- 50 minutes 37 secondsSonderfolge „Geld, Macht und Demokratie – Politische Theorien öffentlicher Finanzen“
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Über öffentliche Finanzen wird meist in einem sehr bestimmten Ton gesprochen: Es geht um Spielräume, um Restriktionen, um das, was „man sich leisten kann“. Der Leviathan-Sonderband „Politische Theorien öffentlicher Finanzen“, mitherausgegeben von unserem Gast aus Folge 104, Sebastian Huhnholz, dreht die Perspektive um: Welche Begriffe und Problemerzählungen strukturieren eigentlich unser Reden über Staatsfinanzen? Und was folgt daraus – für die Handlungsfähigkeit des Staates wie für dessen demokratische Legitimität?
Am 18. Mai wurde der Band am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung vorgestellt. Wir senden in dieser Sonderfolge die Aufzeichnung des Podiumsgesprächs: Die politische Ökonomin Andrea Binder, der Demokratietheoretiker Philip Manow und die Politiktheoretikerin Jenny Stupka diskutieren über Sondervermögen, die Zwänge des internationalen Finanzsystems und die Frage, wie sich der Staat überhaupt finanzieren könnte. Moderation: Leon Wansleben.
Gäste
- Andrea Binder
- Philip Manow
- Jenny Stupka
- Leon Wansleben
1 August 2026, 9:59 am - Warum uns die Arbeit nicht ausgeht – mit Florian Butollo
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Seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 häufen sich Studien, die massenhafte Jobverluste vorhersagen. Das klingt durchaus plausibel, denn wer die Maschine selbst nutzt, erlebt Fähigkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Gleichzeitig sehen die Realitäten der Arbeitswelt anders aus. Pflegekräfte und Handwerker fehlen, IT-Fachkräfte werden durch KI nicht arbeitslos, sondern sind überarbeitet. In den OECD-Staaten arbeiten heute mehr Menschen als je zuvor. Die Warnung vor Jobverlust und die Klage über Arbeitskräftemangel stehen seltsam nebeneinander.
Florian Butollo ist Arbeitssoziologe und erlebte in seiner Forschung, wie sich Unternehmen durch Digitalisierung große Arbeitseinsparungen erhofften und am Ende doch mehr Personal brauchten. In seinem neuen Buch „Das knappe Gut Arbeit“ vertritt er die These, dass uns die Arbeit gerade nicht ausgeht. Im Gegenteil: Sie wird zum knappen Gut.
Grund dafür sind nach Butollo bestimmte „Rebound-Effekte der Automatisierung“. Der Bedarf an menschlicher Arbeit wächst immer weiter, weil auch die Komplexität einer Ökonomie wächst, die immer vielseitigere, immer kompliziertere Abläufe und Produkte hervorbringt. Das gilt auch für die Digitalisierung selbst, an der Hunderttausende mitwirken. Zuletzt hat auch die moderne Gesellschaft immer mehr Arbeit für die Folgen ihrer eigenen Entwicklung aufzubringen: Eine alternde Bevölkerung braucht immer mehr Pflege, gesteigerte Erwerbsquoten mehr Sorgearbeit und die ökologische Katastrophe immer mehr Transformations- oder Anpassungsarbeit. Während mancher Politiker noch ruft, Deutschland müsse mehr arbeiten und könne sich keine „Lifestyle-Teilzeit“ leisten, kommt der demografische Wandel erst jetzt richtig zum Tragen. Die Gesellschaft wird bewusster entscheiden müssen, wofür sie ihre knapper werdende Arbeit verausgaben will.
Shownotes
- Das knappe Gut Arbeit. Buch von Florian Butollo (Suhrkamp Verlag)
- Weizenbaum-Institut \\ Forschung für die vernetzte Gesellschaft.: Weizenbaum Institut
- Maschinenfragment – Wikipedia
- Produktivitätsparadoxon – Wikipedia
- Baumolscher Kosteneffekt – Wikipedia
- Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation — American Economic Association
- Andrew Ure – Wikipedia
- Industrie 4.0 – Wikipedia
- $1.5 Billion Huawei Headquarters
- Ulrich Beck – Wikipedia
- Rebound-Effekt (Ökonomie) – Wikipedia
- Imaginierte Zukunft. Buch von Jens Beckert (Suhrkamp Verlag)
- The GenAI Divide: State of AI in Business 2025 (MIT NANDA) (PDF)
- Industrious Revolution — Wikipedia
- Bullshit Jobs – Wikipedia
- The Foundational Economy
- Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates
- Merz fordert vor CDU-Parteitag mehr Leistungsbereitschaft
Transkript
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Gast
- Florian Butollo
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8 June 2026, 8:58 am - 1 hour 52 minutesDas Elend der Geopolitik – mit Klaus Schlichte
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Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, sieht viele Karten: Frontverläufe in der Ukraine, Grönland in der Einflusssphäre der USA, die Straße von Hormus. Solche Karten suggerieren Übersicht und Objektivität – eine Welt natürlicher Einheiten, der Nationalstaaten, in einem großen strategischen Spiel um Macht und Einfluss. Für den Politikwissenschaftler Klaus Schlichte ist diese Sicht eine voraussetzungsreiche Deutung. In seinem neuen Buch beschreibt er „Das Elend der Geopolitik“: ein Denken, das die komplizierte politische Realität der Weltgesellschaft auf Konkurrenz zwischen Großmächten reduziert und in vermeintlich nüchterner Klarsicht die ewigen Regeln internationaler Politik erkennt.
Für Schlichte ist das ein Relikt des 19. Jahrhunderts, ein Echo des europäischen Imperialismus und in der Forschung lange diskreditiert. Stattdessen brauche es soziologische Analyse und ein Bewusstsein für die historische Interpretationsabhängigkeit zwischenstaatlicher Beziehungen. Dann erweist sich die jüngere Geschichte nicht als Wiederholung eherner Gesetze von Dominanzstreben und Machtgleichgewichten, sondern als Abfolge unterschiedlicher Legitimitätsordnungen mit je eigenen kontingenten Regeln. Der machtpolitische Realismus erlebt seine Renaissance demnach nicht wegen seiner unabweislichen Wahrheit, sondern wegen der Einfalt mancher öffentlicher Debatte und der fragwürdigen Expertise seiner erfolgreichsten Fürsprecher.
Shownotes
- Klaus Schlichte – Wikipedia
- Das Elend der Geopolitik
- Geopolitik – Wikipedia
- Realism (international relations) — Wikipedia
- Kongokonferenz – Wikipedia
- Konferenz von Jalta – Wikipedia
- Weltsystem-Theorie – Wikipedia
- Neorealismus (Internationale Beziehungen) – Wikipedia
- Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – Wikipedia
- Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – Wikipedia
- Mission creep — Wikipedia
- Rally ‚round the flag effect — Wikipedia
- Thomas Piketty – Wikipedia
- The Elephant Curve — Wikipedia
- Critical geopolitics — Wikipedia
Transkript
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Gast
- Klaus Schlichte
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5 May 2026, 5:00 am - 1 hour 29 minutesDie Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen – mit Leonhard Dobusch
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Überall in Europa steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Druck. Politisch, weil dort gespart werden soll, wo er unbequem wird. Aber auch von jenen, die ihm wohlgesonnen sind, wird die Kritik lauter: Das System sei zu schwerfällig, erreiche junge Menschen kaum noch, und der Übergang in die digitale Welt gehe zu schleppend voran.
Ein solcher wohlgesonnener Kritiker ist Leonhard Dobusch. Er ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck und saß mehrere Jahre im ZDF-Fernsehrat. Im Unterschied zu vielen anderen hat er über die Jahre aber nicht Kritik allein an den Öffentlich-Rechtlichen geübt, sondern immer wieder ganz konkrete Reformvorschläge vorgelegt.
Mit ihm sprechen wir über seine Erfahrungen im Fernsehrat, über die Schwierigkeit journalistischer Unparteilichkeit und warum es wichtig ist, sich mit historischen und rechtlichen Voraussetzungen der Öffentlich-Rechtlichen auseinanderzusetzen. Wie sprechen darüber, warum öffentlich-rechtliche Mediatheken weniger wie TikTok, und mehr wie Wikipedia oder YouTube sein sollen. Und wir bekommen die vielen, weithin unbekannten Reformen in den Blick, seien es senderübergreifende Mediatheken, offene Empfehlungsalgorithmen oder internationale Kooperation für Freie Software. Dobusch betont, wie viel sich tut, gerade in Deutschland. Steht den öffentlich-rechtlichen Medien ihre beste Zeit erst noch bevor?
Shownotes
- Leonhard Dobusch – Wikipedia
- Meike Richter: Einführungsvortrag: Lizenzen für das Internet-Zeitalter — CC Germany
- ZDF-Fernsehrat – Wikipedia
- D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt – Wikipedia
- Terra Xplain Commons – ZDF goes Schule
- leonido
- re:publica 2022: Leonhard Dobusch: Weniger Netflix, mehr YouTube und Wikipedia: …
- Potenzialanalyse: Digitaler Public Value im ZDF
- Wider die öffentlich-rechtliche Trägheitsvermutung – WRINT: Wer redet ist nicht tot
- Funk (Medienangebot) – Wikipedia
- Public Spaces Incubator | New_ Public
- Günther Ortmann – Wikipedia
- Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden – Wikipedia
- neunetzcast | neunetzcast 89: Was ARD und ZDF gerade online aufbauen und planen
- Fediverse – Wikipedia
- Algorithmen im ZDF | Das ZDF Empfehlungsystem
- media.ccc.de
Transkript
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Gast
- Leonhard Dobusch
27 March 2026, 6:00 am - Wirkliches und Mögliches in der Klimakatastrophe – mit Frank Adloff
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Die Hoffnung, die Klimakatastrophe noch vollständig abzuwenden, erscheint angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse und der sich beschleunigenden globalen Erwärmung unrealistisch. Große historische Möglichkeitsräume der Prävention sind verspielt. Künftig drohen neben Naturkatastrophen und Mangel brutale Verteilungskämpfe, die Destabilisierung demokratischer Institutionen und sogar der Kollaps ganzer Gesellschaften. Herkömmliche Fortschrittserzählungen und emanzipatorische Hoffnungen werden dadurch radikal infrage gestellt.
Welche gesellschaftlichen Perspektiven ergeben sich unter diesen Bedingungen? Und was können die Sozialwissenschaften dazu beitragen? In der Sendung sprechen wir mit Frank Adloff. In seinem neuen Buch plädiert er dafür, der sozial-ökologischen Lage so realistisch wie möglich ins Auge zu sehen. Anstatt die Rolle des außenstehenden Beobachters einzunehmen, sollten sich die Sozialwissenschaften klar positionieren und das Spannungsfeld von Wirklichem und Möglichem präzise vermessen. Einerseits müsse das Ausmaß möglicher zukünftiger Zerstörung wissenschaftlich bestimmt werden – einschließlich der schlimmsten Szenarien bis hin zum Aussterben der Spezies Mensch. Andererseits gelte es, weiterhin bestehende gesellschaftliche Reformperspektiven innerhalb eines sinnvollen Zeithorizonts zu verorten.
Für Adloff werden weder grüne Modernisierung noch technische Innovationen ausreichen, um die ökologische Verheerung aufzuhalten. Kurzfristig bestehe jedoch keine politische Möglichkeit, einen grundlegenden Systemwandel durchzusetzen. Es gelte daher, unterschiedliche Strategien experimentell und tentativ zu verbinden: kurzfristig, um der rechten Demontage des Klimaschutzes entgegenzuwirken, und langfristig, um in den kommenden Jahrzehnten eine schrittweise Transformation gesellschaftlicher Grundstrukturen einzuleiten. In jedem Fall aber – selbst im Angesicht eines möglichen menschheitsgeschichtlichen Scheiterns – eröffnet sich für Adloff in jeder Katastrophe erneut die Möglichkeit, solidarisch zu handeln, Menschenleben zu schützen und der drohenden Barbarei entgegenzutreten.
Shownotes
- Frank Adloff (2026): Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise (transcript)
- Jens Beckert (2024): Verkaufte Zukunft (Suhrkamp)
- Ingolfur Blühdorn (2019): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit (transcript)
- Imperiale Lebensweise – Wikipedia
- Abbott: Varieties of normative Inquiry
- Blumenfeld: Climate Barbarism
- Siehe auch: Können Konservative verzichten? – MERKUR
Transkript
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Gast
- Frank Adloff
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26 January 2026, 5:30 am - Das Verbrechen als Produkt der Gesellschaft – mit Daniela Klimke
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Das Verbrechen bedroht die gesellschaftliche Ordnung. Dass es bestraft werden muss, ist uns ebenso selbstverständlich wie die Existenz von Polizei, Gerichten und Gefängnissen. Zugleich wissen wir: Gesetze sind nicht immer und überall dieselben. Wir schaudern über mittelalterliche Körperstrafen, belächeln kuriose Rechtsvorschriften anderer Länder oder empören uns über die Straffreiheit ruchloser Finanzmarktakteure.
Was also ist Verbrechen, und wie begreifen wir seine Wandelbarkeit? Mit der Kriminologin Daniela Klimke sprechen wir über den Labeling-Ansatz, der Devianz nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als Ergebnis sozialer Zuschreibungen begreift. Strafrecht ist demnach kein neutraler Ausdruck von „richtig“ und „falsch“, sondern eine umkämpfte Setzung. In ihm spiegeln sich Machtverhältnisse, denn Strafverfolgung trifft nur einen Bruchteil tatsächlicher Delinquenz – vorzugsweise jener, die ohnehin benachteiligt sind.
Mit unserem Gast diskutieren wir grundlegende Strafbedürfnisse und Gerechtigkeitsvorstellungen in der Bevölkerung und blicken auf historische Wandlungen moderner Strafkulturen. Für Klimke liegt im Verhältnis zwischen Staat und Delinquenten ein dauerhafter gesellschaftlicher Konflikt. Strafrecht ist für sie ein grundsätzlich fragwürdiges Instrument politischer Steuerung und sozialer Kontrolle. Eine kritische Kriminologie sieht in wachsender Strafbereitschaft stets eine gefährliche Entwicklung, die rechtsstaatlich eingehegt werden muss.
Shownotes
- Wach- & Schließgesellschaft Deutschland: Sicherheitsmentalitäten der Spätmoderne | Springer Nature Link (formerly SpringerLink)
- Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft — Ausgewählte Texte. Herausgegeben von Bernd Dollinger, Walter Fuchs, Daniela Klimke, Andrea Kretschmann und Aldo Legnaro — Fritz Sack | BELTZ
- Kriminologische Grundlagentexte | Springer Nature Link (formerly SpringerLink)
- Kriminologische Diskussionstexte I: Verurteilen und Strafen | Springer Nature Link (formerly SpringerLink)
- Cesare Lombroso – Wikipedia
- Alexandre Lacassagne – Wikipedia
- Ätiologie (Medizin) – Wikipedia
- Howard S. Becker – Wikipedia
- Becker — Whose Side are we on?
- Antipsychiatrie – Wikipedia
- Über die Präventivwirkung des Nichtwissens – Wikipedia
- Überwachen und Strafen – Wikipedia
- Fritz Sack – Wikipedia
- Täter-Opfer-Ausgleich – Wikipedia
- Restorative Justice – Wikipedia
Transkript
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Gast
- Daniela Klimke
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29 December 2025, 2:51 pm - 1 hour 59 minutesDie Entdemokratisierung der Staatsfinanzen – mit Sebastian Huhnholz
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Betrachtet man die jüngsten politischen Umbrüche hierzulande, zeigt sich ein gemeinsamer Nenner: Sowohl das Ende der letzten Regierung als auch das Zustandekommen der neuen gingen auf Geldfragen zurück. Die ‚Ampel‘ beendete der Kanzler nach einem geplatzten Haushalt. Die Nachfolgeregierung kam nur durch eine in letzter Minute mit alten Mehrheiten beschlossene gewaltige Verschuldung zustande.
Sebastian Huhnholz ist Politikwissenschaftler und forscht seit Jahren zu Staatsfinanzen. Für ihn sind diese politischen Ereignisse keine isolierten Einzelfälle, sondern Teil eines grundlegenden Wandels: Angesichts enormer Ausgabenbedarfe einerseits und zunehmender Schwierigkeiten, Geld und Mehrheiten zu organisieren andererseits, verändert sich, wie der Staat sich finanziert – und wer darüber bestimmt.
Mit Huhnholz sprechen wir darüber, woher der Staat Geld bekommt und welche Rolle Steuern und Wirtschaftswachstum dabei spielen. Besonders widmen wir uns den ‚Sondervermögen‘ als paradigmatischem neuem Finanzierungsinstrument. Wir klären, was sie für die politischen Akteure so attraktiv macht, wie sie paradoxerweise den Druck auf den normalen Staatshaushalt erhöhen, die Finanzmacht zur Judikative verschieben, die steuerpolitische Umverteilung hemmen und einen permanenten Krisenmodus erzeugen. Es entsteht der Eindruck dysfunktionaler öffentlicher Finanzen, befördert durch politische Eliten, die – unfähig, grundlegende Reformen umzusetzen – ihre Ziele zunehmend durch gegenseitige Blockade und Marginalisierung parlamentarischer Willensbildung zu erreichen suchen.
Shownotes
- Florian Meinel (Verfassungsblog): „Fiscal Hamlets – Die Bundesrepublik vor der Spaltung der Finanzverfassung“
- Leviathan-Sonderheft „Politische Theorien öffentlicher Finanzen“ (Nomos)
- Philip Manow – Wikipedia
- No taxation without representation – Wikipedia
- James Tan: Power and Public Finance at Rome, 264–49 BCE
- Sondervermögen (Haushaltsrecht) – Wikipedia
- Urteil: Haushalt 2024 in SH verfassungswidrig | ndr.de
- Die Politische Ökonomie des Populismus. Buch von Philip Manow (Suhrkamp Verlag)
- Gekaufte Zeit. Buch von Wolfgang Streeck (Suhrkamp Verlag)
Transkript
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- Sebastian Huhnholz
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17 November 2025, 6:00 am - 1 hour 38 minutesWenn Dinge zu Krempel werden – mit Gabriel Yoran
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Ein moderner Induktionsherd mit Touch-Bedienung statt Drehknöpfen: Auf den ersten Blick wirkt das nach Fortschritt, in der Praxis führt es oft zu Frust. Für Gabriel Yoran ist so etwas „Krempel“ – Dinge, die schlechter sind, obwohl sie besser sein könnten. Zahlreiche neue Produkte haben früher einmal besser funktioniert, waren durchdachter und praktischer als sie es heute sind. In der Sendung sprechen wir mit ihm über Die Verkrempelung der Welt.
Wir fragen nach den Ursachen, seien es Verantwortungsdiffusion im Unternehmen, ineffiziente Entscheidungsprozesse in der Produktentwicklung oder die Distanz im Onlinehandel. Wir diskutieren Auswege, etwa den Wert einer Warenkunde, den Werkstolz der Hersteller oder gesetzliche Standards. Und doch bleiben die strukturellen Zwänge bestehen: Auch Krempel verkauft sich schließlich, und das ist oft die Hauptsache. Was ist ein materielles Fortschrittsversprechen noch wert, das immer seltener eingelöst wird?
Shownotes
Transkript
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Gast
- Gabriel Yoran
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18 August 2025, 6:38 am - 1 hour 26 minutesGute Verwaltung, schlechte Verwaltung – mit Wolfgang Seibel
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Unverständliche Formulare, lebensferne Beamte, komplizierte Regeln: die Verwaltung gilt vielen als Inbegriff anonymer Staatsgewalt, manche sehen in ihr ein Hindernis für Freiheit und Wohlstand. In Argentinien und den USA greifen Politiker bereits zur Kettensäge. Doch was ist Verwaltung eigentlich – als zentrale Institution moderner Gesellschaften und Instrument staatlichen Handelns? Woher rührt das verbreitete Unbehagen? Und welche systematischen Probleme bringt diese Organisationsform mit sich? Zu Gast ist der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel. Mit ihm sprechen wir über strukturelle Dilemmata, demokratische Verfasstheit und deutsche Besonderheiten der Verwaltung.
Anders als das Klischee behauptet, ist Deutschland laut Seibel nicht übermäßig bürokratisch. Vielmehr prägen aus historischen Gründen Dezentralität und starke Interessenbeteiligung die Verwaltung. Viele Probleme wie Überregulierung oder technische Defizite sind primär politische Versäumnisse. So geraten echte Probleme aus dem Blick: etwa Personalmangel, Koordinationslücken bei der Geldwäschebekämpfung oder eine mangelhafte Fehlerkultur und fehlende Haftung bei gravierendem Versagen. Wer Verwaltung pauschal demontieren will, riskiert im Zweifel mehr staatliche Willkür – und im Ernstfall Menschenleben.
Shownotes
- Collapsing Structures and Public Mismanagement | SpringerLink
- Verwaltung verstehen. Buch von Wolfgang Seibel (Suhrkamp Verlag)
- Verwaltungsdesaster, ein Buch von Wolfgang Seibel, Kevin Klamann, Hannah Treis, unter Mitarbeit von Timo Wenzel — Campus Verlag
- Der prekäre Staat, ein Buch von Sven Reichardt, Wolfgang Seibel — Campus Verlag
- Verwaltete Illusionen, ein Buch von Wolfgang Seibel — Campus Verlag
- Körperschaft des öffentlichen Rechts (Deutschland) – Wikipedia
- Staatshaftungsrecht (Deutschland) – Wikipedia
Transkript
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Gast
- Wolfgang Seibel
9 July 2025, 8:14 am - 1 hour 16 minutesUniversalismus von unten – mit Jule Govrin
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Der Universalismus der Menschenrechte ist ein Erfolgsprojekt. Möglicherweise sogar der beste Kandidat für echten geschichtlichen Fortschritt. Zugleich sind die Menschenrechte ein unvollendetes und unvollkommenes Unternehmen. Manchmal stehen sie im Verdacht, ein paternalistisches Herrschaftsprojekt zu sein, das weiße, europäische Männlichkeit zum Maßstab des Menschlichen macht – oder bloß die ohnmächtige Phantasie einiger Intellektueller.
Jule Govrin hat es in einer großen philosophischen Studie unternommen, den Universalismus noch einmal neu zu denken. Nicht von abstrakten Ideen oder von einer Warte der reinen Vernunft her will sie ihn fassen, sondern umgekehrt gerade von der materiellen, der körperlichen und konkreten Seite aus. Ihr geht es um einen Universalismus, der seinen Ausgang von realer Ungleichheit und Ungleichmachung nimmt und der gerade in der Verbundenheit und Verwundbarkeit der Menschen den kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Gleichheit erkennt.
In der Sendung sprechen wir mit ihr über Glanz und Elend der Menschenrechte, die Govrin nicht nur kritisieren, sondern verteidigen will. Wir diskutieren über die Möglichkeiten und Aufgaben philosophischer Reflexion als nicht ideale und empirisch informierte Theorie. Schließlich widmen wir uns den politischen Wegen zu einer größeren Gleichheit und der anhaltenden Gefahr gesellschaftlicher Regression.
Shownotes
- Universalismus von unten. Buch von Jule Govrin (Suhrkamp Verlag)
- Charles W. Mills – Wikipedia
- John Rawls – Wikipedia
- Martha Nussbaum – Wikipedia
- Gesa Lindemann – Wikipedia
- Sara Ahmed (Geschlechterforscherin) – Wikipedia
- Janne Mende: Der Universalismus der Menschenrechte
- Franziska Martinsen
- Susan Buck-Morss – Wikipedia
- Haitianische Revolution – Wikipedia
- Lieferkettengesetz – Wikipedia
- A Feminist Reading of Debt
- Beziehungsweise Revolution. Buch von Bini Adamczak (Suhrkamp Verlag)
- Ada Colau – Wikipedia
- Community-Kapitalismus
- Das Unvernehmen. Buch von Jacques Rancière (Suhrkamp Verlag)
- Direction of fit — Wikipedia
Transkript
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Gast
- Jule Govrin
Verwandte Episoden
4 June 2025, 4:04 am - 1 hour 24 minutes100 Jahre Das Neue Berlin
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Seit 2018 versuchen wir, Gegenwart und Gesellschaft im ausführlichen Gespräch zu verstehen. Die hundertste Folge nehmen wir zum Anlass, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Podcasts zu sprechen. Mit gemischten Gefühlen schauen wir zurück auf unsere locker experimentelle Anfangsphase, in der wir recht freihändig zusammen Thesen entwickelten. Wir lassen die Entwicklung des Formats Revue passieren, versuchen einige thematische Linien nachzuzeichnen und erinnern an ein paar Sendungen, die uns besonders im Gedächtnis geblieben sind. Dabei stellen wir uns die großen Fragen: Worum geht es eigentlich im Neuen Berlin? Sind wir ein politisches Format? Wie sollen wir das Format in Zukunft weiterentwickeln? Eine Zwischenbilanz – und ein Ausblick auf das, was kommt.
Transkript
Das Transkript zur Episode ist hier abrufbar. ACHTUNG: Das Transkript wird automatisch durch wit.ai erstellt und aus zeitlichen Gründen NICHT korrigiert. Fehler bitten wir deshalb zu entschuldigen.
9 May 2025, 6:47 am - More Episodes? Get the App