten bereits sehr komplexes und spezialisiertes Wissen.

    21 / OT Stöllner
    Der Stein wurde in Teilen häufig noch mit Feuer geschwächt. Man nennt das Feuer setzen…

    SPRECHERIN:
    Unterirdisch haben die bronzezeitlichen Bergarbeiter also ein Feuer vor der Wand entfacht, in der das Kupfer-Erz eingeschlossen war, um das sehr feste Gestein aufzulockern. Durch die Hitze dehnt sich das Gestein und reißt. So kann das Kupfer-Erz dann einfacher aus der Felswand geschlagen werden. Doch wer unterirdisch Feuer setzt, muss für eine gute Belüftung sorgen. Sonst könnten die Bergleute ersticken. Den Menschen in der Bronzezeit war dieser Zusammenhang bewusst und sie setzten systematisch so genannte „Durchstiche“ nach oben, um die Frischluftzufuhr unter Tage sicher zu stellen. Ein technisch hoch aufwändiger Bergbau, meint Thomas Stöllner vom Deutschen Bergbau-Museum.

    22 / OT Stöllner
    Vielleicht ein Fund, der besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, ist ein Zirkel, den wir 2004 in einer Grabungsstrecke entdeckt haben.

    SPRECHERIN:

    Zwei hölzerne Schenkel, die von einem Nagel zusammengehalten wurden.

    23 / OT Stöllner
    Wir wissen, dass mit diesem Zirkel Winkel abgenommen werden konnten. Und wir wissen an einer anderen Stelle, nicht weit von dieser Fundstelle entfernt, dass man in der Bronzezeit vermessen hat, also vielleicht so einen Zirkel eingesetzt hat. Warum wissen wir das? Dort sind zwei Strecken im so genannten Gegen-Ort-Betrieb aufeinander zugeführt worden – von zwei verschiedenen Grubenbauteilen eben aufeinander zugeführt…

    SPRECHERIN:
    Zwei Gänge sind also, so stellt Thomas Stöllner fest, systematisch aufeinander zu gegraben worden. Das geht nur, wenn es vorherberechnet wurde.

    MUSIK

    24 / OT Stöllner
    Und man hat sich wirklich punktgenau an einer Stelle getroffen. Das ist ein ganz klarer Beleg für eine Vermessungsingenieursleistung. In der Zeit des 15. Jahrhunderts vor Christus. Was ein Eye-Opener war für die hohen technologischen Fertigkeiten mancher bronzezeitlicher Bergleute in dieser Zeit. Die beherrschen, wenn Sie so wollen, eine Urform des Pythagoras oder auch der Trigonometrie, anders wäre so etwas nicht möglich. Wir haben mittlerweile auch andere Belege für Längenmaße und sowas. Daran sehen Sie, dass der Bergbau, der ja hoch aufwändig ist, auch ein Innovationstreiber war.  (…) Und man kann füglich davon sprechen, dass der Bergbau Mitterberg einer der Hochtechnologiekomplexe der Zeit war, überregional weit über die alte Welt hinaus, ist es sicherlich DIE innovativste Bergbautechnik, die wir in der Bronzezeit kennen. Und das ist auch schon sehr erstaunlich, weil es unser Bild von den Hochkulturen des Alten Orients doch ein bisschen relativiert.

    SPRECHERIN:
    Hochtechnologie gab es eben auch im Alpenraum der Bronzezeit. Und manchmal brauchen auch die Forscher Heute ausgeklügelte Technologien, um dem Leben vor tausenden von Jahren auf die Spur zu kommen.

    25/ OT Philipp Stockhammer
    Das sind Methoden, die sind brandneu. Das ist nicht so, dass Sie da diesen Zahnstein in die Maschine stecken, ein Knopfdruck, dann kommt auf der anderen Seite die Analyse raus, sondern sie müssen es aufbereiten, Sie sind Monate dran, diese Daten auszuwerten, das ist wahnsinnig schwierig.

    SPRECHERIN:
    Professor Philipp Stockhammer aus München, der Zahnstein aus der Bronzezeit untersucht, hat sich zu diesem Zweck mit dem ehemaligen Lebensmittelchemiker Stephen Buckley zusammengetan.

    26 / OT Stockhammer
    Das ist einfach ein Crack, der in diesen so genannten Chromatogrammen, das ist das, was wir aus den Maschinen rauslesen, einfach all diese Biomoleküle identifizieren kann und sagen kann: Dieses Biomolekül steht für die Pflanze oder die und die Substanz.

    SPRECHERIN:
    Als Stephen Buckley – ein Pionier auf seinem Gebiet – also auf Philipp Stockhammer zukam mit dem Ergebnis, Verbrennungsstoffe von Braunkohle in den rund 4.000 Jahre alten Zähnen aus Griechenland gefunden zu haben, konnte es Philipp Stockhammer zunächst nicht fassen. Aber chemisch war das Ergebnis absolut eindeutig.

    27 / OT Stockhammer
    Wir konnten tatsächlich bei den verschiedenen Individuen auch sehen, wo die Braunkohle herkam, die sie eingeatmet haben, weil wir eben genau diese chemische Zusammensetzung feststellen konnten, die in Griechenland heute für eine bestimmte Lagerstätte bekannt ist. Es ist einfach fantastisch.

    SPRECHERIN:
    Und dennoch zunächst ein kleiner Schock für Philipp Stockhammer.

    28 / OT Stockhammer
    Warum haben wir von der Archäologie nie irgendetwas gewusst oder gesehen? Ich meine, da wird seit Schliemann seit 130 Jahren gegraben. Und wir hatten keine Ahnung, dass sie Braunkohle genutzt haben.

    SPRECHERIN:
    Mehr noch: Die Braunkohle wurde offenbar über 150 Kilometer aus einem anderen Teil Griechenlands importiert. Die Zähne, die Philipp Stockhammer und Stephen Buckley untersucht haben, stammen von Menschen, die um das 13. Jahrhundert vor Christus in Tiryns gelebt haben, einer antiken Stadt im Nordosten der Peloponnes. Sie atmeten über eine lange Zeit Verbrennungsstoffe von Braunkohle ein – von Braunkohle, die aus Olympia angeliefert wurde. Hatten sie vor Ort nichts Anderes zum Feuermachen?

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Und die Menschen in Tiryns brauchten viel Feuer. Denn in Tiryns fand eine Massenproduktion an Keramik statt.

    29 / OT Stockhammer
    Nur für den Export, zum Teil nach Zypern oder in die Levante. Es waren Manufakturen, antike Mega-Werkstätten, in denen man einfach mal 40.000 Gefäße pro Jahr nur für den Export hergestellt hat. Das sind Tonnen an Produkten, für die ich auch Tonnen an Brennmaterial brauche. Keramik brennt sich ja nicht von alleine.

    SPRECHERIN:
    Die Brenn-Öfen liefen auf Hochtouren. Offensichtlich mit Braunkohle. Ein bislang übersehener Aspekt in der Archäologie. Aber bei genauer Betrachtung nur allzu logisch, dass es so gewesen sein muss für Philipp Stockhammer:

    30 / OT Stockhammer
    Aber im Endeffekt passt es auch so gut, weil ich hab mir dann überlegt, naja, Griechenland war damals sehr dicht besiedelt. Wir hatten Paläste, wir hatten Wirtschaftssysteme, umfangreichen Schiffsbau. Da standen nicht allzu viele Bäume.

    SPRECHERIN:
    Weil schon alles abgeholzt war.

    31 / OT Stockhammer
    Und was für mich eben jetzt auf einmal klar wird, worüber ich mir nie Gedanken gemacht hatte: Welches Brennmaterial nehmen die denn? Auf einmal ist mir klar, dass in einer dicht besiedelt und zugleich völlig entwaldeten Gegend man trotzdem was braucht, mit dem man die Brennöfen auf Hochtouren laufen lassen kann und auf einmal macht die Braunkohle natürlich Sinn.

    SPRECHERIN:
    In einem Text von Theophrast rund 1.000 Jahre später ist beschrieben, wie in Olympia Braunkohle an der Erdoberfläche zu finden ist.

    32 / OT Stockhammer
    Wenn noch im 4. Jahrhundert vor Christus Theophrast die an der Oberfläche bei Olympia finden kann, dann konnte ich die tausend Jahre früher auch dort an der Oberfläche finden. (…)
    Ich hatte ja ursprünglich gar nicht vor zur Braunkohle zu arbeiten und bin jetzt total fasziniert, auf einmal gibt es neue Denkmöglichkeiten und neue Antworten, es gibt viele Fragen. Und bin selber noch so ein bisschen überwältigt. Man muss das Ganze auch noch kulturell einordnen, was das eigentlich bedeutet. (…) Für mich öffnet so ein Projekt dann manchmal so eine Tür, einen Spalt in eine Denkwelt, die uns bislang einfach verloren war.

    MUSIK

    SPRECHERIN:
    Braunkohle in der Bronzezeit. Kupfer-Erzabbau mit mathematischen Berechnungen und hoch komplexen Ingenieursleistungen. Und hunderttausende handgegrabene Schächte in Niederbayern, aus denen Feuerstein für halb Europa an die Oberfläche geholt worden ist. Nur drei Geschichten, die zeigen, wie innovativ, organisiert und erfindungsreich die Menschen vor tausenden von Jahren die Erde mit ihren Schätzen für sich nutzbar gemacht haben.

    MUSIK

     


    28 March 2025, 11:05 am
  • 23 minutes 58 seconds
    LEBEN VOR JAHRTAUSENDEN - Der Alltag der Frauen

    Dass Frauen in der Steinzeit nicht in einer Kinderschar ums Feuer saßen und auf den Familienernährer warteten, ist inzwischen weitgehend bekannt. Doch wie lebten Frauen dann? Welche Belege gibt es und welche Thesen? Und - was bringt uns die Frage nach Geschlechterrollen in grauer Vorzeit? Von Silke Wolfrum (BR 2025)

    Credits
    Autorin: Silke Wolfrum
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Christoph Jablonka, Julia Fischer
    Technik: Lorenz Kersten
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Im Interview: Prof. Dr. Brigitte Röder, Claudine Cohen

    Linktipps:

    radioWissen (2025): Beruf Hausfrau – Die Geschichte einer Arbeiterin

    Die klassische "Hausfrau" ist tot. Oder doch nicht? Wer kocht, putzt und wäscht, wenn alle arbeiten? Und wann entstand das Bild der "Hausfrau"? Von Julia Fritzsche (BR 2019) JETZT ANHÖREN

    funk (2022): Frauen an der Front

    Wenn wir an Schlachten und Kriege denken, kommen vielen wohl ähnliche Bilder in den Kopf: Männer in Schützengräben. Panzerfahrer. Ritter auf Pferden. Generäle in Uniform. Dabei spielen Frauen oft eine größere Rolle im Krieg als vielen auf den ersten Blick erscheint. JETZT ANSEHEN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

    DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

    Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    MUSIK

    ZUSPIELUNG 01 a: Brigitte Röder
    Einer der größten Irrtümer ist, dass man von den Frauen in der Steinzeit spricht. Denn genauso wie heute die Lebensverhältnisse von Frauen sehr, sehr verschieden sein können, war das auch in der Vergangenheit der Fall.

    SPRECHER:
    Sagt Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Uni Basel.

    ZUSPIELUNG 01 b: Brigitte Röder
    Und das andere ist, dass man sich klarmachen muss, dass die Steinzeit 2,8 Millionen Jahre umfasst. Also das ist ein ungeheuer langer Zeitraum, in dem sehr viele Veränderungen stattgefunden haben. Und von daher muss man schon davon ausgehen, dass sich auch die Lebensverhältnisse für die Geschlechter in diesem langen Zeitraum verändert haben.

    MUSIK

    SPRECHER:
    Aussagen über Geschlechterrollen in der Steinzeit zu treffen ist nicht leicht. Nicht nur aufgrund des immensen Zeitraums, auch weil es sich um eine Zeit vor der Schrift handelt, ihre Überreste also ausschließlich aus Knochen, Steinen, Siedlungsresten, aus Kunstobjekten, evtl. auch aus Stoff- oder Nahrungsresten bestehen. Ein nicht minder großes Problem stellt zudem der häufig subjektiv gefärbte Blick dar, mit dem die Steinzeit betrachtet wird, so die Philosophin und Wissenschaftshistorikerin Claudine Cohen von der l'EHESS, einer Universität für Sozialwissenschaften in Paris.

    ZUSPIELUNG 02: Claudine Cohen - OVERVOICE
    Il se trouve bien que... les cadres bourgeois de nos sociétés
    Man hat sich in der Geschichte lange Zeit nicht wirklich mit Frauen beschäftigen wollen, man hat sehr lange die Rolle der Frauen praktisch ausgelassen, unsichtbar gemacht. Es gab schon eine Reihe von Darstellungen, aber es waren extrem, sagen wir mal, banale Darstellungen, die die Konzepte der Gesellschaft des 19. oder 20. Jahrhunderts aufgriffen, um sie auf diese sehr, sehr weit entfernte Vergangenheit zu projizierten, die natürlich nichts mit den bürgerlichen Konzepten unserer Gesellschaften zu tun hat.

    SPRECHER:
    So wurde und wird z.T. immer noch in populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur wie in wissenschaftlichen Abhandlungen behauptet, Männer hätten in der Steinzeit die Rolle des Ernährers eingenommen, Frauen die der Kinderbetreuung und des Haushalts. Von dieser vermeintlich ursprünglichen und natürlichen Rollenaufteilung wird gern auf entsprechende angeblich geschlechtsspezifische Charakterzüge von Frauen und Männern geschlussfolgert. Hier der mutige Mann, der sich bestens orientieren kann, dort die fürsorgliche und eher vorsichtige Frau mit den besseren Kommunikationsfähigkeiten. Und so dient DIE Steinzeit, die es ja so - wie gerade gehört - gar nicht gibt, zur Projektionsfläche für Geschlechterfragen unserer Zeit, in der reichlich Verunsicherung herrscht. Stichwort Me too, Gendersternchen und „Krise der Männlichkeit“.

    ZUSPIELUNG 03: Brigitte Röder
    In solchen Situationen kommt es eigentlich regelmäßig vor, dass man nach Orientierung in der Vergangenheit sucht und dann häufig in der Urgeschichte landet, weil die Urgeschichte bei uns als eine Art Ur- und Naturzustand gilt, also als ob man quasi da noch mal auf das eigentliche Wesen des Menschen von Frauen und Männern gucken könnte, ohne die ganzen zivilisatorischen Prozesse, die dieses Wesen vielleicht verändert haben. Also man merkt schon dahinter steht ein essentialistisches Menschenbild, also die Vorstellung, dass es so etwas wie das Wesen des Menschen oder das Wesen der Frau, des Mannes gäbe. Dass man dieses Wesen dann in der Urgeschichte sucht und dann meint, man könne von dort quasi eine Antwort erhalten, wie Frauen und Männer eigentlich von Natur aus seit Urzeiten sind.

    SPRECHER:
    Neuere Ansätze gehen einen anderen Weg, stellen andere Fragen und können auf eine Vielfalt auch neuer wissenschaftlicher Methoden zurückgreifen. Wer heute seriös über die Rolle der Frau in der Vorgeschichte forscht, ist interdisziplinär, bedient sich der Paläontologie, die sich mit Fossilien befasst oder der Anthropologie, die Knochen untersucht, genauso wie der prähistorischen Archäologie, die sich mit behauenen Knochen oder Steinen beschäftigt oder der so genannten Trassologie, die Auskunft gibt über die Herstellung und Verwendung von Werkzeugen und den Spuren, die sie hinterlassen. Auch moderne DNA-Analysen bringen neue Erkenntnisse oder ethnografische Studien, die sich mit noch heute lebenden traditionellen Gesellschaften befassen und teilweise Rückschlüsse auf Bedingungen prähistorisches Lebens erlauben. Die Methoden ergänzen sich gegenseitig.

    ZUSPIELUNG 04: Brigitte Röder
    Da gibt es eine Untersuchung, die zeigt, dass es bei männlichen und weiblichen Skeletten aus der Altsteinzeit keine Unterschiede bei den Verletzungen gibt. Das heißt, dass man davon ausgehen muss, dass Männer und Frauen in der Altsteinzeit denselben Gefahren ausgesetzt waren, also haben sie offensichtlich ähnliche Tätigkeiten ausgeübt. Also das wäre jetzt ein indirekter Hinweis darauf, dass Frauen auch gejagt haben. Dann kann man sich mit ethnografisch überlieferten Gesellschaften beschäftigen. Eine Kollegin aus der Archäologie, Linda Owen, eine andere Kollegin, die aus der Ethnologie und der Archäologie kommen, Sibylle Kästner, haben beide dazu gearbeitet und haben aus der ethnografischen Literatur Beispiele zusammengestellt von Gesellschaften, in denen Frauen jagen, teilweise alleine, teilweise sogar mit Baby auf dem Rücken auf die Jagd gehen, teilweise in Treibjagden und in Gruppenjagden involviert sind.

    MUSIK

    SPRECHER:
    Bei den Inuit sind es v.a. Männer, die Eisbären, Karibus oder Wale jagen. Doch gibt es zu wenig männliche Nachkommen, fällt den Frauen diese Aufgabe zu. Die Arbeitsteilung ist unter gewissen Bedingungen also flexibel.
    Generell spielte die Großwild-Jagd in der Urgeschichte wohl nicht die entscheidende Rolle, die ihr oft zugeschrieben wurde. Ein Großteil der Nahrung setzte sich aus Kleinwild wie z.B. Hasen und pflanzlicher Nahrung zusammen. Frauen leisteten einen großen Anteil bei der Nahrungsbeschaffung, so Claudine Cohen:

    ZUSPIELUNG 05: Claudine Cohen OVERVOICE
    Pendant longtemps, on a cru … et même qu'elles chassaient.
    Lange Zeit glaubte man, dass Frauen zu Hause blieben, nichts taten, darauf warteten, dass man ihnen etwas zu essen brachte, und sich um eine reiche Nachkommenschaft kümmerten. Da denkt man heute wirklich ganz anders. Man glaubt, dass sie extrem mobil waren, dass sie nach draußen gingen, entweder Pflanzen sammelten, Wild sammelten, Eier und Muscheln sammelten und sogar jagten.

    MUSIK

    SPRECHER:
    Frauen schafften nicht nur Nahrung ran, sie spielten auch eine Rolle im Bereich der Kunst. Untersuchungen des amerikanischen Archäologen Dean Snow ergaben, dass Handnegative, die auf verschiedenen Höhlenmalereien neben den Tierzeichnungen zu sehen sind, zu Dreivierteln von Frauen stammen. Frauen legten also ihre Hand auf die Felswand, dann wurden mit einem Röhrchen Farbpigmente darauf geblasen und der Handumriss blieb erhalten.

    ZUSPIELUNG 07 Claudine Cohen OVERVOICE
    Alors effectivement, pendant longtemps…  qu'on voit et qu'on admire sur les parois des grottes.
     Als man die Kunst des Paläolithikums, die Kunst der Höhlenmalereien fand, dachte man sofort, dass es sich um die Kunst von Jägern handelte, die ihren Wunsch nach der Fortpflanzung des Wildes zum Ausdruck brachten, Jagdgeschichten erzählten usw., ohne sich auch nur vorzustellen, dass Frauen daran beteiligt gewesen sein könnten. Heute geht man davon aus, dass Frauen in den bemalten Höhlen waren, dass sie an dem teilnahmen, was dort stattfand, wahrscheinlich an Zeremonien, und dass sie vielleicht auch an der Herstellung dieser Malereien beteiligt waren, die man an den Höhlenwänden sieht und bewundert.

    MUSIK

    SPRECHER
    Frauen waren ebenso auch häufig selbst Gegenstand von Kunst. Aus der Alt- und Jungsteinzeit sind zahlreiche figürliche Darstellungen von Frauen erhalten. Erstaunlich ist ihre Ähnlichkeit untereinander. Die Körperformen sind stets stark überzeichnet, sie haben oft riesige Brüste, eine gut sichtbare Vulva, einen prallen Bauch, Kopf, Arme und Beine sind dagegen stark reduziert oder ganz weggelassen. Solche Frauendarstellungen fand man an der Atlantikküste genauso wie in Sibirien. Zu ihren berühmtesten Exemplaren zählen die 6cm große 40.000 Jahre alte so genannte Venus vom Hohlefels von der Schwäbischen Alb oder die 30.000 alte 11cm große Venus von Willendorf aus Österreich. Sie nach der römischen Liebesgöttin „Venus“ zu benennen, zeugt bereits von voreingenommenen Zuschreibungen. Lange sah man in den Figuren Fruchtbarkeit-Symbole.

    ZUSPIELUNG 08 Claudine Cohen OVERVOICE
    Alors, c'est vrai qu'il y a un certain nombre… aller plus loin dans l'interprétation
    Es stimmt, dass es eine Reihe von Statuetten gibt, die schwanger sind und die Schwangerschaft darstellen. Sie sind sehr klein und waren vielleicht Amulette. Amulette weniger, um Fruchtbarkeit hervorzurufen, als vielmehr, um die Schwangerschaft und die Geburt zu schützen. Dies ist eine Interpretation, die heute vorherrschend ist. Was sie auf jeden Fall aussagen, ist, dass es eine Symbolik gab, die mit der Frau und dem Körper der Frau zusammenhing. Weiter kann man eigentlich nicht gehen.

    SPRECHER:
    Was diese Figuren auf alle Fälle nicht sind: Belege für die Existenz eines Matriarchats, wie es einige Feministinnen v.a. ab den 70er-Jahren behaupteten. Die in Kalifornien lebende Anthropologin Marija Gimbutas sah in den üppigen Statuetten einen Beleg für einen Fruchtbarkeits-Kult um die „Große Mutter“, der von der jüngeren Altsteinzeit bis zur Bronzezeit in ganz Europa geherrscht haben soll. Es gibt dafür jedoch keinerlei Beweise. Überhaupt ist schon allein die Begrifflichkeit des Matriarchats problematisch, findet Brigitte Röder:

    ZUSPIELUNG 09: Brigitte Röder
    Matriarchat und Patriarchat sind Begriffe, die auch im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft entstanden sind, sind auch zutiefst essentialistisch von den damaligen Vorstellungen, vom Wesen von Männern und von Frauen geprägt. Auch von der Idee, dass ein Geschlecht in allen gesellschaftlichen Bereichen über das andere herrscht. Und da ist die Wissenschaft inzwischen doch auf einem ganz anderen Standpunkt, was jetzt die Rekonstruktion von Herrschaftsverhältnissen zwischen Geschlechtern in Gesellschaften anbelangt. Da geht man eher davon aus, dass es in Gesellschaften verschiedene Felder gibt, in denen Geschlechter mehr oder weniger zu sagen haben und dass diese Felder sich auch ständig verändern.

    SPRECHER:
    Es ist also anzunehmen, dass sowohl Machtstrukturen wie Rollen- und Familienkonzepte in der Steinzeit vielfältig waren, sich immer wieder veränderten und stark von äußeren Bedingungen abhingen. Ebenso scheint sich auch die Vorstellung von Geschlecht immer wieder verändert zu haben, wie man historisch gut nachweisen könne, so Brigitte Röder. Während wir nämlich heute mit einem Zwei-Geschlechter-Modell sozialisiert sind, in dem Männer und Frauen als grundsätzlich ganz verschiedene Wesen angesehen werden, gab es früher vermutlich auch völlig andere Vorstellungen. Das legen jedenfalls Funde von Menschen-Figuren oder Plastiken nahe.

    ZUSPIELUNG 10 Brigitte Röder
    Also es gibt eindeutig weibliche, eindeutig männliche Darstellungen und dann gibt es aber auch Darstellung, die nicht geschlechtlich für uns heute identifizierbar sind oder die auch mehrdeutig sind. Also beispielsweise kleine Plastiken, die man sowohl als Brüste als auch als ein Penis mit Hoden interpretieren kann. Da scheint mir, dass es eher ein Kontinuum war, wie man sich Geschlecht gedacht hat, vielleicht sogar, dass es so eine Art Wechselspiel zwischen männlichen und weiblichen Aspekten gab. Es wird auch dazu passen, dass man offenbar auch damals keinen kategorialen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gemacht hat, sondern es gibt Mensch-Tier-Mischwesen, die in diese Richtung deuten könnten.

    MUSIK

    SPRECHER:

    Die Altsteinzeit macht den größten Teil der Urgeschichte aus, man verortet ihren Beginn grob vor über 2,5 Millionen. Vor ca. 10.000 Jahren beginnt die Mittelsteinzeit, während der die Menschen noch überwiegend Jäger waren und vor etwa 7.500 Jahren die Jungsteinzeit mit einer geradezu revolutionären Veränderung der Lebensweise: mit der ersten Sesshaftwerdung, dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, wobei auch das grobe Vereinfachungen sind, denn die Menschen wurden nicht überall gleichzeitig sesshaft. Wenn überhaupt sind wir wohl eher die Erben des Neolithikums, also der Jungsteinzeit. In der so genannten Schnurkeramischen Kultur Ende der Jungsteinzeit finden sich z.B. Bestattungskulturen, denen vielleicht ein binäres Geschlechtermodell zugrunde liegt. Männer und Frauen werden hier unterschiedlich begraben, in anderen Posen, mit anderen Grabbeigaben. Im Lechtal bei Augsburg fand man Gehöfte mit daran anschließenden Friedhöfen ebenfalls vom Übergang der Jungsteinzeit in die Bronzezeit. Hier konnte man ein sogenanntes patrilokales Heiratssystem nachweisen, d.h. der Wohnort des Mannes war ausschlaggebend für die angeheiratete Frau. Auch das ein uns vertrautes Muster.

    ZUSPIELUNGEN 11 Brigitte Röder
    Da konnte man jetzt dank sehr guter DNA-Erhaltung Verwandtschaft rekonstruieren und konnte sehen, dass das Gehöft immer in der männlichen Linie weitergegeben wurde. In Kombination mit so genannten Isotopenanalysen, über die man die Mobilität von Individuen rekonstruieren kann, konnte man auch sehen, dass die Frauen, die mit den lokalen Männern Nachwuchs gezeugt haben, von weit her kamen, also die Männer blieben immer vor Ort, die Frauen kamen von außen rein. Das wäre jetzt durchaus zum Beispiel eine Erwartung, die man aufgrund des bürgerlichen Geschlechter-Modells gehabt hat. Allerdings, was auch damit verbunden war, nämlich die Vorstellung, dass die Frauen einfach getauscht und verheiratet werden. Das ist wiederum ein kulturelles Konzept. Es kann ja auch sein, dass die Frauen aus eigener Freiheit raus in diese andere Gruppe gegangen sind, um dort zu leben. Das finden wir jetzt wiederum nicht raus mit archäologischen Quellen.

    MUSIK

    SPRECHER:
    Es scheint sich also abzuzeichnen, dass sich mit der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit einige Gepflogenheiten und Vorstellung gegenüber der Altsteinzeit wohl grundsätzlich geändert haben. Denn einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die nomadischen Gesellschaften der Altsteinzeit eher gleichberechtigt bzw. frei von festen Hierarchien waren. Tatsächlich finden sich kaum Spuren von physischer Gewalt an Frauenskeletten der Altsteinzeit, so Claudine Cohen. Sie denkt sogar, dass die Vorstellung von Macht, sei sie nun von Männern oder Frauen, zu dieser Zeit gar nicht existierte. Aber in manchen Bereichen hatten Frauen sicher trotzdem eine besondere Bedeutung, z.B. bei der Familienplanung. Für Nomaden sind viele Kinder von Nachteil, schließlich gibt es schon genug andere Dinge, die man mit sich herumschleppen muss.

    ZUSPIELUNG 12 Claudine Cohen OVERVOICE
    Ce qu'on sait des sociétés nomades … le rapprochement entre les hommes et les femmes
    Wir wissen über nomadische Jäger- und Sammlergesellschaften, dass sie die Anzahl ihrer Kinder stark begrenzen. Das heißt, sie sorgen dafür, dass sie nur alle drei oder vier Jahre ein Kind bekommen, und zwar nicht nur durch Verhütungspraktiken, die den Gebrauch von abtreibenden oder empfängnisverhütenden Pflanzen beinhalten konnten, sondern auch, wenn es nötig war, und das war in diesen Gesellschaften bekanntlich der Fall, durch Kindstötung. . Und dann gibt es natürlich auch Normen, die von der Gruppe auferlegt werden, die von den Männern auferlegt werden, die die Annäherung zwischen Männern und Frauen einschränken können.

    SPRECHER:
    Als die Menschen in der Jungsteinzeit dann sesshaft werden und Ackerbau betreiben, ändert sich die Bedeutung von Kindern und damit auch die Rolle der Frau, so Claudine Cohen. Jetzt ist es von Vorteil möglichst viele Kinder zu haben, denn ihre Arbeitskraft wird gebraucht. Sie müssen auch helfen, das Eigentum zu verteidigen.

    ZUSPIELUNG 13 Claudine Cohen OVERVOICE
    Au moment du néolithique … plus fort qu'au paléolithique.
    In der Jungsteinzeit, als die Menschen sesshaft wurden, als sich all diese Revolutionen in der Landwirtschaft, der Viehzucht usw. vollzogen, wurde die Lage der Frauen sehr viel schwieriger, weil sie im Haus eher isoliert waren. Sie sind an die Kinder gebunden, sie sind an die häusliche Pflege gebunden, und zu diesem Zeitpunkt entsteht tatsächlich eine soziale Ungleichheit und eine Unterjochung der Frauen, die sicherlich viel stärker ist als im Paläolithikum.

    MUSIK

    Ebenso wie Frauen vermutlich gegenüber Männern einen Wissensvorsprung rund um die Themen der Fortpflanzung und Geburt hatten, so könnte dies auch in Bezug auf Pflanzenkenntnisse der Fall gewesen sein. Claudine Cohen hält es für nicht unwahrscheinlich, dass Frauen mit der Sesshaftwerdung den Garten- wie Ackerbau erfunden haben. Denn dazu würde als Vorgeschichte passen: So wie es heute in vielen traditionellen Gesellschaften Aufgabe der Frauen ist, Früchte, Beeren und Kräuter zu sammeln, so könnte das auch in der Altsteinzeit schon der Fall gewesen sein.

    ZUSPIELUNG 14 Claudine Cohen OVERVOICE
    Si elles étaient spécialistes des plantes… le relais de cette activité féminine
    Wenn sie Pflanzenspezialistinnen waren, kannten sie sich auch bestens mit Fasern aus, was sie sicherlich zu den Ersten machte, die Seile, Körbe, Stoffe usw. herstellten. Aber sie haben sicher auch beobachtet, wie die Pflanzen wuchsen, wo die Samen am besten aufgingen, welche Böden am fruchtbarsten waren usw. Und so ist diese Erfindung der Landwirtschaft sicherlich etwas, das man den Frauen zuschreiben kann, auch wenn es nach der Erfindung sicherlich zu Veränderungen in der Rollenverteilung gekommen ist. Und wahrscheinlich, als die Feldarbeit schwerer wurde, als die Arbeitsgeräte schwerer und schwieriger zu bedienen waren, vielleicht gab es hier eine Umkehrung und vielleicht übernahmen dann die Männer diese weibliche Tätigkeit.

    SPRECHER:
    Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen das Aufkommen einer Hierarchisierung der Gesellschaft wie auch die Entstehung von Kriegen in engem Zusammenhang mit der Sesshaftwerdung des Menschen und dem Beginn des Eigentums. Gewalt, vielleicht sogar Formen von Krieg kann es allerdings schon vorher gegeben haben. Brigitte Röder mahnt hier zur Vorsicht:

    ZUSPIELUNG 15 Brigitte Röder
    Ich finde es schwierig zu sagen, die Altsteinzeit war egalitär, ab der Jungsteinzeit haben wir Hierarchien. Es gibt andere Konzepte, die sagen die Herrscher-Hierarchien entstehen mit den Metallen in der Bronze-Zeit, also da gibt es verschiedene Ansätze heute, die aber meines Erachtens alle nicht wissenschaftlich fundiert sind. Wir können in der Archäologie immer nur über Fallstudien seriöse Aussagen machen. Und wenn man jetzt auf der Ebene von Fallstudien wäre, da könnte man dann einiges zusammentragen und sagen ja, in der Fallstudie kommt das raus, in der Fallstudie kommt jenes raus, und dann könnten wir zeigen, dass es eben nicht die Lebensverhältnisse in der Steinzeit gab, sondern dass man immer auf der Fall-Ebene argumentieren muss.

    MUSIK

    SPRECHER:
    Der Blick auf die Frauen in der Urgeschichte hat sich geändert, vieles ist noch ungewiss, vieles bleibt noch Hypothese, doch dank moderner Untersuchungsmethoden konnten auch schon zahlreiche Fehlinterpretationen geradegerückt und neue Erkenntnisse gewonnen werden, und das ist erst der Anfang. Eines ist für Brigitte Röder wie Claudine Cohen aber sicher: Die Menschen der Steinzeit haben viele Transformationen erlebt und folglich gab es eine Vielzahl von Formen des Zusammenlebens und eine Vielfalt von Geschlechterrollen.

    ZUSPIELUNG 16 Claudine Cohen OVERVOICE
    Jamais dans les sociétés humaines… doivent aussi changer
    In den menschlichen Gesellschaften gab es nie ein naturgegebenes Geschlechter-Verhältnis. Es war immer eine Struktur, die von der Gruppe durch Verwandtschaftsregeln, durch Verhaltensregeln und durch die Hierarchie in diesen Gruppen erzeugt wurde. Es gibt kein Modell, an das wir uns in unseren Beziehungen zwischen Männern und Frauen halten sollten, sondern es handelt sich um variable Beziehungen.

    MUSIK

    SPRECHER
    Geschlechterverhältnisse während der Steinzeit – ein Thema mit noch vielen offenen Thesen und Überlegungen. Es bleibt spannend.

     


    28 March 2025, 11:00 am
  • 23 minutes 8 seconds
    AFRIKA - Der Blick der anderen

    Afrika. Der schwarze Kontinent. Dunkel, gefährlich, primitiv. So hat das Europa lange dargestellt. Erst nach der Kolonialzeit hat sich eine andere Geschichtsschreibung herausgebildet - von Afrikanern selbst, nicht nur über sie. Von Klaus Uhrig (BR 2016)

    Credits
    Autor: Klaus Uhrig
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Friedrich Schloffer, Heinz Peter
    Technik: Monika Gsaenger
    Redaktion: Gerda Kuhn & Nicole Ruchlak
    Im Interview: Prof. Dr. Toyin Falola, Prof. Dr. Andreas Eckert

    Besonderer Linktipp der Redaktion:

    SR: Fragen an den Autor

    Die traditionsreichste Sachbuchsendung im deutschen Sprachraum stellt seit über 50 Jahren jeweils ein Buch eines Autors eine Stunde lang im Gespräch vor – und das mittlerweile auch als Podcast. Die Themen reichen von Politik und Wirtschaft bis zu Gesundheit, Erziehung oder Psychologie. Dabei kann auch das Publikum Fragen an die Autorinnen und Autoren stellen. ZUM PODCAST

    Linktipps:

    Deutschlandfunk (2024): Afrika im Aufbruch – Koloniales überwinden, sich selbst bestimmen

    Die Geschichte Afrikas reicht Jahrmillionen zurück. Kulturschaffende wie Designerinnen und Musiker wollen heute auf dieser reichen Vergangenheit aufbauen, den Kolonialismus überwinden und selbst bestimmen, was Afrika ist. JETZT ANHÖREN

    ZDF (2023): Afrika von oben - Menschen

    In Afrika existieren viele unterschiedliche Volksgruppen. Ihre Art zu leben unterscheidet sich stark – von sehr ursprünglich als Jäger und Sammler bis hypermodern. JETZT ANSEHEN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

    DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

    Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Alles Geschichte
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    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    Erzähler:
    Das große Missverständnis zwischen Afrika und der Geschichtswissenschaft zeigt sich bereits ganz am Anfang.

    Erzählerin:
    Also ganz am Anfang der Geschichtswissenschaft.

    MUSIK

    Erzähler:
    Am 26. Mai 1789 hält ein gewisser Friedrich Schiller seine Antrittsvorlesung an der Universität von Jena - mit dem Titel: "Was ist und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?"

    Erzählerin:
    Der Saal ist völlig überfüllt. Schiller ist zu diesem Zeitpunkt längst als Schriftsteller berühmt. Außerdem ist das Fach neu. So neu, dass der Historiker Schiller offiziell eine Professur für Philosophie bekommt - denn Lehrstühle für Geschichte gibt es noch nicht. Die Geschichtswissenschaft beginnt gerade erst, sich als akademische Disziplin herauszubilden.

    Erzähler:
    Schillers Antrittsvorlesung findet ein begeistertes Publikum. Dass sie so lebendig wirkt, liegt auch an einem rhetorischen Kniff: Schiller zählt nicht nur die Errungenschaften der abendländischen Geschichte auf, sondern er kontrastiert sie immer wieder mit einem anschaulichen Gegenbeispiel: Die nach seinem Wissen völlig unzivilisierten Weltgegenden außerhalb Europas. Südamerika. Der Südpazifik. Afrika.

    Zitator (Schiller):
    „Was erzählen uns die Reisebeschreiber nun von diesen Wilden? Manche fanden sie ohne Bekanntschaft mit den unentbehrlichsten Künsten, ohne das Eisen, ohne den Pflug, einige sogar ohne den Besitz des Feuers. Manche rangen noch mit wilden Thieren um Speise und Wohnung, bei vielen hatte sich die Sprache noch kaum von thierischen Tönen zu verständlichen Zeichen erhoben.“

    Erzählerin:
    Schiller ist kein Rassist. Das muss man dazu sagen. Er hat nur - wie fast alle Europäer - wenig Ahnung von der Welt außerhalb Europas.

    Erzähler:
    Er weiß zum Beispiel nicht, dass zu diesem Zeitpunkt mitten in diesem Afrika das zweitgrößte Bauwerk der Menschheitsgeschichte steht: Die Mauern von Benin im heutigen Nigeria. Eine mächtige Festungsanlage, die weltweit nur von der Chinesischen Mauer übertroffen wird.

    Erzählerin:
    Er weiß auch nichts von den Staaten an den großen Seen: Den Königreichen Bunyoro und Buganda und Ruanda, ihren komplexen Kulturen und ausgefeilten staatlichen Strukturen.

    Erzähler:
    Und dass es in Afrika - und zwar nicht nur in Ägypten - antike Hochkulturen gab, die bereits 2.000 Jahre vor seiner Zeit große Leistungen vollbrachten - auch das ist Schiller völlig unbekannt.

    Erzählerin:
    Seine Idee von "Universalgeschichte" ist eine Geschichte des Abendlandes. Dass irgendwelche Afrikaner dazu irgendetwas beizutragen haben könnten, ist offenbar selbst für einen der klügsten Köpfe des späten 18. Jahrhunderts kaum vorstellbar.

    Erzähler:
    Das ändert sich auch im 19. Jahrhundert nicht. Beispiel Hegel: Der berühmte Philosoph formuliert 1837 einen Gedanken über Afrika, der sich in den nächsten eineinhalb Jahrhunderten großer Beliebtheit erfreuen wird: Afrika, der Kontinent ohne Geschichte.

    MUSIK

    Zitator (Hegel):
    „Jenes (...) Afrika ist, so weit die Geschichte zurückgeht, für den Zusammenhang mit der übrigen Welt verschlossen geblieben; es ist das in sich gedrungene Goldland, das Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewußten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist.“

    O-Ton Andreas Eckert:
    Die Vorstellung, Afrikaner könnten irgendwas entwickeln oder zur Menschheitsgeschichte Entscheidendes beitragen, das erschien den meisten Zeitgenossen einfach absurd oder unmöglich.

    Erzählerin:
    Andreas Eckert, Professor für Afrikanische Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin.

    O-Ton Andreas Eckert:
    Sicherlich gab es auch nicht so furchtbar viele Quellen. Aber der Hauptgrund ist glaub ich doch ein zutiefst rassistisches Denken. Und für ihn war Afrika etwas Unbekanntes, etwas Anderes, das er vor allem mit dem Sklavenhandel und der Sklaverei verband, und damit auch sehr stark ein zeitgenössisches Bild transportierte, das Afrika auch als Opfer auch des Sklavenhandels zeigte, aber eben als irgendwie erbärmlichen Kontinent, wo eigentlich nichts passiert.

    MUSIK

    Erzähler:
    Natürlich ist so ein Afrikabild für die europäische Öffentlichkeit auch durchaus praktisch. Denn im 19. Jahrhundert liefern sich die Europäer einen kolonialen Wettlauf um Afrika. Briten, Franzosen und Portugiesen annektieren große Gebiete. Der belgische König sichert sich den Kongo als Privatkolonie. Und gegen Ende des Jahrhunderts tauchen auch noch die Deutschen auf und besetzen die paar Landstriche, die noch übrig sind.

    Erzählerin:
    Und wenn das so arme Primitive sind, dort in Afrika, geschichts- und kulturlos, dann ist es natürlich völlig in Ordnung, sich ihre Länder einzuverleiben.

    Erzähler:
    Und die verquere Logik des Kolonialismus geht sogar noch einen Schritt weiter.

    Erzählerin:
    Es ist nicht nur natürlich, es ist sogar die verdammte Pflicht eines zivilisierten Europäers. Die Bürde des weißen Mannes.

    Erzähler:
    Das Bild vom geschichtslosen Kontinent hält sich noch lange - und das, obwohl mit den Kolonialherren auch die ersten europäischen Wissenschaftler nach Afrika kommen. Darunter auch ein paar Historiker.

    Erzählerin:
    Das Interesse an afrikanischer Geschichte ist allerdings immer noch überschaubar. Aus mehreren Gründen. Zum einen traut man den Afrikanern nicht zu, allzu viel Geschichte zu haben. Zum anderen versteht man die afrikanischen Sprachen noch zu wenig – und Schriftzeugnisse gibt es kaum.

    Erzähler:
    Das hält die Historiker und Sprachforscher aber nicht davon ab, wilde Theorien über die Geschichte Afrikas aufzustellen.

    Erzählerin:
    Eine der bizarrsten und mit Sicherheit die von den Auswirkungen her tragischste dieser Theorien ist die sogenannte Hamitentheorie.

    Erzähler:
    Sie hat ihren Ursprung in den Überlegungen des englischen Forschungsreisenden John Hanning Speke. Speke hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine Expedition angeführt, die sich auf die Suche nach den Quellen des Nils machte. Dabei drang er bis ins Gebiet des heutigen Uganda und Ruanda vor.

    Erzählerin:
    Dort traf er - für ihn überraschend - auf äußerst komplexe Gesellschafts-Strukturen, die er sich nur dadurch erklären kann, dass dort unterschiedliche Stämme nacheinander eingewandert seien. Für ihn und seine Nachfolger war dadurch klar: Die Geschichte Afrikas musste eine Geschichte von Wanderungsbewegungen sein.

    O-Ton Andreas Eckert:
    Das war allerdings oft sehr rassistisch geprägt und immer mit der Idee verbunden, bestimmte Entwicklungen in der Geschichte Afrikas könne man eigentlich nur erklären über den Einfluss von Nicht-Afrikanern, von Gruppen, die nach Afrika eingewandert sind, hellhäutige Gruppen. „Hamiten“ wurden die oft genannt und es gibt eine sogenannte Hamitentheorie, die im Grunde besagt, dass alles, was in Afrika an Entwicklung vor der Kolonialzeit geschah, von diesen Völkern von außen initiiert worden ist.

    Erzähler:
    Der Begriff „Hamiten“ geht auf die biblische Geschichte des Ham zurück. Ham, ein Sohn des Noah, wird darin von seinem Vater verflucht. Wobei sich der Fluch nicht direkt auf ihn bezieht, sondern auf seine Nachkommen.

    Erzählerin:
    Schon früh wurde diese Geschichte von Juden, Moslems, und Christen auch rassistisch interpretiert: Der Makel des Fluches sei sichtbar geworden durch die dunkle Hautfarbe der Nachkommen Hams.

    Erzähler:
    In der modernen Interpretation wurden die Hamiten dann zu einer eigenen Rasse erklärt. Hamiten seien zwar dunkelhäutig, aber bei genauerem Hinsehen nicht ganz so schwarz, wie andere Schwarze. Außerdem seien sie intelligenter und kriegerischer und hätten so, aus dem Nahen Osten kommend, viele "minderwertige" Völker unterworfen.

    Erzählerin:
    Ein Beispiel: Ruanda. Die Gesellschaft in Ruanda gliedert sich traditionell in zwei Gruppen: Hutu und Tutsi. Die Hutu waren früher großteils Bauern und stellten die große Masse der Bevölkerung. Die Tutsi dagegen waren großteils Viehhirten und bildeten die schmalere Oberschicht der ruandischen Kultur.

    MUSIK

    Erzähler:
    Die Vertreter der Hamitentheorie interpretieren diese Gesellschaftsstruktur so: Die Hutu seien die ursprüngliche Bevölkerung Ruandas, und vergleichsweise primitiv. Die kriegerischen und klugen, weil angeblich „hamitischen“ Tutsi seien irgendwann von Norden her eingewandert, hätten die Hutu-Bauern unterworfen und bildeten nun die "natürliche Oberschicht" des Landes. Jahrzehntelang ist diese Theorie wissenschaftlicher Konsens. Und das, obwohl sie schon im Falle Ruandas voller Widersprüche ist. So kann sie kaum erklären, wieso die angeblich völlig unterschiedlichen Völker der Hutu und Tutsi die gleiche Sprache sprechen, die gleichen Götter anbeten, überhaupt: Teil derselben Kultur sind. Andreas Eckert:

    O-Ton Andreas Eckert:
    Die Hamitentheorie ist wissenschaftlich völliger Humbug. Sie ist aber natürlich wirkungsmächtig gewesen, weil sie auch in ein bestimmtes Bild hineinpasst. Und weil es eben durchaus sehr bekannten Wissenschaftlern der Zeit gleichsam gelungen ist, diese Theorie wissenschaftlich scheinbar zu belegen. Mit bestimmten sprachgeschichtlichen Zeugnissen, die dann vermeintlich Hinweise auf bestimmte Wanderungen geben und so weiter und so fort. Sie hat eben den Zeitgeist relativ gut widergespiegelt und schien gewissermaßen rassistische Annahmen auch wissenschaftlich zu belegen. Das klärt ein Stück weit ihren großen Erfolg bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.

    Erzähler:
    Im Falle Ruandas entwickelt die Hamitentheorie dann schließlich ein gespenstisches Eigenleben. Die Belgier übernehmen 1918 Ruanda von den Deutschen und errichten ein äußerst rassistisches Kolonialregime. Dabei bedienen sie sich der traditionellen Tutsi-Eliten, denen sie mit der Hamitentheorie eine Rechtfertigung für ihre Höherstellung in der ruandischen Gesellschaft liefern.

    Erzählerin:
    Gemeinsam schreiben Tutsi und Belgier eine neue Geschichte des Landes, in der Tutsi zu einer überlegenen Eroberer-Rasse stilisiert werden, die sich ganz „natürlich“ die Herrschaft über die Hutu erkämpft hat.

    Erzähler:
    Später wird genau diese Geschichtserzählung den Tutsi zum Verhängnis. Nach der Unabhängigkeit kommt in Ruanda die Hutu-Mehrheit an die Macht. Die neuen Hutu-Eliten übernehmen die rassistische Geschichtsschreibung – deuten sie aber in ihrem Sinne um. Denn wenn die Tutsi tatsächlich irgendwann später nach Ruanda eingewandert waren – sind sie dann nicht eigentlich Invasoren? Fremde, die gar nicht nach Ruanda gehören, und die man genauso gut wieder vertreiben könnte?

    Erzählerin:
    Jahrzehntelang kocht die Hutu-Rassenideologie vor sich hin, immer wieder gibt es Pogrome an den Tutsi, dann einen Aufstand von Tutsi-Rebellen. Schließlich bildet sich Anfang der 90er Jahre eine radikale Hutu-Bewegung, die ganz offen über die Ausrottung der zu „fremden Einwanderern“ erklärten Tutsi nachdenkt.

    O-Ton Andreas Eckert:
    Ruanda ist ohne Zweifel das radikalste und traurigste Beispiel, dass eine solche Theorie dann eben nicht nur von Europäern, sondern auch von afrikanischen Eliten blutig gleichsam in die Praxis getragen wurde.

    Erzähler:
    Was dann passiert im Frühjahr 1994 ist bekannt: Der Genozid an den Tutsi. Eine Million Tote.

    MUSIK

    Erzählerin:
    Natürlich gibt für den Genozid zahlreiche weitere Gründe: wirtschaftliche, machtpolitische. Aber als Begründung für den größten Massenmord der afrikanischen Geschichte wird immer wieder die angebliche „Fremdrassigkeit“ der Tutsi angeführt.

    Erzähler:
    Nicht überall wird die koloniale Geschichtsschreibung so wenig hinterfragt, wie in Ruanda. Im Gegenteil.

    Erzählerin:
    Als in den späten 1950er und frühen 60er Jahren die meisten afrikanischen Staaten unabhängig werden, ist das Interesse an der eigenen Geschichte groß. Für den bekannten nigerianischen Historiker Toyin Falola ein beispielloser Aufbruch.

    O-Ton Toyin Falola:
    Very big interest. Because we want to know our past. We want to use the information on this past to build development. We are interested in making history relevant to contemporary education and were also interested in connecting history to nation building.

    Overvoice:
    Das Interesse an Geschichte war riesig. Wir wollten unsere Vergangenheit erforschen. Und wir wollten dieses Wissen nutzen, um uns weiter zu entwickeln. Wir wollten, dass die Geschichte eine wichtige Rolle in unserem Bildungssystem spielt. Und natürlich ging es auch um die Rolle der Geschichte für den Aufbau unserer Nation.

    Erzähler:
    In vielen afrikanischen Staaten entwickelt sich eine eigene Geschichtswissenschaft. Von den Europäern übernimmt man wissenschaftliche Methoden – ohne sich allerdings die europäischen Geschichtsdeutungen zu eigen zu machen.

    Erzählerin:
    Mündliche Erzählungen werden von einigen dieser Historiker erstmals als gleichwertige Quellen akzeptiert. Und die alten Quellen, die Reiseberichte und Kolonialgeschichtsbücher, werden sozusagen gegen den Strich gelesen. Also analysiert und hinterfragt. Toyin Falola:

    O-Ton Toyin Falola:
    There was a generation before me that was interested in what we call Nationalist Historiography. The idea of Nationalist Historiography is to argue that Africans in the past were able to create great civilizations, like Egypt, Mali Empire or Ghana Empire. They wanted to argue that Africans have been able to manage their continent and to create leadership that could manage.

    Overvoice:
    Das war eine Generation vor mir. Da gab es großes Interesse an dem, was man "Nationalist Historiography" nannte. Die Idee dahinter ist, zu argumentieren, dass Afrikaner in der Vergangenheit große Zivilisationen geschaffen haben. Ägypten, Mali, das Reich von Ghana. Die Forscher wollten zeigen, dass Afrikaner durchaus in der Lage waren, ihren Kontinent zu verwalten und eigene Führungsschichten hervorzubringen.

    Erzähler:
    Die Vertreter dieser “nationalistischen Geschichtsschreibung” konzentrieren sich stark auf die positiven Errungenschaften afrikanischer Völker. Viele von ihnen betätigen sich nebenbei auch als Schriftsteller oder Politiker.

    Erzählerin:
    Zahlreiche europäische Geschichtsdeutungen werden auf einmal von afrikanischen Wissenschaftlern völlig auf den Kopf gestellt. Und nicht nur das: Auch in Europa und den USA beginnt in den 50er und 60er Jahren ein Umdenken – weg vom Rassismus, hin zu einer neuen, weniger vorurteilsbelasteten Art der Geschichtsschreibung.

    Erzähler:
    Einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten afrikanischen Historiker dieser Zeit ist der Senegalese Cheikh Anta Diop.

    O-Ton Andreas Eckert:
    Der hat betont, dass das alte Ägypten viele Impulse gesetzt hat, die nachher die Griechen gleichsam geklaut und als ihre eigenen ausgegeben haben. Also dass die Wiege der Zivilisation eigentlich in Ägypten und damit in Afrika spielt. Um das ganze Argument noch zu verstärken hat er behauptet, dass eben ein Großteil des alten Ägyptens von einer schwarzen Bevölkerung bevölkert war, und das ist natürlich etwas, was sich wissenschaftlich als kaum haltbar erweist, zeigt aber noch mal sehr deutlich diesen Versuch jetzt, in besonders radikaler Weise auch die Geschichte gleichsam zu politisieren und für die Gegenwart relevant zu machen, indem man eben sagt, wir haben eine glorreiche Geschichte, und an diese Geschichte müssen wir jetzt nach dem Joch der Kolonialzeit wieder anknüpfen.

    Erzählerin:
    Bei Cheikh Anta Diop lassen sich Geschichtswissenschaft und politischer Aktivismus kaum trennen. Drei Parteien gründet er im Laufe seines Lebens - von denen allerdings nie eine die Regierung stellt. Seine Schriften sind leidenschaftliche Manifeste gegen die europäische Geschichtsdeutung.

    Erzähler:
    Heute ist zwar die Universität der senegalesischen Hauptstadt Dakar nach Diop benannt. Doch seine radikalen Interpretationen teilen nur noch wenige afrikanische Forscher.

    MUSIK

    Erzählerin:
    Auf den großen Aufbruch der 60er Jahre folgt in den meisten afrikanischen Ländern die große Ernüchterung. In einigen Staaten brechen schon kurz nach der Unabhängigkeit blutige Bürgerkriege aus - im Kongo zum Beispiel, etwas später auch in Nigeria. Dazu kommt: Die allgegenwärtige Korruption.

    Erzähler:
    Die weißen Kolonisatoren sind weg - doch die neuen, einheimischen Eliten beuten ihre Bevölkerung weiter aus. Viele der jüngeren Intellektuellen, darunter auch Historiker, werden zu den schärfsten Kritikern ihrer eigenen Staaten.

    O-Ton Toyin Falola:
    In my own generation we began to look for new ideas. Especially Marxism. We’re looking for socialist ideas to transform the continent. Because of the disappointment with the performance of the states. So in the 70s and 80s you find academics of the left trying to write radical history and use that radical history to make an argument regarding the failure of the postcolonial state. I was part of that movement.

    Overvoice:
    Meine Generation begann dann, sich neuen Ideen zuzuwenden. Vor allem dem Marxismus. Wir wollten mit sozialistischen Idealen unseren Kontinent verändern - Weil wir so enttäuscht waren von den postkolonialen Staaten. Also gab es in den 70ern und 80ern viele linke Akademiker, die anders an die Geschichtsschreibung herangegangen sind. Radikal. Politisch. Um auf das Scheitern der Postkolonialen Staaten hinzuweisen. Auch ich habe zu dieser Bewegung gehört.

    Erzählerin:
    Trotz aller Versuche, die Geschichtswissenschaft in Afrika neu zu etablieren, ist ihr Einfluss in den letzten Jahrzehnten eher zurückgegangen. Viele afrikanische Staaten haben ihren Universitäten die Gelder gekürzt.

    Erzähler:
    Und gerade die Geisteswissenschaften haben in vielen Ländern einen schweren Stand, wie Toyin Falola am Beispiel seines Heimatlandes Nigeria erklärt.

    O-Ton Toyin Falola:
    It is not useful to find jobs. (…) You find the same argument in other places. Arguments that humanities in general, English, literature art history, history, they’re a waste of time in the sense that if you get degrees in them, there are no jobs waiting for you. And the second argument, specific to Nigeria is that they fought a civil war and they thought that talking about that civil war may create problems for the country.

    Overvoice:
    Man findet eben keinen Job damit. Das Argument gibt es doch immer wieder: Dass die ganzen Geisteswissenschaften, Sprache, Literatur, Kunstgeschichte, Geschichte, dass das alles Zeitverschwendung ist, weil mit so einem Abschluss keine Jobs auf einen warten. Und in Nigeria gibt es noch ein ganz anderes Argument: Dort gab es ja den Bürgerkrieg. Und heute denken viele, wenn man über diesen Krieg reden würde, könnte das große Probleme für unser Land verursachen.

    Erzählerin:
    Noch dazu verlassen häufig die besten Forscher ihre Heimatländer und gehen ins Ausland - vor allem in die USA.

    Erzähler:
    Auch Toyin Falola hat zwar in Nigeria studiert, unterrichtet aber schon seit vielen Jahren an der University of Texas in Austin.

    O-Ton Toyin Falola:
    The brain drain started in the 1980s with the structural adjustment program. African countries owed a lot of money. (…) And then the World Bank and IMF asked them to devalue their currencies. Asked them to cut down the number of university professors. Cost of living was high. And that’s the brain drain – in which you find African engineers, African doctors, African professionals leaving Africa and coming to the west.

    Overvoice:
    Dieser "Brain Drain" begann in den 1980ern mit dem sogenannten Strukturanpassungsprogramm. Die Afrikanischen Länder hatten viele Schulden. Und dann kamen die Weltbank und der IWF und sagten, sie sollten ihre Währungen entwerten. Uni-Professoren entlassen. Die Lebenshaltungskosten waren hoch. Da begannen afrikanische Ingenieure, Ärzte und andere Akademiker, Afrika zu verlassen und in den Westen zu gehen.

    MUSIK

    Erzählerin:
    Trotz aller Probleme werden immer noch viele spannende Entdeckungen aus der afrikanischen Geschichte zu Tage gefördert. Das ist auch der Archäologie zu verdanken.

    Erzähler:
    Lange hatten sich europäische und amerikanische Archäologen in Afrika ausschließlich für Ägypten interessiert. Das ändert sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - mit teilweise spektakulären Ergebnissen.

    Erzählerin:
    Alleine in Nigeria finden Archäologen Artefakte zahlreicher antiker Kulturen. Darunter die faszinierenden Kunstwerke des Volkes der Nok, die schon um 600 vor Christus qualitativ hochwertige Eisengegenstände herstellten.

    Erzähler:
    Und auf dem Gebiet des heutigen Sudan studieren Forscher sogar die Überreste von drei aufeinanderfolgenden Hochkulturen: Kerma, Kusch und Meroe, jeweils benannt nach den Hauptstädten der antiken Staaten. Die späteste dieser Kulturen, das Königreich von Meroe, existierte rund um Christi Geburt. Die Meroiten erbauten nicht nur beeindruckende Tempel und Grabstätten, sondern hatten auch eine eigene Schrift und weitreichende Handelskontakte bis ins antike Europa.

    Erzählerin:
    Kurz gesagt: Was die Archäologen in vielen Regionen des Kontinents zu Tage fördern, lässt sich nun wirklich überhaupt nicht in Einklang bringen mit dem Bild des wilden und geschichtslosen Afrika, das so lange unsere Vorstellung dominiert hat. Und auch die europäische und US-amerikanische Afrikanistik forscht mittlerweile an so vielen unterschiedlichen Kulturen, Epochen und Fragestellungen zur Geschichte Afrikas, dass schon eine bloße Aufzählung den Rahmen dieser Sendung sprengen würde.

    MUSIK

    Erzähler:
    Bleibt die Frage: Warum haben sich diese Erkenntnisse zwar in der Wissenschaft langsam durchgesetzt, aber nicht in einer breiteren Öffentlichkeit? Warum spielen die Meroiten oder Nok noch keine Rolle in unserem Geschichtsunterricht? Warum gibt es in unseren Fernsehprogrammen zwar zahllose Dokumentarfilme über die europäische Geschichte, aber aus Afrika fast immer nur Tier-Dokus oder Kriegsberichterstattung?

    Erzählerin:
    Auch der nigerianische Historiker Toyin Falola stellt fest, dass sich die alten Afrika-Bilder erstaunlich hartnäckig halten, egal was die Historiker herausfinden.

    O-Ton Toyin Falola:
    It has to be exotic, National Geographic, Massai, Wildlife. And then it has to be erotic. About sex. Many of these stereotypes relate to issues about backward people. Issues about a continent that doesn’t contribute to civilization. Issues about poverty and lack of dignity, issues about in popular imagination, that the place is a jungle and that it is all about violence, war, disease, those are the major stereotypes, that you find expressed in the media. Especially in a place like the US. (…) In other words, it’s the bad, bad, bad things that shape the media imagination of Africa.

    Overvoice:
    Es muss immer exotisch sein, so National Geographic-mäßig. Die Massai! Wilde Tiere! Und dann muss es noch erotisch sein. Es muss um Sex gehen. Diese Stereotype zeigen Afrikaner immer als rückständig. Ein ganzer Kontinent, der nichts zur Zivilisation beiträgt, arm und würdelos. Viele Menschen stellen sich ja vor, dass in Afrika überall Dschungel ist, dass es überall Gewalt gibt, Krieg, Seuchen. Das sind so die gängigen Vorurteile in den Medien. Vor allem in den Vereinigten Staaten. Kurz gesagt: Es ist immer das ganz, ganz, ganz Schlimme, das die mediale Vorstellung von Afrika prägt.

    Erzähler:
    Aber warum? Warum fällt es uns scheinbar so schwer, zu akzeptieren, dass Afrika weder ein exotischer Abenteuerspielplatz ist, noch ein Kontinent der ausschließlichen und permanenten Katastrophen?

    Erzählerin:
    Vielleicht müssen wir für eine Antwort wieder zum Anfang der Geschichte zurückkehren, also zu Schiller und zu seiner Antrittsvorlesung.

    MUSIK

    Erzähler:
    Wir erinnern uns: Schiller hat ja überhaupt keine Ahnung von der Geschichte oder auch nur der Gegenwart der von ihm als "Wilde" bezeichneten Völker. Er benutzt sie nur als Gegenbeispiel. Als Kontrast, um daran zu zeigen, wie weit die europäische Zivilisation schon gekommen ist.

    Erzählerin:
    Vielleicht brauchen wir noch immer Afrika als Kontrast. Um uns besser zu fühlen, sicherer, fortschrittlicher.

    Erzähler:
    Und vielleicht ist dieses Bild auch immer noch - wie zur Kolonialzeit - nicht ganz unpraktisch. Zur Rechtfertigung westlicher Machtpolitik und ganz handfester wirtschaftlicher Interessen.


    14 March 2025, 11:10 am
  • 22 minutes 4 seconds
    AFRIKA - Liberia, die Stieftochter der USA

    Weiße US-Amerikaner kauften 1822 Land an der westafrikanischen Küste, um dort ehemalige Schwarze Sklaven anzusiedeln, in ein "freies Land", nach "Liberia". Doch die Neusiedler trafen auf bereits ansässige Ethnien, mit denen es bald zu Konflikten kam. Von Ariane Stolterfoht (BR 2022)

    Credits
    Autorin: Ariane Stolterfoht
    Regie: Frank Halbach
    Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Christian Schuler, Andreas Dirscherl, Julia Cortis
    Technik: Susanne Herzig
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Im Interview: Prof. Eric Burin, Dr. Patrick C. Burrowes, Dr. Cassandra Mark-Thiesen

    Besonderer Linktipp der Redaktion:

    NDR: Becoming The Beatles – Die Hamburger Jahre (mit Bonusfolge)

    We grew up in Hamburg", hat John Lennon gesagt. Und auch: "Live waren wir nie besser." Obwohl der erste Auftritt der Band in einem Stripclub auf St. Pauli ein totaler Reinfall war. Was ist da also passiert auf dem Hamburger Kiez zwischen 1960 und 1963? Wie wurden aus ein paar unbedarften Liverpooler Jungs absolute Superstars? Der Podcast erzählt, wie die jungen Beatles auf den Bühnen der Reeperbahn die Nächte durchspielen. Mit eisernem Willen einen Traum verfolgen. Und für immer die Popmusik-Geschichte verändern. ZUM PODCAST

    Linktipps:

    Deutschlandfunk (2019): Liberias blutige Vergangenheit  

    Vor 30 Jahren brach in Liberia einer der blutigsten Bürgerkriege der Geschichte Afrikas aus. Heute herrscht in dem westafrikanischen Land zwar Frieden, aber die Aufarbeitung der Kriegsgräuel ist ins Stocken geraten. Viele Kriegsverbrecher sind straffrei geblieben. Der Kampf um Gerechtigkeit geht weiter. JETZT ANHÖREN

    ZDF (2022): Enslaved – Auf den Spuren des Sklavenhandels: Schweres Erbe

    Viele Nachkommen der Sklaven in den USA haben ihre Verbindung zu ihren afrikanischen Wurzeln verloren. Samuel L. Jackson ist einer der wenigen Glücklichen, die ihre Abstammung kennen. JETZT ANSEHEN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

    DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

    Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Alles Geschichte
    JETZT ENTDECKEN

    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    MUSIK

    SPRECHER
    1816. Die Vereinigten Staaten sind eine Nation in den Kinderschuhen – erst vor 27 Jahren haben sich die ehemaligen britischen Kolonien von Großbritannien getrennt.

    SPRECHERIN
    Die junge Nation sucht noch nach sich selbst. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Darüber sind sich die Amerikaner nicht einig. Insbesondere dann, wenn es um die Frage der Sklaverei geht.  

    SPRECHERIN
    Im Süden schuften Sklaven weiterhin auf Plantagen und in den Haushalten der Weißen. Im Norden dagegen wird die Sklaverei nach und nach abgeschafft. Immer mehr Schwarze leben nun in Freiheit – einige arbeiten sogar als erfolgreiche Kleinunternehmer, erzählt die Historikerin Marie Stango von der staatlichen Universität Idaho:

    O-TON Stango
    “Generally, historians understand that following the period of the American Revolution, really brought about by the revolution, there was this movement towards gradual emancipation in the Northern States. And it is important to understand, too, that a lot of this was driven by enslaved people themselves. So for instance in MA, where there was an immediate abolition, this had to do with enslaved people themselves petitioning for their freedom. Using that same rhetoric of the American Revolution to argue that they also party to freedom, as much as the colonists should be no longer subject to the British Empire.”

    Übersetzerin
    „Historiker haben inzwischen herausgefunden: Die Emanzipation wurde vielerorts von versklavten Menschen selbst vorangetrieben – mit der Rhetorik der Amerikanischen Revolution. Die Freiheit stehe ihnen genauso zu wie den Siedlern, die nicht länger dem britischen Empire unterworfen sein wollten.“

    SPRECHERIN
    Im Süden dagegen verursacht diese Entwicklung eine erhebliche gesellschaftliche Unwucht, erzählt Stango.

    O-TON Stango
    “Some of these enslavers start to worry that these free people might inspire enslaved people in other states to seize their own freedom. The Haitian revolution, for example, looms very large in the US imagination at this time. So in the early 19th century there is this fear that something like what happened in Haiti in which enslaved people overturned the colonial govt of Santo Domingo, overturned the system of Slavery.”

    Übersetzerin
    „Manche Sklavenhalter befürchten, dass sich ihre Sklaven an den freien Schwarzen ein Vorbild nehmen und auch in den USA Sklavenaufstände organisieren könnten. Die Revolution in Haiti beflügelt ihre Phantasie: Dort haben Sklaven gerade die französische Kolonialregierung gestürzt und die Sklaverei abgeschafft.“ 

    SPRECHER
    Und so bekommt eine Idee Aufwind, die schwarzen Amerikanern zwar ein Leben in Freiheit ermöglichen soll, aber eben nicht in den Vereinigten Staaten, erzählt Eric Burin, Professor für Geschichte an der University of North Dakota.

    O-TON Eric Burin
    “For a lot of individuals, including Thomas Jefferson, they just couldn’t imagine black and white people living together on terms of equality.  So even those individuals who had some misgivings about slavery, believed that if you are going to end slavery you also have to remove black Americans from the US and this becomes sort of the central idea of colonization.”

    Übersetzer 1
    “Viele Menschen, darunter auch der Gründungsvater Thomas Jefferson, konnten sich einfach nicht vorstellen, dass Schwarze und Weiße gleichberechtig zusammenleben. Selbst die, die die Sklaverei abschaffen wollten, wollten auch, dass schwarze Amerikaner anschließend die USA verlassen. Und so entsteht die Idee von der Kolonialisierung.“

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Für die Ansiedlung von Schwarzen rückt erst der amerikanische Westen in den Fokus, dann die Karibik, Zentral- und Südamerika. Schließlich kristallisiert sich immer deutlicher heraus: Afrika soll es sein, der Herkunftskontinent der amerikanischen Schwarzen.

    SPRECHER
    Die Herausforderung heißt jetzt: Alle Befürworter dieser Idee zusammenbringen. Tatsächlich gelingt das im Dezember 1816. Sir Robert Finley gründet die American Colonization Society, kurz ACS, also eine „Amerikanische Gesellschaft für Kolonialisierung“. Alle Mitglieder sind verdiente weiße Amerikaner – weder schwarze Amerikaner noch Afrikaner sind erwünscht.

    SPRECHERIN
    Allerdings unterscheiden sich die Interessen der Gründungsmitglieder deutlich voneinander. Sklavenbesitzer unterstützen die Idee der Kolonialisierung, wie gesagt, aus Angst vor Sklavenaufständen.

    SPRECHER
    Aber auch Sklavereigegner sind mit von der Partie, darunter viele Kirchenvertreter. Insbesondere die Quäker unterstützen das Projekt.

    O-TON Burin
    “So in their minds, this was a patriotic endeavour that would somehow gradually end slavery in America, remove a population that they perceived to be a danger to the US, would benefit the emigrants themselves by removing them from the canopy of American racism and potentially redeem – in their words -  Africa to Christianity and modern commerce if you will.”

    Übersetzer 1
    „In deren Auffassung war das ein patriotisches Unterfangen: Die Sklaverei würde in den USA schrittweise abgeschafft und die schwarzen Landsleute, die sie für gefährlich hielten, würden außer Landes gebracht. Außerdem dachten sie, dass es gut für diese Menschen wäre, dem amerikanischen Rassismus zu entkommen. Nebenbei könnten die Emigranten auch gleich Afrika zu Christentum und modernem Handel bekehren.“

    SPRECHER
    Mächtige Politiker lassen sich in die Sache einspannen. In späteren Jahren sogar die Präsidenten Thomas Jefferson, James Monroe und James Madison. Auch sie: Sklavenhalter.

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Diese weißen Amerikaner machen sich also reichlich Gedanken. Was ihnen zur Umsetzung ihres Plans allerdings fehlt, ist die Finanzierung – Geld für Nahrungsmittel, für Schiffspassagen, für Waffen, für den Landkauf.

    SPRECHERIN
    Völlig unverhofft hilft ihnen dann ein neues Gesetz, staatliche Behörden zur Unterstützung zu überreden. Seit 1808 ist der Sklavenimport verboten. Alle von Menschenhändlern illegal ins Land gebrachten Afrikaner müssen wieder zurückgeführt werden. Hier bietet sich jetzt die American Colonization Society – ganz clever – als Dienstleister an: „Wir bringen diese Menschen – zusammen mit amerikanischen Schwarzen – „zurück“ nach Afrika. Dafür erhalten wir die Finanzierung für unser Projekt“.

    SPRECHER
    Sie bekommen den Zuschlag. Hunderttausend Dollar stellt der amerikanische Kongress 1819 für den Deal zur Verfügung.

    SPRECHERIN
    Jetzt fehlen der ACS nur noch die potentiellen Siedler – also schwarze Amerikaner, die tatsächlich bereit sind, die USA zu verlassen. Für eine völlig ungeklärte Zukunft an einem noch unbestimmten Ort, irgendwo in Afrika, dem Kontinent, den sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern vor langer Zeit verlassen hatten… Die Vorbehalte der schwarzen Amerikaner gegenüber der Kolonialisierungsidee sind mächtig. Ein Großteil empfindet sie schlicht als Unverschämtheit.

    O-TON Burin
    “Black Americans had been in what became the US before the pilgrims. This in their estimation was THEIR land, it was THEIR society. It was the only one that they knew. They had helped it grow with their blood, sweat and tears. And so for White Americans to say: This is not really your country” “You don’t belong here” “you are not a part of this society and never will be”, was an affront!

    Übersetzer 1
    „Schwarze Amerikaner waren der Auffassung, das sei auch ihre Gesellschaft und ihr Land – für viele das einzige, das sie kannten! Sie hatten mit Blut, Schweiß und Tränen zu seinem Aufbau beigetragen. Und jetzt sagten Weiße: Das ist nicht Euer Land, Ihr werdet nie dazugehören!“

    MUSIK

    ATMO Hafen, Segelschiff, Unruhe, Geschrei, Möwen

    SPRECHER
    1820 schließlich haben sich doch 86 Auswanderungswillige gefunden. Im Hafen von New York beginnt auf dem Segelschiff Elizabeth die Reise in ihr neues Leben.

    ATMO Hafen, Segelschiff, Unruhe, Geschrei, Möwen

    SPRECHER
    Ungefähr drei Monate später – endlich – kommt Land in Sicht.

    O-TON Stango
    “So that first ship, the Elizabeth, initially goes to Sierra Leone as does the Nautilus, which is the second ship. There is the British settlement at Sierra Leone, the development of Sierra Leone shares a lot of similarities with Liberia. So initially they land there, hoping to find a place further down the coast where they can negotiate a land sale.  They are waiting there for quite some time. // So this process is quite gradual in fact. And the sources that talk about these early, early years of colonization talk about the precarity of these settlers. // They are desperate. They don’t have enough food supplies. Many of these settlers fall victim to illness and disease. Some scholars have examined the mortality rate during the early years of colonisation and it is very high.”


    Übersetzerin
    „Die Elizabeth segelt zunächst nach Sierra Leone, // Die Auswanderer warten dort auf der Insel Sherbro eine halbe Ewigkeit darauf, dass sie weiter unten an der Küste Land kaufen können.“

    ATMO Sumpf

    SPRECHERIN
    Mangrovensümpfe, Gelbfieber, Malaria, Hunger: Über ein Viertel der Siedler sterben in dieser unwirtlichen neuen Heimat. Die Mission endet im Desaster. Einige retten sich zurück auf’s Festland, aber feststeht: Die ACS muss neue Wege finden, damit die Ansiedlung gelingen kann.

    MUSIK

    SPRECHER
    Und nun passiert etwas, was die Geschichte Liberias und deren Erzählung für zweihundert Jahre prägen wird. Im Jahr 1821 reisen zwei Männer nach Westafrika, die das Projekt auf neue Füße stellen sollen – der ACS-Agent Dr. Eli Ayres sowie der Marineoffizier Robert Stockton.
    Sie suchen und finden ein passendes Siedlungsgebiet und verhandeln schließlich vor Ort mit Stammesführern der Dey und der Bassa – insbesondere mit König Peter Zolu Duma. Sie einigen sich auf den Verkauf von einem Küstenstreifen am Cap Mesurado – der Preis: Lebensmittel, Geschirr, Waffen, Schießpulver, Schuhe, Schirme, Hüte und Spiegel sowie Rum. Der Gesamtwert: 300 Dollar.

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Doch wie friedlich lief dieses Tauschgeschäft wirklich ab? Diesen Landstrich – so die offizielle Geschichtsschreibung – erwerben die Amerikaner mit Waffengewalt: Stockton habe seine Pistole gezückt und die Einheimischen zum Einlenken gezwungen. Auch hätten die gar nicht richtig verstanden, was sie da unterschrieben. Und damit habe eine lange Tradition des Landraubes und der Korruption begonnen, der die Streitigkeiten zwischen den arglosen Einheimischen und den Siedlern immer wieder angeheizt habe.

    SPRECHER
    Dieser Konflikt habe sich wie ein Schwelbrand durch die Geschichte gefressen. Bis in die Neuzeit hinein. Die Folge: Zwei verheerende Bürgerkriege in den 1990er und 2000er Jahren. Soweit die etablierte Geschichtsschreibung.

    MUSIK
     
    SPRECHERIN
    Doch ein liberianischer Historiker wollte das lange nicht glauben. Patrick Carl Burrowes weiß aus seinen Forschungen: Die immerhin 16 ortsansässigen Stämme waren alles andere als naiv:

    O-TON Burrowes
    “By the 1650s, people were drinking French Brandy and Caribbean rum, you had smoked Herring from the Mediterranean but you also had cod from the sea around Norway, that was salted. And brought here as well. And these would be added as seasoning as flavouring and also as a kind of prestige element in the cuisine. Because they weren’t readily available. In addition to that: clothing! A lot of fabrics that were preferred by West Africans at the time were actually from Asia. So European traders would bring them and trade them for local goods. They tried selling European fabrics. But people here weren’t interested in wool. And in some cases, they didn’t like the patterns. So, the preferred the colors etc that were coming out of Asia. So, you are talking about a kind of sophisticated consumer market with its own tastes influencing the products that were preferred. And then, of course, there were guns. Guns were exchanged for captives. So, there were Danish muskets and you know, other weapons available.”

    Übersetzer 2
    „In den 1650er Jahren bereits tranken die Menschen französischen Brandy und karibischen Rum. Geräucherter Hering aus dem Mittelmeer sowie gesalzener Kabeljau aus Norwegen wurden einheimischen Gerichten als Zutat beigefügt – aus Prestigegründen. – Und Westafrikaner liebten Stoffe aus Asien! Europäische Händler brachten sie mit, um sie gegen lokale Waren einzutauschen. Sie versuchten auch, europäische Stoffe zu verkaufen. Aber die Leute hier interessierten sich nicht für Wolle. // Wir sprechen also von einer Art anspruchsvollem Verbrauchermarkt mit eigenen Präferenzen. Und dann waren da natürlich Waffen – darunter auch dänische Musketen – sie wurden unter anderem gegen Gefangene getauscht.“

    SPRECHERIN
    Burrowes sagt: Es gibt diesen Ansatz in der Geschichtsschreibung, immer „große Männer“ als die einzig wichtigen Akteure darzustellen. In diesem Fall: die weißen Begleiter der schwarzen Siedler.

    SPRECHER
    Ein anderer Ansatz sieht die schwarzen Einwanderer als erfolgreiche Pioniere.

    SPRECHERIN
    Burrowes dagegen ist der Auffassung, dass es drei Player brauchte, um den Prozess der Ansiedlung erfolgreich voranzubringen. Ohne die Zustimmung der Einheimischen, so seine Überzeugung, wäre der Deal nie zustande gekommen. Und es ist genau dieser Blick, der gerade eine ganz neue Dynamik in die Geschichtsschreibung rund um die Gründung Liberias bringt.
     
    SPRECHER
    In Washington gräbt sich Burrowes unermüdlich und immer tiefer in die Archive ein.

    O-TON Burrowes
    “I was doing research on the founding of Liberia and the secondary sources were available. And the diary or journal kept by Dr. Ayres was published in newspapers of that period. But I really wanted to track down the primary sources, if I could. And having worked with the papers, the collection of the ACS for years, I had come to know that there were three lawyers to whom legal issues were referred by the society. And one of them was Francis Scoot Key. His papers were in MD, and I was living in MD at the time. So I had access. I went through his legal papers but I didn’t find the purchase agreement. There was a second person and he somewhat faded into obscurity. His papers didn’t seem to have been preserved. And the third lawyer was Elias Caldwell who served as the secretary of the society. But it was a voluntary position and it was part-time. His main position was as clerk to the Supreme Court. And he worked with justice Bushrod Washington who was head of the ACS. I went looking for papers of Elias Caldwell and I found that some of his papers were in a collection of Bushrod Washingtons! And it turned out that apparently, he died with some ACS papers in his office at the Supreme Court. They ended up being housed with Bushrod Washingtons papers and the purchase agreement was in it – and the next day I wake up and I wonder is it still true??”

    Übersetzer 2
    „Weil ich jahrelang mit der Sammlung der ACS gearbeitet hatte, wusste ich, dass die ACS drei Anwälte beschäftigt hatte. Einer hieß Elias Caldwell, er war Hauptberuf Gerichtsschreiber am Obersten Gerichtshof. Und als er starb, verblieben einige ACS-Akten in seinem Büro am Obersten Gerichtshof. Am Ende fand ich sie unter Bushrod Washingtons Papieren. Und – da war er: Der Kaufvertrag!! Am nächsten Tag wache ich auf und frage mich, ob ich das nicht alles geträumt habe!“

    SPRECHERIN
    Exakt 200 Jahre nach der Ankunft der ersten Siedler in Westafrika entdeckt er die Nadel im Heuhaufen – das Dokument, das die Geschehnisse von 1822 plötzlich ein einem völlig anderen Licht dastehen lässt:

    O-TON Burrowes
    “What unfolded was a series of conferences over several days, about a week. And a number of issues were being discussed: Why do you want this land? How will it benefit us? We want schools, we want our kids to be exposed to the workings of the Western world or the global economy. // But a critical moment came when two people showed up that were living in Freetown. One worked on a slave ship and the other was himself a slave catcher in Sollar(?). And they both came to press on the local rulers that had assembled that they were not to sell this land because if they did, the Americans were abolitionists and they would interfere with their trade. So, the first person, from the slave ship, explained his story: he said Lieutenant Robert Stockton who represented the US Navy had fired on his ship without provocation and then the next speaker, the slave trader began his denunciation of the abolitionist etc. It was at that point that Stockton who had two pistols hidden in his pants, in the back, he carried the pistols for duelling purposes and he had participated in duels before, he pulled out these pistols – none of the other Americans were armed, they had deliberately come on land unarmed to portray a sense of being pacifist – but him being a military person, he had kept his arms. So, he pulled out the pistols and he threw one to Ayres and says: If the slave seller continues to speak, shoot him! Because I need to talk, I want to present myself. And he held the other pistol at the chiefs, the local rulers, and he explained his side: The slave ship had fired on him and he returned fire. He said he wasn’t allowed to interfere with slavers unless they were Americans and that ship was not.”

    Übersetzer 2
    „Die Amerikaner und die Einheimischen treffen sich über mehrere Tage hinweg, etwa eine Woche. Sie diskutieren eine Reihe von Fragen: Warum wollt Ihr dieses Land? Welchen Nutzen haben wir von dem Verkauf? Wir wollen Schulen, wir wollen, dass unsere Kinder lernen, wie die westliche Welt und die globale Wirtschaft funktionieren. Kritisch wird es plötzlich, als zwei Leute aus Freetown auftauchen. Einer arbeitet auf einem Sklavenschiff und der andere als Sklavenfänger. Die beiden wollen verhindern, dass die einheimischen Führer ihr Land verkaufen, weil sie befürchten, dass die Amerikaner als Sklavereigegner ihren Handel stören. Der Händler vom Sklavenschiff behauptet nun, Lieutenant Robert Stockton von der US-Marine, habe ohne Provokation sein Schiff beschossen. Um sich friedfertig zu zeigen, war die amerikanische Delegation unbewaffnet zu dem Treffen gekommen. Nur Stockton trägt für Duellzwecke immer zwei Pistolen bei sich. Er zieht also die beiden Pistolen und sagt: „Wenn der Sklavenhändler weiterspricht, erschieße ich ihn! Ich will, dass Ihr mich anhört.“ Er richtet die andere Pistole auf die Häuptlinge und erzählt seine Version der Geschehnisse: Das Sklavenschiff habe auf ihn geschossen und er habe das Feuer nur erwidert. Und er beteuert, dass er sich gar nicht in den Sklavenhandel einmischen darf, es sei denn, es geht um ein amerikanisches Schiff.“

    SPRECHERIN
    Die Verhandlungen enden kurz darauf. Die Stammesführer kündigen an, dass sie den Amerikanern am kommenden Tag ihre Entscheidung mitteilen werden.  Und tatsächlich: Am folgenden Morgen stimmen sie dem Verkauf zu.

    O-TON Burrowes
    “So, the image that has developed over time, of people signing a contract a with the pistol to their heads was not really accurate. To characterize the sale as being done under duress, when… - the signing took place a day later – it’s problematic to me, it is inaccurate. Furthermore, writing history it is important to look at the context. What preceded and what follows. And really what follows the sale of Cape Mesurado are a series of other sales, other tracks of land. And they were sold by five of the six who signed the original contract. So, again this suggests that there was an ongoing understanding and agreement and relationship between local rulers and the Americans who had come to this area.”

    Übersetzer 2
    „Es stimmt also nicht, was jahrelang als historische Tatsache hingestellt wurde. Den Verkauf als Zwangsverkauf zu charakterisieren, wenn die Unterzeichnung einen Tag später stattfand, ist unlogisch. In der Geschichtswissenschaft ist es wichtig, auf den Kontext zu achten: Was auf den Verkauf von Cape Mesurado folgt, ist nämlich der Verkauf von anderen Grundstücken. Und die wurden von fünf der sechs Einheimischen verkauft, die den ursprünglichen Vertrag unterzeichnet hatten. Auch das deutet darauf hin, dass es ein gutes Einvernehmen gab zwischen den lokalen Herrschern und den Amerikanern.“

    SPRECHER
    Das Land am Kap Mesurado nennen sie Liberia, das Land für freie Schwarze. Die Hauptstadt erhält den Namen des amtierenden amerikanischen Präsidenten James Monroe. Sie heißt: Monrovia.

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Gleichzeitig rekrutiert die ACS in den Vereinigten Staaten unermüdlich weiter. Sie holt sogar ein paar Auswanderer zurück, damit sie für Liberia werben.

    SPRECHER
    Manche Weiße lassen einzelne ihrer Sklaven ziehen. Die Sklavenhalter, sagt Eric Burin, haben dabei unterschiedliche Motive.

    O-TON  
    “One thing worthwhile considering is why people liberate persons. Sometimes they do it out of a sense of guilt, sometimes they have perhaps a special relationship like a familial relationship with an enslaved person. But liberating slaves could also be a way of eliciting dutifulness or obedience from enslaved workers, right? You dangle the carrot of freedom in front of some enslaved workers in the hope that they will do what you ask them to do.”

    Übersetzer 1
    „Einige tun das aus Schuldgefühlen, andere wollen nicht, dass ihre eigenen, illegitimen Kinder in Gefangenschaft aufwachsen. Aber die Befreiung einzelner Sklaven ist auch eine Methode, um andere Sklaven gefügig zu machen. Sie halten die Karotte der Freiheit vor sie hin, in der Hoffnung, dass die dann weiter das tun, was von ihnen verlangt wird.“

    SPRECHERIN
    Gleichzeitig bangen viele Weiße um ihre Existenzgrundlage. Was passiert mit ihren Plantagen und in ihren Haushalten, wenn die Arbeitskräfte nicht mehr parieren oder gar nicht mehr verfügbar sind?
    Was weitere Unruhe schafft: Sobald Nachbarn einzelne Sklaven freilassen, wirkt sich das auf die ganze Community aus. Historische Quellen zeigen: Die Freigelassen wollen nicht allein auswandern, sie bestehen darauf, ihre Familien mitzunehmen. Häufig aber leben andere Familienmitglieder – weil sie weiterverkauft wurden – in anderen Haushalten, bei anderen Sklavenhaltern.

    SPRECHER
    Auch hier zeigt sich, was Burrowes bereits über den Land-Deal in Westafrika gesagt hat: Die schwarze Bevölkerung – ob versklavt oder frei – ist jederzeit aktiv beteiligt und nutzt ganz bewusst ihre Ressourcen. Marie Stango kann das aus ihrer Forschung bestätigen.

    O-Ton Stango
    “Liberia, in the early years suffers from famine, these settlers suffer from Malaria, Yellow Fewer, and really many of them are incredibly poor. Because they have been enslaved people in the US, they didn’t have capital or wealth before migrating. So they are really invested in maintaining some of these networks. In some cases as trading partners. So Lott Carry does this with some VA tobacco merchants. He has a business where he is trading tobacco with them. And then for people like the Skipwiths from VA: they are asking for material supplies and food, because their lives are so precarious in Liberia. “

    Übersetzerin
    „Viele Siedler hatten vor der Migration kein Vermögen. Sie halten deshalb frühere Netzwerke aufrecht – das sehe ich in entsprechenden Briefen in den Archiven. Manchmal werden sie sogar Handelspartner. Der Siedler und Tabakfabrikant Lott Carry handelt mit Tabakunternehmern in Virginia. Und dann gibt es Menschen wie die Familie Skipwith aus Virginia: Sie bittet ihre ehemaligen Sklavenhalter um materielle Versorgung und Lebensmittel, weil ihr Leben in Liberia so prekär ist.“

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Und dann passiert trotz der Existenznöte in den Anfangszeiten der Kolonialisierung etwas Erstaunliches: Die Siedler, die ab 1822 ans Kap Mesurado kommen, bringen das amerikanische Gesellschaftsmodell mit nach Afrika. Nur, dass die amerikanischen Schwarzen dieses Mal nicht am unteren Ende der Gesellschaft stehen, sondern oben.

    SPRECHER
    Alte Fotos zeigen amerikanische Siedler in westlicher Kleidung, ihre Haut deutlich heller als die der Einheimischen. Die Ironie dabei: Eben diese helle Hautfarbe ist ein körperlicher Beleg für die Gewalt, die Sklaven in den USA erlitten haben. Sklavinnen wurden von ihren Eigentümern so regelmäßig vergewaltigt, dass die Sklavenpopulation mit der Zeit immer hellhäutiger wurde. Und jetzt beanspruchen diejenigen, die in der Heimat aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert und ausgebeutet wurden, wegen ihrer helleren Hautfarbe in Afrika einen höheren gesellschaftlichen Status? Für die ACS sind diese Entwicklungen unwichtig.

    O-TON CMT
    „Natürlich war Colorism Teil dieser gesellschaftlichen Schichtungen, aber schnell danach sind wirtschaftliche Unterschiede fast wichtiger geworden. Es gab Leute, die mit Geld angekommen sind und es gab andere, die sich sofort Arbeit suchen mussten.“

    O-TON Burrowes
    “I am very familiar with this narrative where African Americans returned and they constructed a society very much like the one they had left behind in the US. They had dominated indigenous groups etc. etc., but I would say to you that this version of Liberian history emerged in the 1950s, 1960s and now it is entrenched. The idea that the Civil War which took place in the 1990s, early 2000s can be explained by the founding of Liberia for me its problematic. Because it means that you jump over all of the proximal causes, events that are more closely related, that occurred shortly before the Civil War, 5, 10, 20 years before, and you go back 200 years to say: This is why there was a war! Who does that? How can you use history in such a way! It is to me unacceptable. But it has become common. It is a lazy way of understanding the Liberian condition! It’s linked to a refusal to critique the behaviour of people who are living today, people who are architects of the war! “So it’s not our fault, it’s people 200 years ago who caused us to do this”… Doesn’t make sense to me.“

    Übersetzer 2
    „Ich kenne dieses Narrativ sehr gut, in dem Afroamerikaner zurückkehrten und eine Gesellschaft aufbauten, die der in den USA zurückgelassenen sehr ähnlich war und dann die indigenen Gruppen unterdrückt haben. Aber diese Version der liberianischen Geschichte tauchte erst in den 1950er und 60er Jahren auf und hat bis heute feste Wurzeln geschlagen. Die Idee, dass der Bürgerkrieg, der in den 1990er, frühen 2000er Jahren stattfand, durch die Gründerzeit Liberias erklärt werden kann, ist für mich problematisch. Denn das bedeutet, dass man über alle anderen Ursachen hinwegsieht, über Ereignisse kurz vor dem Bürgerkrieg – fünf, zehn, 20 Jahre davor – und die viel mehr damit zu tun haben! Stattdessen geht man 200 Jahre zurück und argumentiert: „Deshalb gibt es heute Krieg!“. Das ergibt für mich keinen Sinn.“

    SPRECHERIN
    Spätestens ein Jahrzehnt nach der Atlantiküberquerung der Elizabeth wird den Männern von der ACS klar, dass sie weitere Auswanderer nur dann gewinnen können, wenn sie einen neuen Staat gründen – unter schwarzer Führung.

    SPRECHER
    1847, also 24 Jahre nach der Gründung der Kolonie ist es tatsächlich soweit: Liberia erlangt die Unabhängigkeit – mit einer Verfassung nach amerikanischem Vorbild.

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Nach der Staatsgründung kommen immer mehr Immigranten aus Amerika und der Karibik an – am Ende sind es allerdings insgesamt nur 17.000. Und damit hat die American Colonization Society ihr ursprüngliches Ziel – ein Amerika ohne Schwarze zu schaffen – gründlich verfehlt.

    SPRECHER
    Die erfolgreiche Ansiedlung von schwarzen Amerikanern in Westafrika dagegen, ist ihr gelungen.

    MUSIK

    SPRECHERIN
    Ein freies Land unter schwarzer Führung – eine schwarze Nation: Wie ein Leuchtfeuer strahlt diese Errungenschaft jetzt in andere Länder aus. Liberia ist die erste Republik in Afrika und – nach Haiti – erst die zweite schwarze Republik weltweit.

    SPRECHER
    In einer Zeit, in der sich europäische Länder in Afrika einen Wettlauf liefern, um den Kontinent in Kolonien aufzuteilen und auszubeuten! Wie auch immer diese Diskussion ausgeht – eins ist klar: Nach Burrowes Archivfunden, muss sich die Geschichtsschreibung in Liberia jetzt neu sortieren.

    O-TON Burrowes
    “I’m not sure but I am optimistic that a more professional telling of the story, a more disciplined telling of the story will emerge. Of the Liberian story that is, very generally speaking. I am optimistic that we will see a shift in the paradigm.”

    Übersetzer 2
    „Ich bin mir nicht sicher, aber ich bin optimistisch, dass sich ein professionellerer, ein disziplinierterer Umgang mit der liberianischen Geschichte durchsetzen wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald einen Paradigmenwechsel erleben.“

    MUSIK

    14 March 2025, 11:05 am
  • 22 minutes 54 seconds
    AFRIKA - Der Maji-Maji-Aufstand

    Eine Medizin sollte sie unverwundbar machen: Im Maji-Maji-Krieg kämpften afrikanische Völker gegen die deutschen Kolonialherren. Es war ein aussichtsloser Kampf, die Folgen sind bis heute spürbar in Ostafrika. Von Linus Lüring (BR 2019)

    Credits
    Autor: Linus Lüring
    Regie: Rainer Schaller
    Es sprachen: Hans-Jürgen Stockerl, Hemma Michel, Stefan Wilkening
    Technik: Adele Kurdziel
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Im Interview: Prof. Dr. Felicitas Becker

    Besonderer Linktipp der Redaktion:

    WDR: Der Germanwings-Absturz – Zehn Jahre ohne euch

    Der Germanwings-Absturz reißt im März 2015 riesige Lücken in zahlreiche Familien: 150 Menschen sterben. Wie machen Familien weiter, wenn geliebte Menschen plötzlich fehlen? WDR-Reporterin Justine Rosenkranz hat Angehörige zehn Jahre lang begleitet. ZUM PODCAST

    Linktipps:

    phoenix (2023): Bezugspunkte – Der Völkermord an den Nama und Herero

    Das Forum Demokratie beschäftigt sich in diesem Jahr mit der Schuld die Deutschland auf sich geladen hat. Wie weit ist die Aufarbeitung der Geschichte, wenn es um die Kolonialzeit geht und wie prägt die Erinnerungskultur unsere heutige Identität? JETZT ANSEHEN

    rbb (2024): Deutscher Kolonialismus – Ein blinder Fleck in der Erinnerungskultur

    Die deutschen Verbrechen während des Kolonialismus haben in der Erinnerungskultur bisher nur wenig Raum. Dieses Defizit hat auch das Berliner Abgeordnetenhaus erkannt. Ende April wurde ein Erinnerungskonzept vorgestellt, das nun überarbeitet wird. Wie stehen Menschen dazu, die aus afrikanischen Ländern stammen und in Berlin wohnen? Von Wolf Siebert JETZT ANHÖREN

    Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:


    Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?

    DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

    Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Alles Geschichte
    JETZT ENTDECKEN

    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    ATMO Grillenzirpen

    Sprecher
    Der Anfang wirkt harmlos: Es ist der 20. Juli 1905 im Süden von Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Eine kleine Gruppe von Männern vom Volk der Matumbi beginnt damit, Baumwollpflanzen auszureißen. Die Plantagen sind für die Afrikaner das Symbol für Fremdherrschaft und Ausbeutung durch die deutsche Kolonialmacht.

    Sprecherin
    Seit 1885 haben die Deutschen das Gebiet besetzt. Damit soll jetzt Schluss sein. Was aussieht wie ein bloßer Streik, ist allerdings eine lange vorbereitete Kriegserklärung. So beginnt der Maji-Maji-Krieg, der bis dahin größte antikoloniale Befreiungskrieg in Afrika.

    Sprecher
    Als der Statthalter der Deutschen von den Vorfällen auf der Baumwollplantage hört, schickt er sofort einige Ordnungskräfte, um die Lage in den Griff zu bekommen. Aber die haben gegen die Übermacht der afrikanischen Kämpfer keine Chance und werden davongejagt. Kurze Zeit später überrennen die afrikanischen Krieger auch den Amtssitz des deutschen Statthalters. Auch er muss fliehen. Wenig später wird der deutsche Plantagenbesitzer Hopfer umgebracht.

    Sprecher
    Trotzdem ahnen die Deutschen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was da auf sie zukommen wird. Felicitas Becker, Professorin für afrikanische Geschichte an der Universität Gent:

    O-Ton Becker 1
    Die Deutschen hatten glaub ich wirklich keine Ahnung. Das hat zu tun damit, weil die Deutschen eh nicht viel wussten. Die paar Hämpfe da im Land, was die Leute so sagten und dachten. Es hat auch damit zu tun, dass gerade die Gegend wo der Maji-Maji-Krieg anfing eigentlich galt als bewohnt von, sagen wir mal, dumm-harmlosen Menschen. Es wurde ja sehr rassistisch gedacht. Und es gab bestimmte Ethnien, die galten als kriegerisch und es gab andere Ethnien, die galten als nicht kriegerisch. Und die Leute, die da wohnten, die galten als nun überhaupt nicht waffenfähig und die waren auch wirklich bei Kriegen, die es in der Gegend im 19. Jahrhundert gab, eigentlich immer auf der Seite der Verlierer gewesen.

    ATMO Trommel und Rufe

    Sprecher
    Aber jetzt sind die Einheimischen wild entschlossen. Sie fühlen sich stark wie nie, ja sogar unverwundbar. Dank dem Maji, einer Wundermedizin, sollen die Kugeln der Deutschen an ihnen einfach abprallen. „Maji“ bedeutet auf Swaheli „Wasser“, und das war auch die Grundlage der Medizin, zusammen mit gekochter Hirse.

    Sprecherin
    Etwa ein Jahr vor dem Ausbruch des Krieges hatte ein Mann namens Kinjikitile die Maji-Medizin erfunden. Eine eindrucksvolle Erscheinung soll er gewesen sein - groß mit langen Haaren und stets ganz in weiß gekleidet.

    O-Ton Becker 2
    Kinjikitile war von Beruf ein Heiler, also ein Experte in traditioneller Medizin. Und das waren Menschen, die eigentlich immer eine starke Beziehung hatten zu Geistern, spirits, also Gottheiten, die in der Regel irgendwo in Natur verortet waren. Bei Kinjikitile war das ein bestimmter Teich, einer Verbreiterung in einem Fluss, wo er in der Nähe von wohnte. Und es gibt dann Beschreibungen davon, dass er eine Vision hatte. Er wurde entführt von Geist. Er verbrachte mehrere Stunden unter Wasser und kam dann zurück mit diesem neuen Programm.

    Sprecher
    Anschließend verkündete Kinjikitile seine Vision und warb dabei für die Maji-Medizin. Die Botschaft muss sich in der Region rasant verbreitet haben: Denn Maji sollte nicht nur unverwundbar machen im Kampf gegen die Deutschen. Mehr noch: Auch die Ernten sollten gut und wilde Tiere zahm werden. Manche tranken das Maji, andere schütteten es sich über den Kopf. Es wurde zu einer Art Allheilmittel für tausende von Menschen.

    O-Ton Becker 3
    Kinjikitile ist eine sehr interessante Figur. Und es ist klar, dass seine Leistung genau die war, Ideen, die schon lang bestanden, neu zu kombinieren und in eine Form zu bringen, in der sie brauchbar waren als Reaktion auf eine noch nie dagewesene Situation.

    Sprecher
    Denn nie zuvor waren die Menschen in der Region so bedroht, wie durch die deutsche Kolonialherrschaft. Kinjikitile empfing immer häufiger Vertreter der unterschiedlichsten Volksgruppen und überreicht ihnen in ausgedehnten Zeremonien das Maji.

    Sprecherin
    Das Besondere: Kinjikitile organisierte dabei auch regelrechte militärische Trainingseinheiten - eine gezielte Vorbereitung auf den Kampf. Völker, die bisher nichts miteinander zu tun hatten oder sogar verfeindet waren, verbündeten sich: Eine bis dahin ungeahnte Entwicklung.

    MUSIK

    Sprecher
    Die Botschaft vom beginnenden Aufstand mobilisiert die Massen. Mit dem Schlachtruf “Maji!” stürzen sich die Krieger in den Kampf gegen die Deutschen. So bekommt der Konflikt auch seinen Namen – „Maji-Maji-Krieg“. Hunderte Kämpfer überrennen und plündern die Küstenstadt Sangawa. In Liwale erobern die Krieger auch die erste Festung der Deutschen. Mit Brandpfeilen attackieren die Kämpfer die Gebäude. Ein deutscher Offizier, Siedler und afrikanische Hilfssoldaten werden getötet. Diese raschen Erfolge Mitte 1905 und der Glaube an das Maji beflügeln die afrikanischen Kämpfer regelrecht.

    Sprecherin
    Die Deutschen Kolonialisten dagegen sind geschockt. Für sie kommt die Erhebung zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt. Die Kolonialverwaltung steht bereits unter enormem Druck. Denn seit längerem wächst die Kritik im Deutschen Reich am teuren Kolonial-Abenteuer. Der Grund: Die versprochenen Gewinne bleiben aus, stattdessen sind die Kolonien ein enormes Zuschussgeschäft.

    O-Ton Becker 4
    Es gab in Deutschland und auch sonst in Europa eine sehr naive Annahme, dass es ganz einfach sei, tropische Kolonien profitabel zu machen. Da ist es so schön warm, da wächst doch alles. Die Leute liegen sowieso auf der faulen Haut. Man muss sie nur endlich zum Arbeiten bringen. Und das war natürlich eine totale Fehlkalkulation. Tatsächlich ist es so, dass tropische Landwirtschaft vielen, vielen Herausforderungen gegenübersteht und gerade Arbeitskräftemangel ein ständiges Problem ist. Das Land war ja wahnsinnig gering bevölkert. Und nachdem sich dann verschiedene Versuche, durch die Einführung neuer landwirtschaftlicher Produkte in dem Land Gewinne zu machen, als Holzweg herausstellten, verfiel man eben auf Zwangsarbeit in Baumwollfeldern.

    ATMO Grillenzirpen

    Sprecher
    Mit aller Macht versuchten die Deutschen, möglichst viel Profit aus der Kolonie herauszupressen - ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Prügelstrafen und überlange Arbeitstage waren an der Tagesordnung. Mit dem Amtsantritt des neuen Gouverneurs der Kolonie, Gustav Adolf Graf von Götzen, verschärfte sich die Lage nochmals. Anfang des Jahres 1905 verfügte er eine drastische Steuererhöhung und außerdem wurde immer mehr Land enteignet.
    Es wurde für die immer größeren Plantagen gebraucht. Unter den Einheimischen staute sich die Wut an. Dieses Gefühl griff Kinjikitile auf und versprach eine Lösung. Sein Maji sollte der Ausbeutung ein Ende bereiten!

    Sprecherin
    Allerdings gelingt es den Deutschen, ihn als Hauptverantwortlichen hinter dem Aufstand auszumachen. Kinjikitile wird mit anderen festgenommen und wenige Wochen nach dem Beginn des Maji-Maji-Krieges hingerichtet - bis zum Schluss soll er überzeugt gewesen sein von seiner Vision. So hält es Gouverneur von Götzen in seinen Erinnerungen fest.

    Zitator
    Der Ältere der Verurteilten, der Oberzauberer, sollte nun kurz vor seiner Exekution geäußert haben, er fürchte sich nicht vor dem Tode. Seine Hinrichtung werde auch nichts mehr nützen, denn seine Medizin habe schon bis nach Kilossa und Mahenge hin ihre Wirkung getan. Trotz der bekannten Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod und ihrer Neigung zum Renommieren, durfte diese fast triumphierende Warnung nicht leichtgenommen werden. Angesichts der Gesamtlage war Vorsicht geboten.

    Sprecherin
    Die Ahnung soll sich bestätigen. Im August 1905 folgt beinahe täglich eine größere Attacke auf Stationen und Siedlungen der deutschen Kolonialherren. 10.000 Kämpfer greifen die größte Militärstation der Gegend in Mahenge an. An diesen Angriff erinnert sich der deutsche Feldarzt Wilhelm Arning später so:

    Zitator
    Sie sind mit einer Einigkeit und Entschlossenheit in den Aufstand von 1905 eingetreten, die erstaunlich ist und fast Bewunderung erwecken könnte. Zu vielen Tausenden fanden sie sich aus der Ebene und von den Bergen zusammen, um die verhasste Station niederzuwerfen. Sie gaben ein für die deutsch-ostafrikanische Kriegsgeschichte unerhörtes, kaum für möglich gehaltenes Beispiel, indem sie einen großen, gut gebauten und stark besetzten festen Platz mit stürmischer Hand zu nehmen versuchten.

    Sprecherin
    Der Angriff kann von den Deutschen schließlich gerade noch abgewehrt werden. Dabei wird eines immer deutlicher: Das zentrale Versprechen des Maji wirkt nicht - nämlich, dass es unverwundbar macht. Unzählige afrikanische Angreifer sterben im Kugelhagel der deutschen Truppen. Ein deutscher Kommandant beschreibt in seinem Tagebuch “Berge von toten Afrikanern”.

    Sprecher
    Aber der Glaube an das Maji lebt trotzdem noch weiter. Denn, damit das Maji wirkt, mussten bestimmte Vorgaben eingehalten werden - sexuelle Enthaltsamkeit zum Beispiel. Aber auch manche Speisen waren Tabu, wie Historikerin Felicitas Becker erklärt:

    O-Ton Becker 5
    Und wenn dann welche erschossen wurden, dann war es für die Boten des Maji, bekannt unter dem Namen Hongo, relativ einfach zu sagen - naja die haben irgendwas falsch gemacht. Und als sich dann schnell herausstellte, dass das Maji nicht wirksam war, kam es auch dazu, dass dann neue Runden Maji gekocht oder geschickt wurden und dann wurde, das ist jetzt besser. Oder es wurden neue Tabus hinzugefügt und auf diese Weise konnte die Glaubwürdigkeit des Maji mehrmals erneuert werden.

    Sprecher
    So breiten sich die Kämpfe immer weiter aus. Bereits zwei Monate nach dem Beginn des Maji-Maji-Kriegs, hat dieser seine größte Ausdehnung erreicht: Die komplette Südhälfte der Kolonie Deutsch-Ostafrika ist betroffen, ein Gebiet etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.

    Sprecherin
    Der deutschen Kolonialverwaltung fehlt es schlicht an Personal, um sich den Kämpfern wirkungsvoll entgegenzustellen und nicht nur Verwaltungsstationen zu verteidigen. Bei Gouverneur von Götzen macht sich Verzweiflung breit.

    Zitator
    Es wurde bereits angedeutet, daß der Sparsamkeitsdrang des Mutterlandes den Gouverneur von Deutsch-Ostafrika vor eine in gewissen Fällen unlösbare Aufgabe stellt. Diese Aufgabe bestand im Jahre 1905 in kurzen Worten darin, eine Million Quadratkilometer Landes mit beträchtlichen darin investierten europäischen Werten zu sichern.

    Sprecherin
    Die koloniale Armee der Deutschen ist zahlenmäßig völlig unterlegen. Die sogenannte “Schutztruppe” umfasst nicht mal 4500 Mann. Dabei sind nur die Offiziere Deutsche. Die meisten Soldaten sind Afrikaner, die sogenannten Askaris. Söldner, die vor allem im Sudan angeworben worden waren. Verzweifelt bittet Gouverneur von Götzen die Führung des Deutschen Reichs um Unterstützung.

    Sprecher
    Allerdings gilt deren Aufmerksamkeit gerade eher Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort haben sich die Herero und die Nama erhoben. Hier ist das Deutsche Reich bereits in einen langwierigen Kampf verwickelt. Dennoch: Schließlich wird Verstärkung bewilligt. Aber die Verlegung deutscher Marinesoldaten braucht Zeit, ebenso die Anwerbung neuer Askari. Erst im Oktober 1905 trifft die Verstärkung ein.

    Sprecherin
    Nun gehen die deutschen Truppen in die Offensive. In sogenannten “Straf-Expeditionen” folgen sie den Maji-Maji-Kämpfern. Es kommt nicht selten zu regelrechten Massakern. Weit weg von der Kolonialverwaltung in Daressalam fühlen sich die Offiziere ohne Kontrolle. Ihre Brutalität kennt daher oft kaum Grenzen. Besonders verheerend ist dabei eine Waffe: Das Maschinengewehr, die sogenannte „Gatling gun“.

    O-Ton Becker 6
    Da gibt es wieder einen schönen englischen Reim:
    “Whatever happens, we have got
    the Gatling gun and they have not.”

    Sprecherin
    Egal was passiert – wir haben das Gatling-Maschinengewehr, sie haben es nicht.

    Sprecher
    Die afrikanischen Krieger sind mit ihren Pfeilen, Speeren und anderen veralteten Wurfgeschossen ohne jede Chance - auch wenn sie zu tausenden angreifen. In Schlachten auf offenem Feld werden sie regelrecht niedergemäht. Spätestens jetzt verlieren die meisten den Glauben an die übernatürlichen Kräfte des Maji. Dennoch setzen Maji-Maji-Kämpfer den Krieg fort, meiden allerdings jetzt größere Feldschlachten.

    Sprecherin
    Der Maji-Maji-Krieg tritt in eine neue Phase ein. Die afrikanischen Kämpfer setzen stattdessen setzen sie auf Guerilla-Taktiken. Sie kennen sich im Gelände besser aus und versuchen den Truppen der Deutschen aufzulauern und sie in Hinterhalte zu locken. Zwar können sie den Feind immer wieder überraschen. Aber nachhaltig stoppen können sie die Kolonialtruppen nicht. Auch nicht, indem sie immer wieder Telegraphenleitungen zerstören, die die Deutschen zur Kommunikation dringend brauchen.

    Sprecher
    Dazu kommt - da so viele unterschiedliche Völker beteiligt sind, gibt es keine einheitliche Strategie unter den Maji-Maji-Kämpfern, keine Absprachen, kein gemeinsames Vorgehen.

    O-Ton Becker 7
    Es gab die, die dann einfach mit dem Mut der Verzweiflung weitergekämpft haben. Das war zum Beispiel der Fall bei den Ngoni. Obwohl auch die ziemlich am Anfang ihrer Kampagne sozusagen eine Attacke durch deutsche Maschinengewehre katastrophal verloren und dadurch wurde ihre strategische Einheit zerstört und sie kämpften dann eben in kleinen Gruppen weiter. Es gab auch die, die ziemlich schnell aufgaben. Aber das Problem ist, die Deutschen erkannten ihrerseits unter den Aufständischen überhaupt keine legitimen Herrschaftsstrukturen mehr an.

    Sprecher
    Der Maji-Maji-Krieg wird gegen Ende des Jahres 1905 unübersichtlich. In dem oft gebirgigen Gelände entwickelt sich immer häufiger ein Kleinkrieg. Wirkliche Gebietsgewinne gibt es bei vielen Angriffen nicht. Auch die Deutschen wechseln deshalb ihre Taktik und hinterlassen, wo sie können, “verbrannte Erde”. Gouverneur Gustav Adolf von Götzen rechtfertigt das Tun der Schutztruppe später.

    Zitator
    Wie in allen Kriegen gegen unzivilisierte Völkerschaften, sei es nun in Marokko oder in Java oder im tropischen Afrika, war auch im vorliegenden Fall die planmäßige Schädigung der feindlichen Bevölkerung an Hab und Gut unerläßlich.
    Die Vernichtung von wirtschaftlichen Werten, wie das Abbrennen von Ortschaften und Lebensmittel-Beständen, erscheint wohl dem Fernstehenden barbarisch. Vergegenwärtigt man sich aber einerseits, in wie kurzer Zeit afrikanische Hütten wieder entstehen und wie rasch die Üppigkeit der tropischen Natur neue Feldfrüchte hervorbringt, andererseits, daß in den meisten Fällen, wie auch dieser Aufstand bewiesen hat, ein solches Vorgehen einzig und allein den Gegner zur Unterwerfung zu zwingen vermag, dann wird man zu einer milderen Auffassung gelangen.

    Sprecherin
    Was Gouverneur von Götzen hier zu verharmlosen versucht und als alternativlos beschreibt, wird später dramatische Folgen für die Bevölkerung haben. Überall im Aufstandsgebiet werden nun Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Vorratskammern zerstört und Brunnen vergiftet. Diese Drecksarbeit überlassen deutsche Offiziere afrikanischen Hilfstruppen, den sogenannten Rugaruga.

    Sprecher
    Zwar haben sich immer mehr kämpfende Volksgruppen ergeben, aber auch zu diesem Zeitpunkt gibt es noch Widerstand. Das Elend wird immer größer und die Deutschen wissen, dass sie jetzt eigentlich nur noch abwarten müssen, wie Gouverneur von Götzen einmal in seinem Tagebuch notiert.

    Zitator
    Major Johannes ist heute aus den Matumbi-Bergen zurückgekehrt. Er hat die Auffassung mitgebracht, dass die Unterwerfung der Aufständischen dort noch lange Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Da die Kulturen überall vernichtet sind, kann aber die Truppe darauf rechnen, dass der Hunger das Seine zur Beschleunigung tun wird. Eine unvermeidliche und traurige Aussicht, wenn man bedenkt, dass diese Wunden nicht Feindesland, sondern der eigenen, vielen schon zur Heimat gewordenen Erde geschlagen werden!

    Sprecher
    Die Deutschen machen keinen Unterschied zwischen Aufständischen und Zivilisten, erklärt Historikerin Felicitas Becker.

    O-Ton Becker 8
    Männer, Frauen, Kinder, Alte. Alle galten dann als legitimes Ziel. Und das zog sich hin über viele Monate. Sodass, obwohl die größten Kampfhandlungen des Krieges Mitte 1906 dann vorbei waren, die größte Hungersnot, die der Krieg auslöste, erst Ende 1907 stattfand. Der größte Anteil der Menschen, die durch Maji-Maji gestorben sind, starb an Hunger.

    Sprecherin
    Missionare berichten von einer gespenstischen Stimmung in den menschenleeren Gegenden, von Verwesungsgestank und Seuchen, die sich ausbreiten. “Es ist kein frohes Leben mehr zu beobachten. Nicht einmal mehr unter der sonst so lustigen Jugend”, heißt es in einem Bericht.

    Sprecher
    Erst Mitte 1908 ergeben sich dann die letzten Maji-Kämpfer. Drei Jahre nach dem Ausbruch des Krieges. Die Einheimischen müssen sich der deutschen Übermacht ergeben.

    O-Ton Becker 9
    Einer der bekanntesten Historiker der Gegend weist auch darauf hin, dass die Menschen im Aufstandsgebiet auch eine Schlacht gegen die Natur verloren hätten. Darüber gibt es viele Berichte. Nach dem Ende von Maji-Maji wurden Elefanten gesehen in Gegenden, wo sie schon verdrängt gewesen waren. Und es gibt auch Berichte darüber, dass die Löwen zum Teil dann in die erbärmlich gebauten Hütten der Überlebenden eindrangen und die Menschen in den Häusern verschlangen, weil die so geschwächt waren, dass sie Abwehr der Löwen nicht mehr organisieren konnten.

    Sprecher
    Über die Gesamtzahl der Opfer im Aufstandsgebiet gibt es sehr unterschiedliche Schätzungen.

    O-Ton Becker 10
    Wie viele genau, das ist schwer zu sagen, weil man so wenig drüber weiß, wie viele Menschen vorher da waren. Aber 200.000 ist so `ne Zahl, die oft genannt wird.

    MUSIK

    Sprecher
    Wie ungleich der Krieg war, wird klar, wenn man diese Zahl mit den Opferzahlen auf der Seite der deutschen Kolonisatoren vergleicht - zwar sollen mehr als 1000 der afrikanischen Hilfssoldaten der deutschen Kolonialtruppen gestorben sein - aber gerade mal 15 Europäer starben durch die Kämpfe.

    Sprecherin
    Nachdem der Krieg beendet ist, beginnt in den Aufstandsgebieten ein langwieriger Wiederaufbau. Erst nach Jahren ist die Landwirtschaft wiederhergestellt und die Menschen kehren mehr und mehr zurück in den Süden der Kolonie.

    Sprecher
    In den folgenden Jahrzehnten verschwindet der Maji-Maji-Krieg aus den öffentlichen Debatten. Die verheerende Not, die Massaker durch die Deutschen - daran möchte niemand erinnert werden. Ähnliche Widerstandsbewegungen gibt es in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr. Weder gegen die deutschen noch - nach dem Ersten Weltkrieg - gegen die britischen Kolonialisten.

    Sprecherin
    Erst in den 1950er-Jahren ändert sich das schlagartig. Die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region werden lauter. Dabei erinnern sich viele wieder an den Maji-Maji-Krieg. Der völkerübergreifende Charakter des Widerstands wird immer wieder betont. Darin habe sich bereits ein gewisses Nationalgefühl angedeutet, erklärt zum Beispiel Julius Nyerere, einer der führenden Köpfe der Unabhängigkeitsbewegung. Er wird später auch der erste Staatspräsident Tansanias. Nicht mehr Not und Elend sollten bei der Erinnerung an den Maji-Maji-Krieg im Mittelpunkt stehen, sondern Stolz auf den Widerstandsgeist und die Hoffnung auf Selbstbestimmung.

    Sprecher
    Gleichzeitig stößt die Unabhängigkeitsbewegung, die sich in der Tradition der Maji-Bewegung sieht, im ehemaligen Aufstandsgebiet auf große Skepsis. Vor allem ältere Menschen, die den Krieg noch erlebt haben, befürchten, dass es wieder zu einem Blutvergießen kommen könnte. Die Sorgen sind unbegründet: 1961 wurde Tansania unabhängig - völlig friedlich.

    Sprecherin
    Und im heutigen Tansania? Da ist die Erinnerung an den Maji-Maji-Krieg nicht unbedingt gerne gesehen.

    O-Ton Becker 11
    Es ist ja so, dass derzeit das politischen Klima in Tansania eigentlich auch eher repressiver wird und die Vorstellung von spontanem Protest ist auch den postkolonialen tansanischen Politikern nicht unbedingt willkommen. Man will spontane anführerlose, soziale Proteste als solche eigentlich nicht feiern.

    Sprecher
    Dahinter steht die Sorge, dass sich eine Widerstandsbewegung jetzt nicht mehr gegen Kolonialherren richtet, sondern gegen die Regierung. Obwohl der Maji-Maji-Krieg einer der großen antikolonialen Befreiungskämpfe in Afrika war, droht er so weiter in Vergessenheit zu geraten.

    14 March 2025, 11:00 am
  • 33 minutes 36 seconds
    DAS WAR DER BAUERNKRIEG - Was war und was bleibt (4/4)

    Kaum ein Ereignis der deutschen Geschichte wurde in den letzten 200 Jahren derart unter ideologischen Vorzeichen interpretiert wie der Bauernkrieg. Mit seinem Ende begann der Kampf um die Deutung. Von Stefan Nölke (MDR/BR/SWR 2025) *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum Bauernkrieg Aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP: Der Rest ist Geschichte Hört doch auch mal bei "Der Rest ist Geschichte" rein. Unsere Kollegen vom Deutschlandfunk greifen jede Woche ein aktuelles Thema auf und erklären die historischen Hintergründe. https://www.deutschlandfunk.de/deutschlandfunk-der-rest-ist-geschichte-100.html *** CREDITS Autor: Stefan Nölke Es sprachen: Meike Rötzer - und: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Grafik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal Eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Vielen Dank an die Gesprächspartnerinnen und -partner: Dr. Christoph Engelhard, Stadtarchivar und Vorsitzender des Historischen Vereins Memmingen Bernhard Geisler, Heimatforscher und Vorsitzender der Gruppe Historisches und Kulturelle Königshofen Dr. Nora Hilgert, Historikerin, Fachreferentin Kulturgeschichte, Mühlhäuser Museen Dr. Ulrich Hahnemann, Stadtarchivar und Leiter des Regionalmuseums Bad Frankenhausen Stephen Jüngling, Kastellan auf der Festung Marienberg Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Theologe und Kirchenhistoriker, Universität Göttingen Nicole Lang, Gästeführerin, Weinsberg Prof. Dr. Rainer Leng, Historiker, fränkische Landesgeschichte, Universität Würzburg Gerd Linder, Kunsthistoriker und Direktor des Panorama Museum Bad Frankenhausen Dr. Thomas T. Müller, Historiker, Direktor "Stiftung Luthergedenkstäten in Sachsen-Anhalt, Vorsitzender der Thomas-Müntzer-Gesellschaft Dr. Wolfgang Petz, Historiker und Geschichtsdidaktiker, Kempten Prof. Dr. Lyndal Roper, Historikerin, Universität Oxford Heide Ruszat-Ewig, Literaturwissenschaftlerin, Herausgeberin, Übersetzerin der 12 Artikel von Memmingen ins Hochdeutsche Prof. Dr. Gerd Schwerhoff, Historiker, Geschichte der Frühen Neuzeit, Technische Universität Dresden Herbert Seger, Altbürgermeister und Vorsitzender des Heimatverein Durach im Oberallgäu Christoph Wegele, Vorsitzender des Fördervereins Schloss Waldburg e.V.; Museumsführer auf der Stammburg des Georg Truchsess von Waldburg Lea Wegner, Historikerin und Leiterin "Deutsches Bauernkriegsmuseums" Böblingen (Museum Zehntscheuer) Dr. Helge Wittmann, Fachbereichsleiter Stadtarchiv/Stadtbibliothek Mühlhausen und Vorsitzender des Mühlhäuser Geschichts- und Denkmalpflegeverein



    28 February 2025, 2:15 am
  • 26 minutes 29 seconds
    DAS WAR DER BAUERNKRIEG - Das Ende des Regenbogens (3/4)

    Im Sommer 1525 steht es schlecht um die Bauern. Da erscheint ihnen bei Frankenhausen ein Regenbogen. Der charismatische Prediger Thomas Müntzer verheißt daraufhin den Bauern einen großen Sieg. Von Michael Zametzer (MDR/BR/SWR 2025) *** Credits Autor: Michael Zametzer Sprecherin: Meike Rötzer Weitere Sprecher und Sprecherinnen: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Graphik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal "Das war der Bauernkrieg" ist eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Alle Gesprächspartnerinnen und -partner in den Shownotes zu Folge 4. *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum Bauernkrieg Aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP: Tatort Geschichte Bei Tatort Geschichte reisen Niklas Fischer und Hannes Liebrandt zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit - True Crime aus der Geschichte unterhaltsam besprochen. http://1.ard.de/bauernkrieg-tatort-geschichte *** BUCHTIPPS: Peter Blickle, Der Bauernjörg. Feldherr im Bauernkrieg. Georg Truchsess von Waldburg 1488-1531. C.H. Beck 2015. (Viel mehr als eine Biografie, geschrieben vom 2017 verstorbenen Nestor der Bauernkriegsforschung. Immer noch grundlegend.) Thomas Kaufmann, Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis, Verlag Herder 2024. (Ohne Buchdruck kein Bauernkrieg, so die These des renommierten Göttinger Medienhistorikers.) Thomas T. Müller, Mörder ohne Opfer: Die Reichsstadt Mühlhausen und der Bauernkrieg in Thüringen, Michael Imhof Verlag 2021. (Grundlegend für das Geschehen in Thüringen und die Rolle Thomas Müntzers) Lyndal Roper, Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller, S. Fischer 2024. (Hinter dem Aufstand steht der Traum für eine bessere Welt, erklärt die gebürtige Australierin und Expertin für die Reformationszeit.) Gerd Schwerhoff, Der Bauernkrieg. Eine wilde Handlung, C.H. Beck 2024. (Nach so viel Parteinahme seitens der Historiker und Historikerinnen für die Sache der Bauern ist dies ein wohltuend distanzierterer, zugleich umfassender Blick auf dem letzten Stand der Forschung.)


    28 February 2025, 2:10 am
  • 26 minutes 36 seconds
    DAS WAR DER BAUERNKRIEG - Die Blutspur des Bauernjörg (2/4)
    Der "Bauernjörg" zieht 1525 mit kampferprobten Heeren gegen die Bauernhaufen. Die Aufständischen sind zwar in der Überzahl, aber es fehlt ihnen an militärischer Einigkeit und Erfahrung. Von Michael Zametzer (MDR/BR/SWR 2025) *** Credits Autor: Michael Zametzer Sprecherin: Meike Rötzer Weitere Sprecher und Sprecherinnen: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Graphik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal Korrigierte Version der ursprünglichen Folge 2, die eine unkorrekte geographische Angabe enthielt. "Das war der Bauernkrieg" ist eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Alle Gesprächspartnerinnen und -partner in den Shownotes zu Folge 4, Literaturtipps in den Shownotes zu Folge 3. *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum BauernkriegAus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP:ARD Crime Time Im Podcast ARD Crime Time spricht Host Anne Eichhorn mit True Crime-Reporter Sandro Gerber über einen unglaublich erscheinenden Mord-Fall an einer jungen Frau, der über die Grenzen Sachsens hinaus für Aufsehen gesorgt. http://1.ard.de/der_mordende_Radiopraktikant?pb
    28 February 2025, 2:05 am
  • 30 minutes 25 seconds
    DAS WAR DER BAUERNKRIEG - Der große Aufruhr (1/4)

    Im Sommer 1524 gärt es unter Bauern und einfachen Leuten in weiten Teilen Deutschlands. Sie fordern ein Ende von Leibeigenschaft und drückenden Abgaben. Bald eskaliert die Lage. Von Michael Zametzer (MDR/BR/SWR 2025) *** Credits Autor: Michael Zametzer Sprecherin: Meike Rötzer weitere Sprecher und Sprecherinnen: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Graphik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal "Das war der Bauernkrieg" ist eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Alle Gesprächspartnerinnen und -partner in den Shownotes der Folge 4, Literatur-Tipps in den Shownotes zu Folge 3. *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum Bauernkrieg Aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP: WDR Zeitzeichen Was gestern war, ist lange nicht vorbei: Was Geschichte mit unserem Leben heute zu tun hat, erfahrt Ihr jeden Tag im Zeitzeichen-Podcast. Das alles immer in einer knappen Viertelstunde spannend erzählt. https://1.ard.de/bauernkrieg-zeitzeichen

    28 February 2025, 2:00 am
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