SWR2 Kultur Aktuell

Südwestrundfunk

Beiträge aus den täglichen Kulturjournalen von SWR2. Mit Kulturnachrichten, Rezensionen, Tipps und Hintergründen zu den Themen Literatur, Kunst, Theater, Tanz, Festivals und Co.

  • 4 minutes 1 second
    Emil Nolde revisited: Kluge Blicke auf einen umstrittenen Großkünstler

    Im Urlaub verliebte sich Reinhold Würth in ein Bild Noldes

    Als der Unternehmer Reinhold Würth im Sommer 1972 im Tessin Ferien macht, schläft er schlecht. Dabei ist eigentlich alles bestens: Würth urlaubt mit Frau und Freund, daheim in Hohenlohe floriert sein Unternehmen. Aber die Unruhe bleibt, denn der schwäbische Schaffer hat sich frisch verliebt – und zwar in ein Bild: das Aquarell „Wolkenspiegelung in der Marsch“ von Emil Nolde.

    Das Bild passt zu Reinhold Würth

    Die „Wolkenspiegelung“ trägt die Inventarnummer drei von heute über 20.000 Kunstwerken der Sammlung Würth – und sie passt noch aus anderem Grund perfekt zum aktuellen runden Geburtstag des Patriarchen. „Beide werden 90 Jahre alt, Reinhold Würth und die Wolkenspiegelung auch – sie ist 1935 entstanden, und das nahmen wir dann einfach zum Anlass, ihm diese Ausstellung zu widmen, und jetzt eben hier im Museum Würth 2 das Werk Noldes auszubreiten.“ schildert Sylvia Weber, Direktorin des Würth-Museums in Künzelsau.

     Fast 150 Exponate

    Ausbreiten ist wörtlich zu verstehen: Dank Kooperation mit der Nolde-Stiftung Seebüll erlauben fast 150 Exponate einen umfassenden Blick auf Emil Noldes Leben und Werk einen Künstler, der auch deswegen fasziniert, weil da rätselhafte und immense Spannungen sind, in seinem Werk und in seiner Biografie.  Der norddeutsche Bauernsohn soll nach dem Willen des Vaters was Handfestes lernen, am besten Schlachter. Seine Mutter kennt ihn besser und schenkt Emil einen Farbkasten. Als junger Mann schwimmt er sich schließlich frei, unternimmt Reisen bis auf pazifische Inseln.

     In den Bildern lässt sich viel entdecken

    Ein Porträt seines dortigen einheimischen Leibdieners gerät beinahe zur Liebeserklärung. Tamara Schneider von der Nolde Stiftung Seebüll: „In der Südsee hat er dieses Porträt von Jupuallo gemacht mit diesen Hibiskusblüten auf dem Kopf. Sie hatten so ein inniges Verhältnis, dass man, wenn man genauer auf dieses Werk schaut, man unten mit Bleistift auch noch so zwei Herzchen sieht. Das sind so die kleinen Details, die man in so einer Ausstellung dann auch noch mal entdecken kann.“

    Expressiver Farbrausch

    Die Emotionalität und der expressive Farbrausch sind eine Konstante in Noldes Bildwelt, ob er nun die Sonne der Tropen malt oder das kalte Glitzern von Berliner Nachtclubs, erklärt Ko-Kuratorin Beate Elsen.  „Da hat er hier zum Beispiel so eine Berliner Gesellschaft Nachtszene gezeigt, in diesen leuchtenden gelben und roten Farben. Man kann sagen, da brennt die Luft, man sieht eben, dass er immer auf atmosphärische Dinge sehr geachtet hat, genau wie in seinen Landschaftsdarstellungen auch.“

    Nolde war Antisemit

    Bald hat Noldes Werk großen Erfolg, und als 1933 die NS-Herrschaft beginnt, ergibt sich daraus eine bizarre Konstellation. Der Künstler ist zutiefst völkisch und antisemitisch gesinnt, und zugleich felsenfest davon überzeugt, dass seine expressive Malweise urdeutsch sei. Dass die neuen Machthaber seine Bilder als „Entartete Kunst“ verdammen, mag Nolde nicht begreifen, er bleibt seinem Stil treu. Doch nach 1945 ermöglicht ihm das „Entartet“-Etikett, sich als verfolgter Künstler auszugeben – eine Fiktion, die bis vor wenigen Jahren Bestand hatte.

     Eine fulminante Schau

    Die inneren Widersprüche zwischen Nolde und der biederen Volkstümelei seiner Gesinnungsgenossen zeigen sich auch in den wohl interessantesten Räumen der Ausstellung. Am Ende des Rundgangs werden Noldes Reise-Souvenirs präsentiert, die er später in Kompositionen von Stillleben einbaute. Nun stehen die Gegenstände neben ihre gemalten Abbildern – und man erkennt die rätselhafte Kluft zwischen dem völkisch tickenden Zeitgenossen und dem frei schweifenden Künstler. Die fulminante Schau steht unter dem Titel „Welt und Heimat“ - eine treffsichere Analogie für die Spannung zwischen Enge und Weite, Antrieb und Verwurzelung – beim Künstler wie beim Kunst sammelnden Geburtstagskind.
    4 April 2025, 10:30 am
  • 5 minutes 43 seconds
    Die Nacht der Bibliotheken: Mehr als nur ein Ort der Stille

    Raum für Austausch und Begegnung

    „Bibliotheken sehen sich heutzutage als sogenannte dritte Orte, wo sich Menschen treffen können“, sagt die Leiterin des Landesbibliothekzentrums Rheinland-Pfalz, Ute Bahrs, im Gespräch mit SWR Kultur. Die Aktion solle nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch ein Raum für Austausch und Begegnung sein. In Speyer gibt es unter dem Motto „Die Pfalz und die Welt“ eine Ausstellung und einen Film über die pfälzische Sprache. „Es gibt den Bereich für ruhiges Lernen, aber genauso die Zonen, wo ich mich austauschen kann“, sagt Bahrs.

    Lebendige Kulturzentren mit Zukunft

    Auch Musik spiele eine Rolle: Die „Neuen Wandermusikanten“ erinnern an pfälzische Auswanderer, die in Übersee musizierten. „Das nichtkommerzielle Angebot von Bibliotheken ist in unserer Gesellschaft besonders wichtig", betont Bahrs. Die Nacht der Bibliotheken zeigt: Bibliotheken sind lebendige Kulturzentren mit Zukunft. Die Lange Nacht der Bibliotheken findet am 4.4.25 bundesweit in Bibliotheken aller Bundesländer statt.
    4 April 2025, 4:00 am
  • 5 minutes 19 seconds
    Emotionen in der Politik: Ein unterschätzter Faktor
    „Wir können Emotionen nicht aus der Politik ausgrenzen“, sagt Kommunikationswissenschaftler und Autor des Buches, Johannes Hillje. Besonders rechtspopulistische Parteien nutzten Ängste gezielt für ihre Mobilisierung. „Man muss die Verunsicherung der Menschen ernst nehmen und erst dann Hoffnung anbieten“, erklärt Hillje im Gespräch mit SWR Kultur. Der Versuch, mit ausschließlich positiven Emotionen zu punkten, scheiterte etwa im US-Wahlkampf.

    Politik muss lernen, Emotionen gezielt einzusetzen

    „Das hat nur die ohnehin optimistischen Wähler angesprochen, nicht aber die Mehrheit“, analysiert Hillje. Stattdessen sei es wichtig, eine „Brücke“ zwischen Sorgen der Menschen und Zukunftsvisionen zu bauen. Eine demokratische Emotionalisierung könne durch Werte wie soziale Gerechtigkeit und Sicherheit geschehen. „Selbst Hass kann demokratisch legitim sein, aber die bewusste emotionale Aufladung von Themen kann auch undemokratisch sein“, betont Hillje. Die Politik müsse lernen, Emotionen gezielt und verantwortungsvoll einzusetzen, um Bürgerinnen und Bürger zu erreichen.
    4 April 2025, 4:00 am
  • 5 minutes 26 seconds
    Ausstellung „Stammheim 1975“: Der Gerichtssaal im RAF-Prozess
    Gelb-orange sind die Schalensitze aus Plastik, auf denen schon damals vor 50 Jahren die interessierte Öffentlichkeit Platz nahm. Jetzt stehen die Funktionsmöbel aus dem Stammheimer Prozesssaal im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Den drei Stuhlreihen gegenüber, ein weiteres geschichtsträchtiges Möbel: der Original-Richtertisch des ersten RAF-Prozesses. Kein traditionsreiches Stück aus Massivholz, es ist eher eine blau weiße Bank mit Löchern für die Mikrophone.

    Versuchen, einen Eindruck davon zu vermitteln

    Ein besonderes Setting, erklärt Ausstellungsleiter Rainer Schimpf: „Wir können die Situation natürlich nicht rekonstruieren, das Gebäude ist inzwischen abgerissen. Wir können aber etwas konstruieren. Die Originalmöbel helfen dabei. Wir können versuchen, einen Eindruck davon zu vermitteln. Und das scheint uns 50 Jahre später immer noch sehr wichtig zu sein, um Mythen und Zweifeln entgegenzutreten und möglichst auch Aufklärung zu bieten.“

    Tonbandaufnahmen als zentrale Komponente

    Auf drei Projektionswänden im Hintergrund sind alle Prozessparteien zu sehen. Weil es keine Videomitschnitte von der Verhandlung gibt, auf Zeichnungen. Sehr lebendig eingefangen von Gerichtszeichner Erich Dittmann. Und es gibt auch was zu Hören. Zentrale Komponente der Ausstellung sind Tonbandaufnahmen von dem Prozess, bei dem alle Seiten zu Wort kommen. Tonaufnahmen waren in bundesdeutschen Gerichten zu der Zeit eigentlich nicht erlaubt, sie sollten nur Gedächtnisstütze für den Gerichtsschreiber sein, der einige Bänder aufbewahrte. Sie ruhten Jahrzehnte vergessen in den Kellern des Gerichts, wurden vor einigen Jahren wiederentdeckt und liegen jetzt im Staatsarchiv in Ludwigsburg. Das Herausfordernde war, die Tonbandsequenzen so auszuwählen, dass zum Beispiel der Angeklagte Andreas Baader nicht als der Held erscheint. (...) Sondern das jede Seite zu Wort kommt und ihre Position deutlich wird.

    Quelle: Kuratorin Sabrina Müller

    Eine Verhandlung wie ein Schauspiel

    Die oft hitzigen Wortwechsel vor Gericht stehen auch stellvertretend für die Zeit – die Konfliktlinien verlaufen quer durch Justiz, Politik und Gesellschaft. Immer wieder nutzen die Gründungsmitglieder der RAF und ihre Verteidiger die Verhandlung, um ihre politischen Ansichten deutlich zu machen Die Verhandlung gerät fast zu einer Art Schauspiel, bei dem die mörderischen Anschläge, deretwegen die Angeklagten vor Gericht stehen und die sie auch zugeben, in den Hintergrund geraten.

    Stammheim als Festung

    Durch einen semitransparenten Vorhang flimmern außerdem mehrere Überwachungs-Monitore. Auch hier wieder Originalstücke aus dem Gerichtsgebäude Stuttgart Stammheim: Damals neuste Sicherheitstechnik, die hier sozusagen als Teil der Geschichte vor dem Abriss bewahrt wurde, erklärt Ausstellungsleiter Schimpf. „Stammheim ist in mehrfacher Hinsicht ein Mythos. Das fängt damit an, dass das Gebäude für viele der Inbegriff einer Festung ist. Dabei wird vergessen: Andreas Baader war 1970 gewaltsam befreit worden. Insofern waren Justiz und Polizei gut beraten, einen Sitzungsort zu planen, der möglichst sicher war.“ Das Ergebnis war aber, dass das Bild von einem Staat entstand, der sich hinter hohen Betonwänden verschanzte, so Schimpf.

    Fernsehberichte bereichern die Ausstellung

    Neben den Monitoren laden Vertiefungsstationen, iPads mit unterschiedlichem Anschauungsmaterial, dazu ein, noch weiter auf Zeitreise zu gehen. Fernsehberichte aus den Siebzigerjahren setzen sich kritisch mit den umstrittenen sogenannten RAF-Paragraphen auseinander, unter anderem das Kontaktsperre-Gesetz, das die Isolation der RAF-Terroristen ermöglichte. Außerdem erinnert die Ausstellung an die Begleiterscheinungen des RAF-Prozesses. Zum Beispiel die Entführung von Hanns Martin Schleyer, um die Gefangenen aus dem Gefängnis freizupressen.

    Sorgfältig vorbereitete Ausstellung

    Es ist eine kleine, aber sorgfältig vorbereitete Ausstellung, die sehr nüchtern erzählt: von dem wegweisenden Prozess, den Ereignisse begleiteten, die die Bundesrepublik erschütterten und bis heute nicht loslassen. Die medienwirksame Festnahme der mutmaßlichen Ex-RAF-Terroristin Daniela Klette im letzten Jahr zeigt, noch immer sind viele Fragen mit Blick auf die RAF offen. Vielleicht kann der aktuelle Prozess gegen Klette – auch wieder im eigens gebauten Sicherheitssaal – ein paar von ihnen beantworten?
    4 April 2025, 4:00 am
  • 4 minutes 5 seconds
    Olga Martynova hat den Peter-Huchel-Preis erhalten: Den Schmerz in die Schranken weisen
    Der Peter-Huchel-Preis ist mit 15.000 Euro dotiert. Preisstifter sind der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg. Er wird jedes Jahr am 3. April, dem Geburtstag des Dichters und Namensstifters Peter Huchel, an seinem letzten Wohnort Staufen im Breisgau vergeben.
    3 April 2025, 4:30 pm
  • 4 minutes 9 seconds
    Claudia Piñeiro – Die Zeit der Fliegen
    Fünfzehn Jahre – so lange hat Inés im Gefängnis gesessen. Der Roman setzt an dem Tag ein, an dem sie entlassen wird. Eine Mörderin, die die Geliebte ihres Mannes erschossen hat. Ein sogenanntes Verbrechen aus Leidenschaft, von dem Claudia Piñeiro vor zwei Jahrzehnten in ihrem literarischen Debüt „Ganz die Deine“ erzählte. In ihrem neuen Roman „Die Zeit der Fliegen“ erleben wir nun, wie sich Inés, eine zutiefst konservative, von einem patriarchalen System geprägte Frau, in einer veränderten Gesellschaft zurechtfinden muss.   Ganz besonders hatten sich die Frauen verändert.  Es waren Jahre gewesen, in denen die Frauen unablässig ihre Forderungen stellten und die Welt, so wie ich sie kannte, auf den Kopf gestellt wurde. Mir war sofort klar, dass ich einen Crashkurs brauchte, um mich auf die neuen Zeiten einzustellen. 

    Quelle: Claudia Piñeiro – Die Zeit der Fliegen

    …lässt Piñeiro ihre Romanfigur Inés feststellen. Während die eifersüchtige Ehefrau in Haft war, hat eine neue feministische Bewegung die Straßen erobert, Femizid wurde ein erschwerter Straftatbestand, LGBTQ-Rechte wurden gesetzlich verankert und die Gendersprache hat Einzug gehalten. All das ist in Argentinien in den vergangenen Jahrzehnten wirklich passiert.  

    Detektivin und Kammerjägerin  

    Doch für einen theoretischen Crashkurs hat Inés gar keine Zeit – sie muss Geld verdienen, zum ersten Mal in ihrem Leben. Zusammen mit einer Frau, die sie aus dem Gefängnis kennt, gründet sie eine Firma: Die Freundin ist als Detektivin unterwegs, und Inés kümmert sich um Schädlingsbekämpfung in Privathäusern. Eine reichlich ungewöhnliche Kombination von Dienstleistungen, die die beiden Frauen bald in heikle Situationen bringt, in denen es – natürlich – um Leben und Tod geht. Denn, wie könnte es anders sein, auch dieser Roman von Claudia Piñeiro hat Krimi-Elemente. Alles beginnt, als eine Kundin die Kammerjägerin Inés als Mordhelferin einspannen will und ihr dafür Geld bietet – viel Geld.  Frau Bonar trinkt, sie hat noch Wein für einen Schluck in ihrem Glas. „Ich habe dich wiedererkannt, ich weiß, was du getan hast, und habe deine Dienste weiter gebucht. Du siehst, ich habe keine Vorurteile wegen irgendjemandes Vergangenheit.“ – „Das sehe ich, ja.“ – „Aber außerdem weiß ich, dass du die passende Person bist, um mir zu helfen.“  – „Wie sollte ich Ihnen helfen? – „Indem du mir das nötige Gift besorgst, um diese Frau auszuschalten.“  

    Quelle: Claudia Piñeiro – Die Zeit der Fliegen

    Drama eines transsexuellen Jugendlichen 

    Was die Kundin mit dem Gift tatsächlich vorhat, erfahren wir erst viel später, und wie Inés mit der unmoralischen Offerte umgeht, sei hier nicht verraten. Piñeiro erzählt die Geschichte linear, mit einigen Rückblenden. Die Perspektiven wechseln: Mal hat Inés das Wort, mal ihre Freundin, die Detektivin, mal Inés Tochter. Der Krimi-Plot ist originell, fesselnd und psychologisch tiefschürfend, wirkt allerdings zuweilen nicht ganz realistisch. Interessant sind die Innen- und Außenwelten, die die Autorin für ihre Figuren erschaffen hat. Da ist das Hadern von Inés mit ihrer Mutterschaft und die Distanz zu ihrer Tochter. Da ist die enge Beziehung zu ihrer ungleichen Freundin aus dem Gefängnis – gelebte Sisterhood. Und da ist das Drama eines transsexuellen Jugendlichen, der im Elternhaus keinen Rückhalt findet.  

    Feministischer Chor kommentiert die Geschehnisse 

    Ein besonderes Stilelement in Piñeiros Roman ist der feministische Chor, der, wie in einer griechischen Tragödie, gelegentlich die Geschehnisse kommentiert. Kontrovers diskutiert er über schwierige Fragen, etwa darüber, ob Transfrauen einen Platz in der feministischen Bewegung haben, oder ob eine Frau einen Femizid begehen kann. Dabei verwendet die Autorin auch Originalzitate aus feministischen Werken, etwa von Rebecca Solnit, Rita Segato oder Judith Butler.  Claudia Piñeiro beherrscht die Kunst, in ihren Romanen gesellschaftliche Entwicklungen und Umbrüche zu dokumentieren und gleichzeitig gute und unterhaltsame Geschichten zu erzählen. Das ist ihr auch in „Die Zeit der Fliegen“ gelungen. 
    3 April 2025, 4:30 pm
  • 3 minutes 52 seconds
    Für alle verständlich: Goethes Faust in „Leichter Sprache“ am Nationaltheater Mannheim

    Das weltberühmte Meisterwerk soll für alle zugänglich werden

    Daniel Cremer betont, dass seine Neufassung aus tiefem Respekt vor dem Originaltext entstanden ist. Ihm ist es wichtig, dass dieses weltberühmte Meisterwerk für alle zugänglich wird, auch für Menschen, die nicht perfekt Deutsch sprechen oder über viel Vorbildung verfügen. Die Schönheit von Goethes Sprache darf aber ab und zu im Original aufscheinen. Manchmal wird dann direkt danach die Übersetzung in leichte Sprache geliefert.

    Kulturelle Teilhabe darf nicht leer Phrase bleiben

    Daniel Cremer ist sich bewusst, dass seine Neufassung beim Publikum vielleicht nicht unumstritten sein wird, aber ihm ist es wichtig, dass die Themen „kulturelle Teilhabe“ und „niedrigschwellige Angebote“ keine leeren Phrasen bleiben. Für den Regisseur ist es nicht das erste Mal, dass er mit leichter Sprache arbeitet. In Zürich hat er bereits für das Theater HORA das inklusive, genre-übergreifende Kunst-Projekt „Schule der Liebenden“ auf die Bühne gebracht.

    Die Übersetzungsarbeit hat großen Spaß gemacht

    Kurze, einfache Sätze schreiben. Szenen zusammenfassen. Immer wieder überprüfen: was ist das Kondensat? Was wird gesagt, gemeint, nicht ausgesprochen? Eine Übersetzungsarbeit, die auch Dramaturgin Mascha Luttmann großen Spaß gemacht, aber ebenso viel abverlangt hat.

    Auf der Bühne vermittelt sich vieles nonverbal

    Ganz entscheidend: Die Inszenierung lebt auch von der intensiven Körperarbeit. Vieles vermittelt sich non verbal. Die Szene zum Beispiel als Faust Gretchen aus dem Kerker retten will, ist aufwendig choreographiert. Daniel Cremer und seinem Team ist es wichtig, zu betonen, dass ihre Neufassung aus einem tiefen Respekt vor Goethes Werk heraus entstanden ist und die Beschäftigung mit dem Original-Text nicht ersetzen soll:
    3 April 2025, 10:30 am
  • 3 minutes 30 seconds
    Tanzperformance „Bound“ in Stuttgart: Eine Reise zur neuen Männlichkeit
    Social Media Trends wie „Alpha Males“ oder „Divine Femininity“ zeigen: Traditionelle Rollenbilder feiern ein Comeback. Was bedeutet es heute „männlich“ zu sein? Mit der Tanzperformance „Bound“ machen sich im Stuttgarter FITZ zwei Männer gemeinsam auf die Suche nach neuen Bildern von Männlichkeit und Nähe zwischen Männern.
    3 April 2025, 10:30 am
  • 5 minutes 46 seconds
    „Berlin Bebelplatz“ – Erste Berliner Buchmesse der russischsprachigen Literatur
    „Wir wollen zeigen, dass die russische Sprache nicht nur die Sprache der Putin-Propaganda ist, sondern ein Teil der europäischen Familie“, sagt Olga Chesnokova. Sie leitet das Projekt „Berlin Bebelplatz“, eine Buchmesse für russischsprachige Literatur in Berlin. Dort werden russischsprachige Texte gezeigt, die so unzensiert, niemals in Russland veröffentlicht werden könnten.
    3 April 2025, 4:00 am
  • 3 minutes 18 seconds
    Filmkritik „Pandoras Vermächtnis" – Doku zu Georg Wilhelm Papbst

    Meisterregisseur der Neuen Sachlichkeit

    „Die Büchse der Pandora“ – so heißt einer der berühmtesten unter den vielen berühmten Filmen von Georg Wilhelm Pabst. Neben Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau war Pabst der dritte unter den großen Giganten des deutschen Stummfilms der Weimarer Republik, und mit Filmen wie „Die freudlose Gasse“, „Geheimnisse einer Seele“, „Tagebuch einer Verlorenen“ und eben „Die Büchse der Pandora“ wurde er zum Meisterregisseur der Neuen Sachlichkeit schlechthin. ein Realist, der sich aber für das interessierte was unter der Oberfläche des auf der Leinwand Zeigbaren lag und versuchte, dem Unterbewussten, den Gefühlen, Trieben und verbotenem Verlangen eine Sichtbarkeit auf der Leinwand zu geben.

    Erzwungene Arbeit für das NS-Kino

    Politisch links stehend, wurde er 1933 ins französische Exil gezwungen, durch unglückliche Zufälle wurde er dann ab 1939 gezwungen, wieder in Deutschland zu arbeiten und drehte drei Filme für das NS-Kino. In den fünfziger Jahren drehte er noch mal ein Dutzend Filme, darunter mit „Der letzte Akt“ und „Es geschah am 20. Juli“ zwei Werke, die sich für die damalige Zeit sehr kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen.

    Bürgerliche Ehe und unterdrückte Triebe als zentrale Motive

    „Die Büchse der Pandora“ könnte auch der Titel von Angela Christliebs Film über Pabst sein. Die österreichische Regisseurin stößt mitten hinein ins Herz der Familienpolitik der Pabst Familie – und dieser Ansatz hat wiederum eine Menge mit dem Filmregisseur zu tun. Denn Pabst thematisiert in fast allen seinen Filmen die bürgerliche Ehe, Affären und Fremdgehen genauso wie unterdrückte Triebe, wie die Gewalt des Vaters über seine Kinder und die Emanzipation und Selbstverwirklichung der Ehefrauen in diesen Familienkonstellationen.

    Ein konservativer Patriarch

    Zur Schlüsselfigur von Christliebs Film wird hier jenseits der noch lebenden Enkel, die auch auftauchen, aber eher vom Thema wegführen, die Ehefrau des Regisseurs Trude Pabst. Sie hatte als Schauspielerin begonnen und ihren Mann kennen und lieben gelernt, doch der – als Künstler linksliberal und tolerant – entpuppte sich im eigenen Haus als mitunter konservativer Patriarch.

    Die Ehefrau als engste Mitarbeiterin

    Viele tausend Tagebuch-Seiten und Briefe hat Trude Pabst hinterlassen – sie sind eine unschätzbare Quelle für Leben und Filmogragraphie des Regisseurs. Die Ehefrau war auch dessen engste Mitarbeiterin und er hat sie auch immer ermutigt, selbstständig als Drehbuchautorin zu arbeiten. Trotzdem war dieses Arbeitsverhältnis keineswegs immer frei von Streit und wechselseitigen Enttäuschungen. Christlieb belegt aber, dass die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht – sexuell wie emotional – freiheitlicher und offener gesonnen waren, als es viele Menschen heute sind und für die Vergangenheit glauben machen möchten.

    Die Bedeutung von Trude Pabst wird ins rechte Licht gerückt

    So ist dies ein Film, der unschätzbare Quellen zutage fördert, der erstmals Trude Pabsts Biographie angemessene Aufmerksamkeit schenkt. Christlieb rückt die Bedeutung dieser immer auch in künstlerischen und privaten Krisen loyalen Ehefrau ins rechte Licht. Dabei schießt sie aber nicht über das Ziel hinaus und vermeidet den Fehler mancher neuerer Künstlerbiografien, die Bedeutung der Gattin aus feministischen Motiven über Gebühr aufzublasen oder das Genie des Künstlers zu relativieren.

    Das Porträt einer Ehe

    In „Pandoras Vermächtnis“ bleibt immer klar, dass man sich für Trude Pabst vor allem deswegen interessiert, weil sie die Frau eines wichtigen Künstlers war, aber nicht das Genie hinter einem Mann das nicht gesehen wurde. Es gibt in diesem Film auch keine Enthüllungen über einen Ehegatten der sich ungebührlich oder gar missbräuchlich betragen hätte. Stattdessen ist dieser Film das Porträt einer Ehe die über 40 Jahre bis zu Papsts Tod 1966 und auch über diesen hinaus gehalten hat.

    Der Trailer zu „Pandoras Vermächtnis“, Kinostart am 3.4.:

    3 April 2025, 4:00 am
  • 4 minutes 9 seconds
    Andreas Wagner – Zwischen Reben und Rüben | Buchkritik
    Ferien auf dem Bauernhof und das „Landlust“-Magazin, lächelnde Bauern auf der Milchpackung. Das Klischee des idyllischen Dorflebens samt „ursprünglicher“ Landwirtschaft hält sich hartnäckig als Gegenbild zum beschleunigten urbanen Leben. Wenn aber, wie während der Proteste 2023 und 2024, die Landwirte mit ihren Traktoren in die Städte ziehen, der Bauer auf einmal im Kiez steht, zeigen sich Unverständnis und Ablehnung. Der Weg ist kurz zu den alten Klischees des „dumpfen“ und engstirnigen Bauern. Mit seinem Buch „Zwischen Reben und Rüben“ schaut Andreas Wagner hinter die Kulissen und Klischees der Landwirtschaft. Im Mikroskop seiner eigenen Familiengeschichte lässt er die Entwicklung bäuerlichen Lebens der vergangenen 200 Jahre Revue passieren. Wagner ist promovierter Historiker, Autor von Regionalkrimis und Winzer. Er weiß also wovon er spricht.  

    Auf den Spuren bäuerlichen Lebens 

    Das Buch konzentriert sich auf das Leben von sechs Generationen in einem Umkreis von nur wenigen Kilometern. Schauplatz sind die Äcker, Weinberge und Höfe in und um Essenheim, einem Dorf rund 20 km südlich von Mainz.   Als Kind und vor allem als Jugendlicher haben mich die Versuche meiner Großmutter Emilie genervt, in mir durch den Blick auf den Stammbaum ein Interesse an der „Ahnenforschung“ zu wecken. Mit dem Begriff verbinde ich ermüdende Erläuterungen über Verwandtschaftsbeziehungen, lange zurückliegende Erbstreitigkeiten und eine verwirrende Wiederkehr des immer gleichen Vornamens. 

    Quelle: Andreas Wagner – Zwischen Reben und Rüben

    In der Zwischenzeit scheint Andreas Wagner seine Meinung geändert zu haben – denn sein Buch besteht zu großen Teilen aus genau diesem „Wer mit wem, wann und warum“. Weil es der Autor vermag, persönliche Lebensläufe und historische Entwicklungen so zu verknüpfen, dass sie sich wechselseitig erhellen und lebendig werden, ist diese Studie aber weit mehr als eine Dorf- und Familienchronik, die es zufällig in einen anspruchsvollen Verlag geschafft hat. Wagner ordnet die bis ins letzte Jahrhundert hinein „ewigen“ bäuerlichen Fragen von Erbschaft, Heiratspolitik und neuen Anbaumethoden präzise und nachvollziehbar in ihren historischen Kontext ein.   Dass er die anekdotischen Berichte seiner Großmutter auf ein wissenschaftliches Fundament stellt, führt in der Flut von Zahlen und Fußnoten bisweilen aber auch zu Unübersichtlichkeit, genauso wie die vielen „Johannes“, die das Buch bevölkern: Bis ins 20. Jahrhundert hinein hießen alle männlichen Wagners mit Vornamen Johannes. Durch die merkwürdige, damals übliche Zählweise – der Sohn von Johannes II. heißt Johannes VII. – kommen dem Leser manche Passagen vor wie eine Geschichte der Päpste.

    Poesie landwirtschaftlicher Fachbegriffe 

    Wer aber dranbleibt, wird mit vielen überraschenden Einsichten belohnt. Etwa, dass Wein bis weit ins 20. Jahrhundert hinein für viele Landwirte ein wichtiges Spekulationsobjekt war, dessen gut getimter Verkauf den Ausbau anderer Bereiche im Hof über Jahre finanzieren konnte. Oder, dass das Pferd bis Mitte der 1970er Jahre im Weinbau unverzichtbar blieb. Und weil Wagner selbst aus der Praxis kommt, führt uns das Buch auch ein in die Poesie landwirtschaftlicher Fachbegriffe wie „Reblausresistenz“, „Siebradroder“ oder „Dunggreiferanlage“.  

    Genauer und liebevoller Blick auf die bäuerliche Lebensform 

    Mit genauem und liebevollem Blick erzählt Wagners Buch von der bäuerlichen Lebensform als einem permanenten Ringen um Selbstdefinition. Darin hat es einen Vorgänger. Mit „Ein Hof und elf Geschwister“ gelang dem Tübinger Historiker Ewald Frie 2023 ein Bestseller. Auch Frie erzählt eine Geschichte der Landwirtschaft im Medium seiner eigenen Familiengeschichte. Und dass die Cover der beiden Bücher einander mehr als nur ähnlich sind, ist sicher kein Zufall. Wagners Text ist nicht so gefällig geschrieben wie der von Frie, profitiert aber davon, dass der Autor den Hof, von dem über 240 Seiten die Rede ist, heute selbst bewirtschaftet und in sein Thema nicht nur emotional involviert ist.
    2 April 2025, 4:30 pm
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