SWR2 Kultur Aktuell

Südwestrundfunk

Beiträge aus den täglichen Kulturjournalen von SWR2. Mit Kulturnachrichten, Rezensionen, Tipps und Hintergründen zu den Themen Literatur, Kunst, Theater, Tanz, Festivals und Co.

  • 3 minutes 18 seconds
    Filmkritik „Pandoras Vermächtnis" – Doku zu Georg Wilhelm Papbst

    Meisterregisseur der Neuen Sachlichkeit

    „Die Büchse der Pandora“ – so heißt einer der berühmtesten unter den vielen berühmten Filmen von Georg Wilhelm Pabst. Neben Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau war Pabst der dritte unter den großen Giganten des deutschen Stummfilms der Weimarer Republik, und mit Filmen wie „Die freudlose Gasse“, „Geheimnisse einer Seele“, „Tagebuch einer Verlorenen“ und eben „Die Büchse der Pandora“ wurde er zum Meisterregisseur der Neuen Sachlichkeit schlechthin. ein Realist, der sich aber für das interessierte was unter der Oberfläche des auf der Leinwand Zeigbaren lag und versuchte, dem Unterbewussten, den Gefühlen, Trieben und verbotenem Verlangen eine Sichtbarkeit auf der Leinwand zu geben.

    Erzwungene Arbeit für das NS-Kino

    Politisch links stehend, wurde er 1933 ins französische Exil gezwungen, durch unglückliche Zufälle wurde er dann ab 1939 gezwungen, wieder in Deutschland zu arbeiten und drehte drei Filme für das NS-Kino. In den fünfziger Jahren drehte er noch mal ein Dutzend Filme, darunter mit „Der letzte Akt“ und „Es geschah am 20. Juli“ zwei Werke, die sich für die damalige Zeit sehr kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen.

    Bürgerliche Ehe und unterdrückte Triebe als zentrale Motive

    „Die Büchse der Pandora“ könnte auch der Titel von Angela Christliebs Film über Pabst sein. Die österreichische Regisseurin stößt mitten hinein ins Herz der Familienpolitik der Pabst Familie – und dieser Ansatz hat wiederum eine Menge mit dem Filmregisseur zu tun. Denn Pabst thematisiert in fast allen seinen Filmen die bürgerliche Ehe, Affären und Fremdgehen genauso wie unterdrückte Triebe, wie die Gewalt des Vaters über seine Kinder und die Emanzipation und Selbstverwirklichung der Ehefrauen in diesen Familienkonstellationen.

    Ein konservativer Patriarch

    Zur Schlüsselfigur von Christliebs Film wird hier jenseits der noch lebenden Enkel, die auch auftauchen, aber eher vom Thema wegführen, die Ehefrau des Regisseurs Trude Pabst. Sie hatte als Schauspielerin begonnen und ihren Mann kennen und lieben gelernt, doch der – als Künstler linksliberal und tolerant – entpuppte sich im eigenen Haus als mitunter konservativer Patriarch.

    Die Ehefrau als engste Mitarbeiterin

    Viele tausend Tagebuch-Seiten und Briefe hat Trude Pabst hinterlassen – sie sind eine unschätzbare Quelle für Leben und Filmogragraphie des Regisseurs. Die Ehefrau war auch dessen engste Mitarbeiterin und er hat sie auch immer ermutigt, selbstständig als Drehbuchautorin zu arbeiten. Trotzdem war dieses Arbeitsverhältnis keineswegs immer frei von Streit und wechselseitigen Enttäuschungen. Christlieb belegt aber, dass die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht – sexuell wie emotional – freiheitlicher und offener gesonnen waren, als es viele Menschen heute sind und für die Vergangenheit glauben machen möchten.

    Die Bedeutung von Trude Pabst wird ins rechte Licht gerückt

    So ist dies ein Film, der unschätzbare Quellen zutage fördert, der erstmals Trude Pabsts Biographie angemessene Aufmerksamkeit schenkt. Christlieb rückt die Bedeutung dieser immer auch in künstlerischen und privaten Krisen loyalen Ehefrau ins rechte Licht. Dabei schießt sie aber nicht über das Ziel hinaus und vermeidet den Fehler mancher neuerer Künstlerbiografien, die Bedeutung der Gattin aus feministischen Motiven über Gebühr aufzublasen oder das Genie des Künstlers zu relativieren.

    Das Porträt einer Ehe

    In „Pandoras Vermächtnis“ bleibt immer klar, dass man sich für Trude Pabst vor allem deswegen interessiert, weil sie die Frau eines wichtigen Künstlers war, aber nicht das Genie hinter einem Mann das nicht gesehen wurde. Es gibt in diesem Film auch keine Enthüllungen über einen Ehegatten der sich ungebührlich oder gar missbräuchlich betragen hätte. Stattdessen ist dieser Film das Porträt einer Ehe die über 40 Jahre bis zu Papsts Tod 1966 und auch über diesen hinaus gehalten hat.

    Der Trailer zu „Pandoras Vermächtnis“, Kinostart am 3.4.:

    3 April 2025, 4:00 am
  • 4 minutes 9 seconds
    Andreas Wagner – Zwischen Reben und Rüben | Buchkritik
    Ferien auf dem Bauernhof und das „Landlust“-Magazin, lächelnde Bauern auf der Milchpackung. Das Klischee des idyllischen Dorflebens samt „ursprünglicher“ Landwirtschaft hält sich hartnäckig als Gegenbild zum beschleunigten urbanen Leben. Wenn aber, wie während der Proteste 2023 und 2024, die Landwirte mit ihren Traktoren in die Städte ziehen, der Bauer auf einmal im Kiez steht, zeigen sich Unverständnis und Ablehnung. Der Weg ist kurz zu den alten Klischees des „dumpfen“ und engstirnigen Bauern. Mit seinem Buch „Zwischen Reben und Rüben“ schaut Andreas Wagner hinter die Kulissen und Klischees der Landwirtschaft. Im Mikroskop seiner eigenen Familiengeschichte lässt er die Entwicklung bäuerlichen Lebens der vergangenen 200 Jahre Revue passieren. Wagner ist promovierter Historiker, Autor von Regionalkrimis und Winzer. Er weiß also wovon er spricht.  

    Auf den Spuren bäuerlichen Lebens 

    Das Buch konzentriert sich auf das Leben von sechs Generationen in einem Umkreis von nur wenigen Kilometern. Schauplatz sind die Äcker, Weinberge und Höfe in und um Essenheim, einem Dorf rund 20 km südlich von Mainz.   Als Kind und vor allem als Jugendlicher haben mich die Versuche meiner Großmutter Emilie genervt, in mir durch den Blick auf den Stammbaum ein Interesse an der „Ahnenforschung“ zu wecken. Mit dem Begriff verbinde ich ermüdende Erläuterungen über Verwandtschaftsbeziehungen, lange zurückliegende Erbstreitigkeiten und eine verwirrende Wiederkehr des immer gleichen Vornamens. 

    Quelle: Andreas Wagner – Zwischen Reben und Rüben

    In der Zwischenzeit scheint Andreas Wagner seine Meinung geändert zu haben – denn sein Buch besteht zu großen Teilen aus genau diesem „Wer mit wem, wann und warum“. Weil es der Autor vermag, persönliche Lebensläufe und historische Entwicklungen so zu verknüpfen, dass sie sich wechselseitig erhellen und lebendig werden, ist diese Studie aber weit mehr als eine Dorf- und Familienchronik, die es zufällig in einen anspruchsvollen Verlag geschafft hat. Wagner ordnet die bis ins letzte Jahrhundert hinein „ewigen“ bäuerlichen Fragen von Erbschaft, Heiratspolitik und neuen Anbaumethoden präzise und nachvollziehbar in ihren historischen Kontext ein.   Dass er die anekdotischen Berichte seiner Großmutter auf ein wissenschaftliches Fundament stellt, führt in der Flut von Zahlen und Fußnoten bisweilen aber auch zu Unübersichtlichkeit, genauso wie die vielen „Johannes“, die das Buch bevölkern: Bis ins 20. Jahrhundert hinein hießen alle männlichen Wagners mit Vornamen Johannes. Durch die merkwürdige, damals übliche Zählweise – der Sohn von Johannes II. heißt Johannes VII. – kommen dem Leser manche Passagen vor wie eine Geschichte der Päpste.

    Poesie landwirtschaftlicher Fachbegriffe 

    Wer aber dranbleibt, wird mit vielen überraschenden Einsichten belohnt. Etwa, dass Wein bis weit ins 20. Jahrhundert hinein für viele Landwirte ein wichtiges Spekulationsobjekt war, dessen gut getimter Verkauf den Ausbau anderer Bereiche im Hof über Jahre finanzieren konnte. Oder, dass das Pferd bis Mitte der 1970er Jahre im Weinbau unverzichtbar blieb. Und weil Wagner selbst aus der Praxis kommt, führt uns das Buch auch ein in die Poesie landwirtschaftlicher Fachbegriffe wie „Reblausresistenz“, „Siebradroder“ oder „Dunggreiferanlage“.  

    Genauer und liebevoller Blick auf die bäuerliche Lebensform 

    Mit genauem und liebevollem Blick erzählt Wagners Buch von der bäuerlichen Lebensform als einem permanenten Ringen um Selbstdefinition. Darin hat es einen Vorgänger. Mit „Ein Hof und elf Geschwister“ gelang dem Tübinger Historiker Ewald Frie 2023 ein Bestseller. Auch Frie erzählt eine Geschichte der Landwirtschaft im Medium seiner eigenen Familiengeschichte. Und dass die Cover der beiden Bücher einander mehr als nur ähnlich sind, ist sicher kein Zufall. Wagners Text ist nicht so gefällig geschrieben wie der von Frie, profitiert aber davon, dass der Autor den Hof, von dem über 240 Seiten die Rede ist, heute selbst bewirtschaftet und in sein Thema nicht nur emotional involviert ist.
    2 April 2025, 4:30 pm
  • 3 minutes 32 seconds
    28. Stuttgarter Besen: Satire trifft auf große Bühne
    Die Entscheidung der Jury stand schnell fest: Den goldenen Besen und somit den ersten, mit 3.000 Euro dotierten, Platz belegte die Österreicherin Michaela Obertscheider, der silberne Besen ging an Cüneyt Akan aus Gießen und der dritte Platz, genannt hölzerner Besen, ging an die Schweizerin Jane Mumford. Den Zuschauern gefiel das Programm von Matthias Ningel am besten, er erhielt den Gerhard-Woyda-Publikumspreis.
    2 April 2025, 10:30 am
  • 5 minutes 54 seconds
    Virtuelle Welten beim Tanzmainz Festival
    Elf Tage voller Tanz erleben Besucher derzeit am Staatstheater Mainz beim Tanzmainz Festival Nummer fünf. Neben zahlreichen Premieren und Tanzfilmen widmet sich eine besondere Ausstellung dem Thema Tanz in virtuellen und erweiterten Realitäten. Die künstlerische Leiterin dieses Projekts, Ágota Harmati, erklärt: „Virtual Reality erlaubt es den Zuschauern, sich mitten im Geschehen zu befinden und die Choreografie aus verschiedenen Perspektiven zu erleben.“ Dabei tragen sie spezielle Brillen, die eine immersive Erfahrung ermöglichen.

    Virtueller und realer Raum durch digitale Elemente vereint

    Ein weiteres Highlight ist die erweiterte Realität, bei der digitale Elemente mit der realen Umgebung kombiniert werden. „Das bedeutet, dass der Raum, in dem man sich befindet, mit zusätzlichen virtuellen Tänzern oder Objekten ergänzt wird, die man durch eigene Bewegungen beeinflussen kann“, so Harmati. Dadurch entstehen ganz neue Formen der Interaktion zwischen Zuschauer und Kunstwerk. Die Ausstellung präsentiert unter anderem eine botswanische Produktion, in der man sich in einer virtuellen Wüste wiederfindet und von afrikanischen Tänzern umgeben ist. Zudem gibt es Filme, die traditionelle Tanzformen mit modernen Technologien verschmelzen lassen. Noch bis zum Wochenende haben Besucher die Gelegenheit, diese innovativen Formen des Tanzes selbst zu erleben.
    2 April 2025, 10:30 am
  • 3 minutes 24 seconds
    Annett Gröschner wird Mainzer Stadtschreiberin 2025
    Wahrscheinlich wird Annett Gröschner viel am Fenster stehen und auf den Marktplatz schauen. Die Stadtschreiberwohnung liegt mitten in der Mainzer Altstadt. Die Autorin mag es, Menschen zu beobachten, das Treiben in einer Stadt. Davon lässt sie sich inspirieren. 

     Texte, die in die Tiefe gehen

    Bislang hat Berlin häufig die Hauptrolle in ihren Texten übernommen, denn dort lebt die 1964 in Magdeburg geborene Annett Gröschner seit über 40 Jahren. Dabei interessiert sie sich nicht nur für die Menschen und wie sie ihren Alltag zur Zeit bewältigen, sondern auch für die Geschichte dahinter. Mit ihren Texten will sie nicht an der Oberfläche bleiben, sondern in die Tiefe gehen. Sie schreibe besonders gerne Fußnoten, sagt sie, und sie mag es, in Archiven Hintergründe und Vergangenes zu recherchieren.

    Gröschner ist eine gute Zuhörerin

    Es ist auch die Abwechslung, die Annett Gröschner mag. Im Archiv sitzen, am Schreibtisch sitzen, aber auch rausgehen, mit Menschen reden. Die Figuren in ihren Romanen sind Konglomerate aus vielen Menschen, aus Verwandten, aus Fremden, die sie interviewt hat, aus sich selbst. Daher wirken sie so lebendig, daher sprechen sie so, wie ihnen die Schnauze gewachsen ist, denn eine gute Zuhörerin ist Annett Gröschner auch. Teilnehmende Beobachterin, nennt sie das. Drei Romane sind bislang so entstanden, „Moskauer Eis“, „Walpurgistag“ und jetzt ganz frisch „Schwebende Lasten“. Für einen Roman brauche sie lange, denn sie sei etwas unstet, sagt Annett Gröschner.

    Zusammenarbeit ist Gröschner wichtig

    Gröschner muss immer wieder aufstehen und etwas anderes machen. Zum Beispiel, mit anderen gemeinsam arbeiten. Auch das mag sie. Mit dem Fotografen Arwed Messmer machte sie ein zweibändiges Werk über die Berliner Mauer; gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann entstand der Gesprächsband „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“, der zum Bestseller wurde. Kein Wunder, dass jemand wie sie lange auch Dozentin war. Dem Nachwuchs möchte sie raten, sich aus dem digitalen Raum hinauszubewegen.

     Gröschner übernimmt auch die Mainzer Poetikdozentur

    In Mainz hat Annett Gröschner auch die diesjährige Poetikdozentur angenommen, zu der ein Workshop mit Studierenden gehört. Es sieht so aus, als habe Mainz mit Annett Gröschner eine Stadtschreiberin gewonnen, die sich einbringen und bei Rundgängen inspirieren lassen will – eine vielversprechende Mischung. 
    2 April 2025, 9:25 am
  • 3 minutes 45 seconds
    Ruinen ohne Romantik – Piet Niemanns Fotos über das Erbe der Expo 2000

    Keine Unterstützung für Niemann

    Piet Niemann ist ein erfolgreicher Architektur-Fotograf aus Hamburg. Wenn so jemand aus Eigeninteresse eine Bildserie über die Expo 2000 beginnt, seinerzeit ein Leuchtturm-Projekt der jüngeren Baugeschichte, dann sollte er eigentlich wohlwollende Unterstützung ernten. Doch als Niemann die ehemaligen Planer und Manager der Hannoveraner Weltausstellung kontaktierte, da kam es ganz anders.  „Ich habe wirklich versucht, mit vielen Kontakt aufzunehmen, und keiner hat sich gemeldet. Und als das Buch rauskam, da kamen plötzlich Antworten. Aber nicht in dem Sinne: Wir würden gern mitmachen, sondern: Wir würden es gern verhindern. Von den allermeisten hat man wirklich Feindseligkeiten bekommen.“

    Im Jahr 2000 hat man groß gedacht

    Ein Grund könnte die gähnende Kluft sein zwischen der heutigen Realität des Terrains und dem damaligen Anspruch der Weltausstellung: Man schrieb das Jahr 2000, für viele die Chiffre für eine helle Zukunft. Zehn Jahre zuvor war die Mauer gefallen, der Systemgegner Sozialismus kollabiert; jetzt war der Weg frei für utopischen Fortschritt. „Es war ein neues Jahrtausend, man hat da groß gedacht, wirklich, es ging eben nur um die Stadt der Zukunft. Hannover, die neue Mitte Europas, nach dem Fall der Mauer und all die Themen, die man heute noch kennt. Also Nachhaltigkeit, Energiewende, all diese Themen waren damals eigentlich schon ja proklamiert als Ziel. Und das spiegelte sich natürlich auch in der Architektur wieder.“

    Karge Gerippe statt prunkvoller Bauten

    Es gab lauter sensationelle Bauten. Litauen setzte eine Art leuchtend gelbe Raumfähre ab, Island einen meerblauen, von Wasser überspülten Würfel, die Vereinigten Arabischen Emirate eine Fata-Morgana-Kulisse aus dem Morgenland. Die alles überragende Sensation war der Pavillon der Niederlande: ein ringsum offener Stapel von Etagen voller Blumen und Bäume, auf dem Dach geziert von einer Formation blütenweißer Windräder.

    Vollständige Nachnutzung war das Ziel

    Noch heute ist er das höchste Gebäude auf dem Gelände; aber die Fotos von Piet Niemann zeigen ein kahles Gerippe, dessen marode Stützstreben zusammengehalten werden von LKW-Spanngurten. Man sieht es auch an vielen Ruinen: Viele sind abgebrannt, mussten abgerissen werden. Eine Stadt der Zukunft habe ich mir anders vorgestellt.

    Quelle: Piet Niemann über den Zustand einiger Bauten auf dem Expo Gelände

    Dabei war genau das die lautstark behauptete Vision: eine Expo neuen Typs, kein Bling-Bling-Event, sondern vollständige Nachnutzung. Piet Niemanns Beobachtungen erzählen vom Gegenteil.

    Hannover wollte keine Konkurrenz zur Innenstadt

    Man sieht ein Sammelsurium aus Ruinen, Brombeerwucher und Absperrungen. Planungen für Galerien und Sportgeschäfte hat die Stadt Hannover unterbunden – man wollte keine Konkurrenz zur Innenstadt. Erlaubt sind dagegen die Universität, Ikea und Autohändler. Ein besonders bitterer Treppenwitz: Auf dem Grundstück des Schweizer Pavillons, damals ein nach frischem Holz duftendes und mönchisch strenges Kunstwerk des Großmeisters Peter Zumthor, ausgerechnet dort werden heute Ferraris verkauft. Dann gab es noch den Pavillon von Bhutan, meine ich, der steht jetzt quasi als buddhistischer Tempel irgendwo in Bayern.

    Quelle: Piet Niemann

    Die Themen sind heute noch brandaktuell

    Die Gelassenheit eines Erleuchteten könnte helfen, um über das trostlose Verläppern der einstigen Jahrtausend-Vision nicht zu verbittern. Auf Piet Niemanns Bildern irren winzige, einsame Figuren durch dunstige Kulissen,  postmoderne Wiedergänger im Nebelmeer leerer Versprechungen. Vielleicht ist das überhaupt die wichtigste Erkenntnis, die man aus dem Ganzen ziehen kann: gegenüber allzu wohltönenden Versprechungen empfiehlt sich eine gewisse Skepsis. „Man könnte das Konzept, glaube ich, heute wieder hinlegen und die Inhalte darin wären heute eigentlich noch allgegenwärtig. Und das ist eigentlich ernüchternd festzustellen, dass wir 25 Jahre später nicht so wirklich weitergekommen sind, wenn man das von heute aus betrachtet. “

    Quelle: Piet Niemann

    2 April 2025, 4:00 am
  • 5 minutes 46 seconds
    Fantasie wecken und die Welt erklären: Warum Kinderbücher wichtig sind
    Bevor sie lehrreich sind, sollen Kinderbücher vor allem Lust darauf machen, sich mit ihnen zu beschäftigen, sagt Beatrice Wallis. Sie leitet den Bereich Kinder- und Sachbuch beim Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim. Auch komplexere Themen wie Armut, Klimawandel oder Natur können durch Bücher den Kindern vermittelt werden.

    Im digitalen Zeitalter bleiben Bücher wichtig für Kinder

    „Wir versuchen, Themen anzugehen, die Kinder interessieren könnten, auch wenn sie diese vielleicht noch gar nicht so auf dem Schirm haben“, erklärt Wallis. Dabei spielen Illustrationen eine wichtige Rolle, um die Themen spannend und anschaulich zu gestalten. Gerade im digitalen Zeitalter seien Bücher weiterhin wichtig für die kindliche Entwicklung, betont Wallis: „Die Fähigkeit, aus Worten im Kopf Bilder entstehen zu lassen, ist etwas anderes, als etwas auf dem Handy oder Tablet anzuschauen.“
    2 April 2025, 4:00 am
  • 6 minutes 57 seconds
    Weltgipfel für Menschen mit Behinderung: Deutschland noch nicht barrierefrei
    Sie nennt ein konkretes Beispiel: Bei der Verwendung von Touchscreen-Kartenterminals benötigt sie Hilfe und muss fremden Menschen ihre EC-Karten-PIN verraten. „Das ist kein angenehmes Gefühl“, sagt sie. „Das ist eine klassische Alltagsbarriere, die mich als jemand, der nicht sieht, stört.“ Inklusion beginne im Bildungssystem: Daher solle man sich in Deutschland von Förder- und Sonderstrukturen verabschieden und Menschen mit Behinderung in kleineren Klassen integrieren. Dies wäre auch künftig am Arbeitsplatz von Vorteil. Bentele zeigt sich außerdem besorgt über rechtspopulistische Tendenzen, die Inklusion zurückdrehen wollen, und fordert die Bundesregierung auf, private Anbieter gesetzlich zur Barrierefreiheit zu verpflichten sowie benachteiligte Gruppen stärker in der Entwicklungszusammenarbeit zu berücksichtigen.
    2 April 2025, 4:00 am
  • 4 minutes 9 seconds
    Dana Schmalz – Das Bevölkerungsargument
    Als Anfang der 1970er Jahre die Angst vor einer Bevölkerungsexplosion ihren Höhepunkt erreichte, zeichnete sich in den Industriestaaten längst ein deutlicher Rückgang der Geburtenzahlen ab. Der sogenannte Pillenknick hatte bereits seit einigen Jahren seine Spuren in der Statistik hinterlassen, und die Baby-Boomer-Phase der Nachkriegszeit neigte sich ihrem Ende zu.  Trotzdem malten viele Prognosen das düstere Bild einer Zukunft, in der die Erde eines Tages von der Menschheit überfordert sein würde. Der berühmte Bericht des „Club of Rome“ machte dafür nicht nur das industrielle, sondern vor allem auch das demografische Wachstum verantwortlich. Denn insgesamt vermehrte sich die Weltbevölkerung nach wie vor exponentiell. 

    Die Menge der Menschen 

    In ihrem Buch „Das Bevölkerungsargument“ hat Dana Schmalz die lange Geschichte dieser Angst vor zu vielen Menschen untersucht und die bemerkenswerten Kontinuitäten im Umgang damit herausgearbeitet. Denn die Sorge vor einer Übervölkerung, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, betrifft keineswegs alle, sondern nur ganz bestimmte Menschen:  Zu viel waren meistens »die anderen«: zunächst die Armen in England und dann in sonstigen wachsenden europäischen Staaten. Dann die im Rassendenken und in de Eugenik als minderwertig Eingeordneten. Schließlich die in Staaten des Globalen Südens Geborenen, wo weiter hohe Geburtenraten herrschten, als in Europa und Nordamerika die Bevölkerungen allmählich langsamer wuchsen.

    Quelle: Dana Schmalz – Das Bevölkerungsargument

    Die Folgen des Fortschritts 

    Bis zum Beginn der Neuzeit lebten nie mehr als 500 Millionen Menschen auf der Erde. Auch wenn die Zahl der Menschen oft starken Schwankungen unterlag, bedingt durch Seuchen und Kriege, ist die Weltbevölkerung über viele Jahrhunderte stabil geblieben.  Das änderte sich erst durch die Verbesserung der hygienischen Umstände. Mit der Abnahme der Säuglingssterblichkeit im 19. Jahrhundert begann ein intensives demografisches Wachstum, zunächst in Europa, später auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt. Darauf reagierten die Industriestaaten mit umfassenden Programmen zur Entwicklungshilfe:  Zugleich trugen die Programme vielfach eine neokoloniale Handschrift. Sie waren auch Ausdruck einer westlichen Panik vor Dominanzverlust: Just in den Jahren, als Millionen Menschen aus den ehemaligen Kolonien zu Bürger:innen unabhängiger Staaten wurden, begann ihre Zahl so erhebliche Aufmerksamkeit zu erregen.

    Quelle: Dana Schmalz – Das Bevölkerungsargument

    Die Politik der Prognosen 

    In Europa fand das enorme Bevölkerungswachstum zeitgleich mit der Industrialisierung statt und beschleunigte sie sogar. Mit den modernen Metropolen entstanden jedoch ebenso beispiellose Elendsquartiere, deren Existenz die Errungenschaften des Fortschritts in Frage stellte und eine regelrechte Panik vor einer unkontrollierbaren Entwicklung auslöste.  Als das gleiche Schicksal auch den Globalen Süden ereilte, sollten die Folgen durch eine aktive Bevölkerungspolitik abgemildert werden. Anfang der 1970er Jahre richteten die Vereinten Nationen einen Bevölkerungsfonds ein, dessen Ziel bis heute in der Eindämmung der Geburtenzahlen besteht. Am radikalsten ging dabei die Volksrepublik China vor:  Die Ein-Kind-Politik ging mit massiven Rechtsverletzungen einher, sie wird heute allgemein als Sonderfall und als Beispiel für Unterdrückung durch das Regime betrachtet. Doch auch diese Politik fand nicht in einem Vakuum statt, sondern war beeinflusst durch internationale Diskurse über Bevölkerungswachstum. 

    Quelle: Dana Schmalz – Das Bevölkerungsargument

    In ihrer sorgfältigen Analyse zeigt Dana Schmalz, wie die Sorge vor einer Übervölkerung häufig die Probleme falsch eingeschätzt hat, und das über viele Jahrzehnte. Ihr Buch ist eine hervorragende Einführung in die komplexe Geschichte der Demografie und der Angst vor zu vielen Menschen, die sich heute als Angst vor dem demografischen Wandel in ihr Gegenteil verkehrt.  
    1 April 2025, 4:30 pm
  • 4 minutes 1 second
    Wir bringen das Theater zu euch! - die Badische Landesbühne Bruchsal feiert ihr 75 jähriges Bestehen
    Das Publikum ist dankbar für dieses Engagement. Für die Schauspieler und das technische Team bedeutet das: ständig unterwegs sein. Morgens wird in Bruchsal geprobt, am Nachmittag steigen dann alle zusammen in den Theaterbus, diesmal steht ein Auftritt in Bretten auf dem Programm: „Über Menschen“ nach dem Bestsellerroman von Juli Zeh.

    Feste Stamm-Plätze im Theater-Bus

    Die Fahrt nach Bretten dauert nur etwa eine halbe Stunde, aber die Mitarbeitenden der Badischen Landesbühne müssen manchmal auch rund zwei Stunden fahren, um ihre Aufführungsorte zu erreichen. Auf vielen Sitzen im Theaterbus liegen Kissen und Decken.

    Am Spielort riecht es nach Turnmatten und Sportschuhen

    Der Theaterbus hält in Bretten vor der Stadtparkhalle. Eine typische Mehrzweckhalle. An den Wänden hängen Basketball-Körbe. Die Bühne ist bereits aufgebaut, gerade werden die letzten Scheinwerfer montiert. Alle im Team sind perfekt aufeinander eingespielt, die Stimmung ist gut. Im Gang stehen große Kleiderkisten, für jede Rolle eine. Die Schauspielerinnen und Schauspieler ziehen sich in den Garderoben um. Es riecht etwas muffig nach Turnmatten und Sportschuhen. In einem kleinen Nebenraum richtet sich gerade die Maskenbildnerin ein:

    Die Ortswechsel beeinflussen auch die Art der Inszenierung

    Um 19 Uhr gibt André Becker eine kurze Einführung in das Stück. Er ist seit letzter Spielzeit Chefdramaturg an der Badischen Landesbühne. Das Spielen an ständig wechselnden Orten für viele unterschiedliche Menschen hat auch Auswirkungen auf die Art zu inszenieren, findet André Becker. An dem Abend sind alle 290 Plätze verkauft. Das ist nicht immer so. Manchmal spielt die Badische Landesbühne auch nur vor 20 Leuten. Nach knapp zwei Stunden ist die Aufführung zu Ende. Noch während die letzten Zuschauerinnen und Zuschauer die Halle verlassen, wird schon mit dem Abbau begonnen. Jeder Handgriff sitzt. Jetzt wollen alle so bald wie möglich nach Hause. Trotz Mehraufwand: die Schauspieler arbeiten gerne an der Badischen Landesbühne Bruchsal und sie sind sich sicher: die vielen gemeinsamen Fahrten schweißen das Ensemble auf besondere Weise zusammen.
    1 April 2025, 10:30 am
  • 5 minutes 19 seconds
    „Ja heißt Ja“: Frankreich debattiert über Verschärfung des Sexualstrafrechts
    Nach dem schrecklichen Fall von Gisèle Pelicot sei Frankreich definitiv bereit für eine Verschärfung des Strafrechts in Bezug auf Vergewaltigung, sagt Emilia Roig im Gespräch mit SWR Kultur. Heute wird in der französischen Nationalversammlung über die Aufnahme des „Ja heißt Ja“-Prinzips in das französische Strafrecht debattiert. Dieses Prinzip sei besser als das „Nein heißt Nein“, da Letzteres möglicherweise Spielraum für Interpretationen lassen könne. Das „Ja“ hingegen „könnte einen besseren Schutz für Frauen darstellen, weil die Zustimmung ausdrücklich geäußert werden muss“, so Roig. Es gehe heute nicht nur um eine mögliche neue strafrechtliche Regelung, sondern auch um die Debatte über eine Vergewaltigungskultur. Daher ist Roig skeptisch, was die „Individualisierung von Phänomenen“ angehe. Im Fall Gisèle Pelicot, die eine bestimmte gesellschaftliche Klasse verkörpere, stelle sich die Frage: „Hätten wir auch so darüber gesprochen, wenn sie einer bestimmten Arbeiterklasse angehört, eine Migrantin oder eine Frau mit Behinderung gewesen wäre?" Roig hält es für notwendig, über das Thema Vergewaltigungkultur zu sprechen, betont jedoch, dass es wichtig sei, dieses Thema von der individuellen Person zu entkoppeln.
    1 April 2025, 4:00 am
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