Kristine Harthauer: Du bist als Autorin zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse. Wie viel Meme-Potenzial hat die Messe? Was ist dein erster Eindruck?
Svea Mausolf: Auf den ersten Blick natürlich tonnenweise, weil wirklich ganz viele Leute hier sind. Ich glaube, jeder hier hat ganz viele Geschichten, die ich potenziell verwursten könnte.
Kristine Harthauer: Auf deinem Instagram-Account hast du auch schon ein paar Memes über dein Buch gepostet. Auf einem sieht man einen älteren, grauhaarigen Mann, so Typ ewiger Rocker mit Lederboots und Tattoos. Der sitzt auf einer Parkbank, er beugt sich in Richtung Kamera und fragt ganz keck: „Junge Frau, darf ich fragen, was die da lesen?“.
Svea Mausolf, darf ich fragen, wie es ist, das Internet zu verlassen und mit dem ersten eigenen Buch unterwegs zu sein?
Svea Mausolf: Also, für mich ist dieser Sprung in die physischen Medien irgendwie auch beruhigend. Ich habe immer das Gefühl, das Internet ist so flüchtig und könnte jeden Moment vorbei sein.
Deswegen freue ich mich riesig, dass ich vielleicht auch als Romanautorin Fuß fassen kann und vielleicht gar nicht mehr jeden Tag bangen muss, ob mein Instagram-Account nicht vielleicht gelöscht wurde und meine ganze Existenz flöten geht.
Kristine Harthauer: Die Angst hätte ich auch, wenn man so abhängig ist vom Algorithmus.
Svea Mausolf: Und von Mark Zuckerberg, das wünscht man sich auch nicht.
Ein Höllenritt voller Körperflüssigkeiten
Kristine Harthauer: Dein Roman heißt „Image“. Es geht um Peggy, Ende 30, die ein Zimmer in ihrer Kölner Altbauwohnung vermietet – an ein schmieriges Muttersöhnchen namens Martin. Dann macht ihre Freundin mit ihr Schluss und Peggy landet in einer schäbigen Kneipe namens „Image“.
Und was dann passiert, das ist ein Höllenritt voller Körperflüssigkeiten, Wutanfälle, zerstörten Möbeln und auch Körperteilen. Ich habe mich beim Lesen schon gefragt: Woher nimmst du diese Bilder?
Svea Mausolf: Also es klingt so platt zu sagen „Da steckt alles in mir drin“. Besonders, wenn man sich irgendwie den Inhalt des Buches mit all seinen Schrecken vor Augen ruft.
Ich glaube, mich interessiert einfach auch Abgründiges. Das kitzelt mich. Da mag ich drüber nachdenken, da mag ich auch noch meine eigene Fantasie spielen lassen und mich so ein bisschen treiben lassen in alles, was spritzt, in alles, was eklig ist. Was auch vielleicht nicht mit Körperflüssigkeiten zu tun hat.
Ich glaube, mich interessiert einfach auch Abgründiges. Das kitzelt mich.
Quelle: Svea Mausolf, Autorin
Also Ekel geht ja weit darüber hinaus, auch in dem Buch. Menschen, aus denen es nicht trieft, können auch eklig sein. Und das in all seiner Härte zu beschreiben, das zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht.
Eine grobe Skizze vom Spätkapitalismus, in dem wir leben
Kristine Harthauer: Wenn jemand das Buch noch nicht gelesen hat und eben diesen Titel hört, „Image“, wie würdest du dein Buch skizzieren?
Svea Mausolf: Es passiert ja sehr viel. Es sind viele Charaktere, die ich anreiße. Es hat zwar irgendwie eine strenge Handlung, der es folgt, aber immer wieder streife ich das Leben anderer, die nur ganz kurz vorkommen.
Ich finde, das ist irgendwie auch eine grobe Skizze des Spätkapitalismus, in dem wir leben, und des Abgründigen, das sich so auftut. Wo manch anderer vielleicht nicht so gern hinschaut, wo ich dann ganz genau hingucke und auch Charaktere seziere, bis kaum noch was von ihnen übrig bleibt. So?
Ich finde, in Überzeichnungen liegt ganz viel Wahrheit. Ich bin auch Fan von Kalauern, die immer funktionieren.
Quelle: Svea Mausolf, Autorin
Kristine Harthauer: Gleichzeitig sind diese Figuren ja auch ziemliche Stereotype. Da hast du keine Angst davor. Was gefällt dir an dieser Überzeichnung?
Svea Mausolf: Ich finde, in Überzeichnungen liegt ganz viel Wahrheit. Ich bin auch Fan von Kalauern, die immer funktionieren. Kalendersprüche haben immer was Wahres. Ich finde, so wie es bei Memes funktioniert, funktioniert es im Literarischen auch und besonders, wenn es um Humor geht. Dass ich in der Überzeichnung immer den wahren Schmerz finde.
Ich finde, Literatur kann auch gerne so was Comichaftes haben, was nicht im Alltag zu finden ist, aber gerade dann doch überall, wo man hinsieht. Weil es eben so detailliert und so überzeichnet beschrieben ist.
Rache am Patriachat?
Kristine Harthauer: Du zerlegst ja eigentlich die deutsche Gesellschaft und du zeigst die homophoben, rassistischen und sexistischen Abgründe dieser Gesellschaft. Quasi alle bekommen ihr Fett weg, vom Rich Kid wie Peggy bis hin zum klassischen Reihenhausbesitzer.
Vor allem Männern gegenüber bist du gnadenlos. Die Männer in deinem Buch sind ja eigentlich Witzfiguren. Vor allem Martin, das ist wirklich ein Stereotyp eines Millennial Boys. Siehst du oder kennst du Typen wie ihn aus der echten Welt?
Svea Mausolf: Ja, noch und nöcher. Die schießen ja wie Unkraut aus dem Boden und sind auch leider nicht tot zu kriegen, auch wenn ich es versucht habe. Besonders in meiner Vergangenheit, in meinem Kunststudium, sind mir fast nur solche Männer begegnet. Die sich Themen wie Feminismus vorne auf die Fahne schreiben und dann hintenrum eigentlich gar nicht so sind und nur nerven.
Kristine Harthauer: Ja, die sich die Nägel lackieren, aber teilweise eben einfach wahnsinnig misogyn gegenüber Frauen sind. Ist das auch eine Art Rache am Patriarchat, die du mit deiner Kunst ausübst?
Svea Mausolf: Also wenn man es so betrachten will, kann man das gerne so lesen. Ich finde, ich als Frau müsste mich viel, viel vehementer rächen für alles, was uns als Frauen so passiert ist.
Da reicht ein witziges Buch wahrscheinlich nicht aus. Das ist ja dann eher ein Fliegenschiss auf alles, was bisher passiert ist: von Hexenverbrennung bis hin zu Frauenmorden, die so passieren. Und da komme ich daher als komische junge Frau und mache mich ein bisschen drüber lustig. Das wird wohl als Rache nicht ausreichen.
Keine reine Autofiktion
Kristine Harthauer: Aber trotzdem ruft es ja auch heftige Reaktionen hervor in den Kommentaren. Es lässt die Männer nicht kalt.
Svea Mausolf: Eigentlich finde ich, viele Männer sind mir dann doch sehr wohlgesonnen. Besonders die, die es irgendwie in ihr Bumble-Profil reinmachen, dass sie meine Memes gern angucken oder meine Bücher lesen.
Kristine Harthauer: Die gibt's also auch, meine Güte. Sag mal, in welchem Umfeld bist du eigentlich aufgewachsen? Auch hinter den Spitzengardinen im Reihenhaus?
Svea Mausolf: Ich würde sagen, guter Mittelstand. Mein Vater war Polizist, meine Mutter arbeitet auch bei der Polizei. Also Eigenheim. Es war nie zu wenig Geld da, aber auch nie zu viel, würde ich sagen.
Es steckt sicherlich viel von Peggy in mir, aber von mir steckt auch viel in allen anderen Figuren.
Kristine Harthauer: Du hast, so wie deine Figur Peggy, aber auch nie zu viel, würde ich sagen. Du hast wie Peggy auch ein Kunststudium abgebrochen. Du lebst, soweit ich weiß, auch in Köln. Wie weit bist du davon entfernt, den Weg von Peggy einzuschlagen? Oder wie viel von dir spiegelt sich da wieder?
Svea Mausolf: Es ist kein autofiktionaler Roman. Es steckt sicherlich viel von Peggy in mir, aber von mir steckt auch viel in allen anderen Figuren. Ich sehe mich da in jedem, sogar in Martin, und würde fast sagen, dass ich am ehesten den Weg von Renate einschlagen wollen würde, die später im Buch vorkommt.
„Wenn ich scheitere, dann scheitere ich vor einer Viertelmillion Menschen“
Kristine Harthauer: Also mit der eigenen Eckkneipe. Wie ist es für dich jetzt, dass du quasi die Form gewechselt hast? Mit deinem Account erreichst du auf Instagram 280.000 Follower. Jetzt mit dem Buch, spürst du da eine andere Form von Druck?
Svea Mausolf: Ich glaube, ich habe immer ein bisschen Druck. Es ist ja auch bei Instagram ein konstantes Schaffen. Ich habe ja mal täglich Memes gemacht, dann immer weniger auch wegen des Drucks und dann auch wegen anderer kreativer Aufgaben, wie zum Beispiel die mit dem Buch.
Aber natürlich ist da immer so eine Angst dabei, etwas vor Augen vieler zu veröffentlichen. Es ist ja nicht so, dass ich mit einem Debüt ohne Publikum gestartet bin. Ich dachte: Wenn ich scheitere, dann scheitere ich vor einer Viertelmillion Menschen. Und das ist natürlich irgendwie ein hartes Ding so. Aber geschafft.
Langform statt Memes und direktem Feedback
Kristine Harthauer: Geschafft. Es gibt dieses berühmte Zitat von Karl Valentin: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Was macht dir mehr Arbeit? Einen 200 Seiten starken Roman zu schreiben, wahrscheinlich über Monate hinweg, oder auf Instagram eine Galerie mit zehn Memes zu posten?
Svea Mausolf: Natürlich ist das mit den Memes super schnell. Also es ist ja so, dass ich da direkt ein Feedback bekomme, was dann irgendwie mit meinem Dopaminhaushalt ein bisschen spielt.
Es war dann auch irgendwie schwierig in der Langform, als ich eben keine direkte Antwort dafür bekommen habe, was ich gemacht habe. Unterm Strich ist aber das Romanschreiben viel mehr Arbeit, als so ein Witzbild im Internet zu machen.
Kristine Harthauer: Und meinst du, du wirst es noch ein zweites Mal ausprobieren wollen?
Svea Mausolf: Absolut, sehr gerne sogar. Noch ein drittes, ein viertes.