- 1 hour 17 minutesKünstliche Intelligenz: Wer braucht den Menschen noch?
Es gibt diesen Moment, den fast jeder kennt, der eine Aufgabe an eine künstliche Intelligenz delegiert: ein paar Sätze eingetippt, und Sekunden später liegt da etwas verblüffend Fertiges. Doch was die Maschine so mühelos ausspuckt, ist selten das Ergebnis – es ist der Anfang. Die ersten achtzig Prozent erledigt sie im Handumdrehen, aber die letzten zwanzig, jene Differenz zwischen gut und großartig, bleiben menschliche Handarbeit. „What separates great from good, das müssen wir selber machen", sagt die Marketingprofessorin und KI-Forscherin Claudia Bünte; wer zu früh aufgebe, betreibe nicht Kreativität, sondern Faulheit. Die eigentliche Kompetenz im Umgang mit der Maschine ist deshalb nicht das Erzeugen, sondern das Urteil – und, wie der Kreativagentur-Gründer Oliver Oest beschreibt, die Kunst, „zu lernen, wann du das Ding loslässt".
Ob eine Maschine wirklich kreativ sein kann, ist dabei längst keine sichere Trumpfkarte mehr. Der vielfach ausgezeichnete Stratege Gen Sadakane hält es sogar für gefährlich, das menschliche Genie zu beschwören: Selbst den charmanten Fehler könne man der KI beibringen. Was bleibt, liegt weniger im Produzieren als im Auswählen – und in einer Welt des digitalen Überflusses sehnen sich Menschen offenbar nach dem Gegenteil: nach dem Konzert im Regen, nach echter Erfahrung, nach dem, was Bünte „Erleben" nennt. Genau hier verschiebt sich auch die ökonomische Frage. Übernimmt die Maschine die Standardarbeit, verschiebt sich, wer überhaupt noch Wert schöpft. Die Furcht vor Massenarbeitslosigkeit kontert Bünte mit dem „Wasserstand": Wie nach jeder Umwälzung steige nicht die Zufriedenheit, sondern der Anspruch – Berufe verändern sich radikal, ohne zu verschwinden.
Zwei Dinge aber sind diesmal anders: die unberechenbare Geschwindigkeit und die Undurchschaubarkeit einer Technik, die sich in einer Blackbox weiterentwickelt – „ein Werkzeug, das eine Waffe sein kann, ohne dass wir merken, dass es eine Waffe ist". Hinzu kommt die Geografie des Geldes: Europa, so Büntes nüchterne Diagnose, sei „nur noch Werkbank", während Wertschöpfung und Kapital anderswo entstehen. Wie eine zunehmend maschinelle Ökonomie ihren Wert gerecht verteilt, ohne in glänzende Viertel und abgehängte Ränder zu zerfallen, bleibt die größte offene Frage – und vielleicht zugleich Europas Chance, endlich nicht nur die Werkzeuge anderer zu mieten, sondern selbst ins Machen zu kommen. Diese Gedanken stammen aus einem Live-Podcast der Reihe FWRDTHINKERS, aufgezeichnet beim 48forward-Side-Event zur re:publica in Berlin.
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9 June 2026, 4:24 pm - 30 minutes 32 secondsWandl: Was weiß ein alter Bauernhof über die Zukunft der Arbeit?
Es gibt eine Szene, die sich in deutschen Unternehmen täglich wiederholt und über die kaum jemand spricht, weil sie längst als Normalzustand gilt: Ein Team sitzt in einem Konferenzraum, der aussieht wie alle Konferenzräume der Welt. Es wird präsentiert, diskutiert, moderiert – und am Ende fährt jeder nach Hause mit einem rauchenden Kopf und dem diffusen Gefühl, dass das Wesentliche irgendwie nicht gesagt worden ist. Diese Form des Zusammenkommens hat Effizienz versprochen, aber etwas übersehen, das sich nicht wegoptimieren lässt: dass echte Ideen selten in PowerPoint-Folien entstehen und dass Vertrauen – das eigentliche Fundament jeder Zusammenarbeit – nicht per Tagesordnungspunkt beschlossen werden kann.
Die Gegenbewegung ist leise, aber sie ist real. Immer mehr Unternehmen suchen nach anderen Formen: kleinere Formate, ausgesuchtere Orte, intensivere Begegnungen. Denn Gewohnheit ist der größte Feind des Denkens – wer immer am selben Schreibtisch sitzt, denkt immer in denselben Bahnen. Monika Harlinghausen-Smith und Curt Simon Harlinghausen haben daraus ein Projekt gemacht: Über dreieinhalb Jahre haben sie einen denkmalgeschützten Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert in Ruhpolding zu einem Ort umgebaut, der Konferenz-Location, Innovationslabor, Schreinerei, KI-Lab und Familienheim in einem ist. Führungskräfte aus aller Welt kommen hierher – und merken spätestens am zweiten Tag, dass sie nicht in einem Hotel sind. „Die Leute merken, sie sind bei uns zu Hause", sagt Curt Simon Harlinghausen. „Da läuft auf einmal ein Kind durch, oder da sind Schafe, die blöken." Diese scheinbare Kleinigkeit verändert alles.
Was das Wandl beschreibt, ist mehr als ein ungewöhnliches Tagungshaus – es ist ein Argument. Ein Argument dafür, dass Erleben und Verstehen zusammengehören, dass das Haptische und das Strategische sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig bedingen. „Gerade im Zeitalter der KI, wo die Menschen viel zu viel Zeit auf der Strategie verbringen und dann die Entwicklung verpassen, ist es so wichtig, dass man in dieses Hands-on geht", sagt Harlinghausen. Ein Gespräch mit dem Gründerpaar, geführt vor Ort zwischen knarzenden Holzdielen und dem Blick auf den Unternberg, hat gezeigt: Die Fragen, die dieser Ort stellt – Wie wollen wir arbeiten? Was braucht es, damit aus einem Treffen wirklich etwas entsteht? –, reichen weit über Ruhpolding hinaus.
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2 April 2026, 9:45 am - 33 minutes 26 secondsThomas Hambach, Armin Schaus und Johannes Müller: Wie wird Deutschland verteidigungsfähig?
Deutschland rüstet auf – finanziell so entschlossen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Sondervermögen, neue fiskalische Spielräume, Milliarden für Infrastruktur und Truppe markieren einen historischen Kurswechsel. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, wie viel Geld ins System fließt, sondern ob das Land verstanden hat, warum es dieses Geld investiert. „Als Staat darf man nicht erpressbar sein“, sagt Brigadegeneral Thomas Hambach. Abschreckung ist wieder Zielgröße, Landes- und Bündnisverteidigung wieder Kernauftrag. Mit der Brigade in Litauen, neuen Führungsstrukturen und einer nationalen Verteidigungsplanung vollzieht Deutschland sichtbar eine strategische Wende – zumindest institutionell.
Strukturell jedoch bleibt viel zu tun. Mehr Geld ersetzt keine schnellere Beschaffung, keine effizienteren Prozesse, keine klügere europäische Kooperation. Johannes Müller von Airbus Defence and Space warnt vor Überspezifikation und fragmentierten Parallelentwicklungen. Europa halte mit deutlich geringerem Budget ein Vielfaches an Plattformen im Vergleich zu den USA vor – ökonomisch und strategisch fragwürdig. Gefordert seien neue Arbeitsweisen, mehr Geschwindigkeit, mehr Konsolidierung. Gleichzeitig dürfe Verteidigung nicht länger moralisch tabuisiert werden: Ihr Zweck sei nicht Krieg, sondern dessen Verhinderung.
Entscheidend ist jedoch die gesellschaftliche Dimension. Oberst Armin Schaus spricht von Resilienz als gesamtstaatlicher Aufgabe – von Unternehmen, die ihre Rolle in der Gesamtverteidigung definieren, von Ehrenamt, Heimatschutz, Bildung. Verteidigungsfähigkeit beginne „im Kopf“, so Hambach: im Bewusstsein, was dieses Land verteidigen will. Geld, Technik und Strukturreformen sind notwendig. Aber ohne eine demokratische Selbstverständigung über das „Wofür“ bleibt jede Zeitenwende unvollständig. Diese Spannungsfelder wurden beim 48forward Festival 2025 in der Alten Kongresshalle diskutiert – als sicherheitspolitische Bestandsaufnahme eines Landes, das seine strategische Nüchternheit erst wieder lernen muss.
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20 February 2026, 10:46 am - 33 minutes 12 secondsKay Brinkmann und Giedrimas Jeglinskas: Wie widerstandsfähig ist Europa wirklich?
Europa lebt in einer sicherheitspolitischen Grauzone: nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden. Der russische Angriff auf die Ukraine hat eine Form der Auseinandersetzung sichtbar gemacht, die weit über klassische Militärlogik hinausgeht. Cyberangriffe, Desinformation, ökonomischer Druck und gezielte gesellschaftliche Polarisierung sind längst Teil der strategischen Realität. Hybride Kriegsführung zielt nicht auf den schnellen Sieg, sondern auf Ermüdung, Verunsicherung und das langsame Erodieren demokratischer Entscheidungsfähigkeit. Der frühere Eurocorps Chief of Staff Kay Brinkmann bringt diesen Zustand auf den Punkt: Man sei nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden – und genau darin liege die größte Herausforderung für Europas Sicherheit.
Militärisch wächst das Bewusstsein, dass Abschreckung nur dann wirkt, wenn sie glaubwürdig ist. Innerhalb der NATO wurden erstmals seit dem Kalten Krieg wieder umfassende, gemeinsame Verteidigungspläne beschlossen. Doch zugleich ist klar: Sicherheit lässt sich nicht allein militärisch herstellen. Brinkmann betont, dass moderne Verteidigung immer auch gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit einschließt – funktionierende Infrastruktur, mentale Vorbereitung der Bevölkerung, politische Handlungsfähigkeit. Resilienz ist keine Zusatzaufgabe, sondern Voraussetzung dafür, Konflikte gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Besonders deutlich formuliert das der litauische Parlamentarier Giedrimas Jeglinskas, dessen Land aus historischer Erfahrung heraus früh vor russischer Machtpolitik gewarnt hat. In Osteuropa sei die Bedrohung nie abstrakt gewesen, sagt er, weshalb Sicherheits- und Verteidigungspolitik dort gesellschaftlich breit getragen werde. Europa insgesamt jedoch ringe mit Fragmentierung, politischen Fliehkräften und nachlassender Geschlossenheit. Diplomatie ohne Machtbasis, so Jeglinskas, mache verwundbar. Frieden entstehe nicht durch gute Absichten, sondern durch Stärke – militärisch, politisch und gesellschaftlich. Diese Diagnose stand im Zentrum einer Diskussion beim 48forward Festival im November 2025 in der Münchner Alten Kongresshalle. Sie verweist auf eine unbequeme Wahrheit: Europas Sicherheit entscheidet sich nicht in einem einzelnen Konflikt, sondern daran, ob der Kontinent bereit ist, dauerhaft Verantwortung für seine eigene Resilienz zu übernehmen.
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10 February 2026, 7:12 am - 37 minutes 35 secondsSuki Fuller und Dr. Volker Pötzsch: Was bedeutet Verteidigung im Zeitalter hybrider Bedrohungen?
Die gefährlichsten Angriffe kündigen sich nicht an. Sie kommen nicht mit Sirenen, nicht mit Rauch, nicht mit Einschlägen, sondern als Update, als Nachricht, als bequeme Entscheidung. Hybrid Warfare ist kein Krieg im klassischen Sinn, sondern die schleichende Verschiebung dessen, was als normal gilt. Suki Fuller, Expertin für geopolitische Strategien und Fellow im Council of Competitive Intelligence Fellows, antwortet auf die Frage nach dem Stand der Cybersicherheit deshalb mit einer irritierenden Zahl: null. Nicht als Kapitulation, sondern als Realismus. Sicherheit sei kein Zustand, sagt sie, sondern ein bewegliches Verhältnis. Während man glaubt, besser geworden zu sein, habe sich die Bedrohung bereits weiterentwickelt. „Böswillige Akteure suchen ständig nach neuen Wegen, um Schaden anzurichten.“ Wer das vergesse, überschätze sich selbst.
Wie konkret diese abstrakte Bedrohung längst ist, lässt sich beziffern. Dr. Volker Pötzsch, Leiter der Steuergruppe Aufbau INNO in der Abteilung Innovation und Cyber des Bundesministerium der Verteidigung, verweist auf einen Schaden von 202 Milliarden Euro durch Cyberkriminalität allein in Deutschland innerhalb eines Jahres. Cybersicherheit sei lange als technisches Randthema behandelt worden, sagt Dr. Pötzsch, delegierbar, abstrakt, politisch bequem. Erst jetzt entstehe ein Gefühl von Dringlichkeit. Doch auch das könne trügen. „Wir werden immer kämpfen müssen“, sagt er – nicht aus Pessimismus, sondern weil Stillstand im digitalen Raum sofort Verwundbarkeit bedeutet.
Hybrid Warfare zielt dabei nicht nur auf Server, sondern auf Routinen, nicht nur auf Staaten, sondern auf Menschen. Kühlschränke, Autos, Telefone: Cyber ist kein eigener Raum mehr, sondern Teil des Alltags. Der Mensch sei dabei zugleich die größte Schwachstelle und die größte Hoffnung, sagen beide. Technik könne perfekt sein, Systeme redundant – ein Moment der Unachtsamkeit reiche dennoch. Sicherheit beginne deshalb nicht bei Behörden oder Gesetzen, sondern bei Bewusstsein. Über diese Einsicht sprachen Suki Fuller und Dr. Volker Pötzsch mit Tina Kulow beim 48forward Festival 2025 in der Alten Kongresshalle. Es war ein Gespräch, das keine Gewissheiten versprach, sondern eine nüchterne Erkenntnis formulierte: Sicherheit beginnt dort, wo man aufhört, sie für selbstverständlich zu halten.
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5 February 2026, 9:27 am - 28 minutes 52 secondsRoman Krznaric: Wie viel Vergangenheit braucht eine lebensfähige Zukunft?
Die Gegenwart erscheint vielen als historischer Ausnahmezustand: alles schneller, komplexer, bedrohlicher als je zuvor. Doch diese Wahrnehmung ist selbst Teil eines wiederkehrenden Musters. Jede Epoche, so erinnert der Sozialphilosoph Roman Krznaric im Rahmen der DLD Conference in München, hielt sich für einzigartig überfordert – schon im 19. Jahrhundert fürchteten Zeitgenossen angesichts von Telegraphie und Industrialisierung den kollektiven Nervenzusammenbruch. Der entscheidende Unterschied liegt weniger im Tempo der Veränderung als in der Frage, wie Gesellschaften darauf reagieren. Geschichte, verstanden als bloßes Archiv des Scheiterns, greift zu kurz. Sie ist ebenso ein Reservoir gelungener Antworten: sozialer Innovationen, neuer Formen von Demokratie, solidarischer Praxis.
Ein zentrales Problem heutiger Politik ist die Fixierung auf das Kurzfristige – Wahlen, Schlagzeilen, Quartalszahlen. Dieser „Gegenwartszwang“ begünstigt den Glauben, technologische Lösungen könnten gesellschaftliche Krisen ersetzen. Historisch aber waren es nicht Maschinen, die Gesellschaften stabilisierten, sondern soziale Arrangements: Mitbestimmung, Dezentralität, gemeinschaftliche Verantwortung. Demokratie, so zeigt der Blick zurück, war nie auf ein einziges Modell festgelegt. Gerade dort, wo Menschen sich gehört und eingebunden fühlten, erwiesen sich politische Systeme als widerstandsfähiger gegen Autoritarismus, Ungleichheit und soziale Erosion.
Angesichts kommender Krisen – von Klimafolgen bis zu Migrationsbewegungen – wird diese Frage existenziell. Krznaric verweist auf den Begriff der asabiyah, der kollektiven Solidarität: Gesellschaften überleben Turbulenzen nur dort, wo Vertrauen und Zusammenhalt stark sind. Extreme Ungleichheit hingegen untergräbt diese Basis. Die vielleicht wichtigste soziale Innovation ist daher keine institutionelle Reform, sondern etwas Elementares: das Wiederlernen des Wir. Gemeinschaft entsteht im Gespräch, in geteilten Räumen, in alltäglicher Nähe. Ohne diese soziale Infrastruktur bleibt jede Zukunftsstrategie fragil.
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27 January 2026, 7:03 am - 28 minutes 58 secondsNic Palmarini: Warum sind wir auf ein längeres Leben nicht vorbereitet?
Lange galt Altern als Randthema, als etwas, das andere betrifft. Diese Sicht trägt nicht mehr. Zum ersten Mal in der Geschichte leben fünf, teils sechs Generationen gleichzeitig – sie arbeiten, wählen, reisen, konkurrieren um Ressourcen. Altern ist damit kein demografisches Detail, sondern ein struktureller Umbruch. Menschen in ihren Siebzigern heute unterscheiden sich fundamental von jenen vor fünfzig Jahren. Biologisch, neurologisch, sozial haben sich Voraussetzungen verschoben. „Ein Siebzigjähriger heute ist etwas anderes als ein Siebzigjähriger 1970“, sagt Nic Palmarini, Director des National Innovation Centre Ageing (NICA), im Rahmen der DLD Conference in München. Mehr Lebensjahre bedeuten nicht nur mehr Zeit, sondern veränderte Fähigkeiten, Erwartungen und Möglichkeiten – und sie werfen eine zentrale Frage auf: Wozu länger leben, wenn Gesellschaften diese Jahre nicht als gestaltbaren Lebensabschnitt begreifen?
Besonders sichtbar wird diese Leerstelle beim Rentensystem. Es stammt aus einer Zeit, in der auf das Erwerbsleben nur wenige Jahre folgten – heute können es Jahrzehnte sein. Dennoch bleibt die Struktur nahezu unangetastet. Politisch ist das Thema heikel, kulturell tief verankert, ökonomisch jedoch unübersehbar: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Ruheständler. Gleichzeitig fühlen sich viele beim Eintritt in die Rente noch leistungsfähig und oft überflüssig gemacht. Die Antwort liegt nicht im Zwang zum Weiterarbeiten, sondern in einer Neubestimmung von Arbeit im Alter. Erfahrung, Urteilskraft und Wissen könnten stärker zählen als körperliche Belastbarkeit. Technologien wie künstliche Intelligenz könnten dabei helfen, Hürden zu senken und Erfahrung aufzuwerten – nicht trotz, sondern wegen des Alters.
Auch im Gesundheitssystem zeigt sich ein Missverhältnis: Es ist hervorragend darin, zu reparieren, aber schwach in der Prävention. Dabei ließe sich ein Großteil der nichtübertragbaren Krankheiten vermeiden. Verhalten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen bestimmen einen erheblichen Teil unserer Gesundheit – und eröffnen zugleich wirtschaftliche Potenziale weit über die Pharmaindustrie hinaus. In alternden Gesellschaften mit sinkenden Geburtenraten wird Langlebigkeit zur Frage wirtschaftlicher Stabilität, Migration zur Notwendigkeit, Prävention zur Investition. Altern ist kein Betriebsunfall der Moderne, sondern ihr Ergebnis. Ob es zur Belastung wird oder zum Asset, entscheidet sich daran, ob Gesellschaften bereit sind, diese Realität anzunehmen – und neu zu gestalten.
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21 January 2026, 12:48 pm - 32 minutes 22 secondsBernhard Tewes: Was kann Hypnose wirklich?
Hypnose hat in der Popkultur ein Imageproblem: Man denkt an Bühnen, an Kontrollverlust, an Menschen, die angeblich „nichts mehr wissen“. Bernhard Tewes beschreibt Hypnose dagegen als einen natürlichen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf – „kurz vorm Einschlafen, kurz vorm Aufwachen“ – in dem das bewusste Denken leiser wird und das Unterbewusstsein empfänglicher. Entscheidend sei: Niemand verliere dabei sein Wertesystem oder die Kontrolle. „Man bekommt dabei alles mit, man kann sich an alles erinnern, das Wertesystem ist noch angeschaltet.“ Hypnose sei weniger Magie als ein Werkzeug, um den Fokus so zu bündeln, dass innere Lernprozesse möglich werden – ähnlich wie bei autogenem Training, progressiver Muskelentspannung oder dem Zustand, in dem man beim Film „voll reingesogen“ ist.
Therapeutisch wird Hypnose dort interessant, wo Menschen längst verstanden haben, was gut für sie wäre – und trotzdem anders reagieren. Denn viele Muster laufen nicht bewusst, sondern automatisch: Angst, Stress, Blackout. Tewes verweist darauf, dass „nur zwei bis fünf Prozent der täglichen Entscheidungen“ bewusst getroffen würden, der Rest unterbewusst. Wer etwa bei Redeangst in den roten Bereich gerät, erlebt nicht fehlendes Wissen, sondern ein altes Schutzprogramm: fight, flight – oder freeze. Seine Arbeit zielt darauf, dieses Programm umzuschreiben, nicht durch Überreden, sondern durch Umlernen: „Wir gucken, welche Ressourcen braucht jemand, wo finden wir die, wie aktivieren wir die und wie fügen wir die ein an die Stelle, wo sie nötig ist.“ Hypnose könne so helfen, emotionale Themen zu bearbeiten, weil sie das, was rational längst klar ist, auf die Ebene bringt, „da wo die Entscheidungen getroffen werden“.
In seinem Buch „Glimmer“ setzt Tewes dem Dauerfeuer negativer Trigger einen Gegenbegriff entgegen: Glimmer als positive Sicherheitssignale, die das parasympathische Nervensystem aktivieren. Die Aufgabe sei, diese Momente bewusster wahrzunehmen und zu kultivieren – ohne naiven Optimismus: Akzeptanz dessen, was man nicht ändern kann, und Gestaltung dessen, was man beeinflussen kann. Aus dem Wunsch, Hypnose alltagstauglich zu machen, entwickelte er zudem die App Hypnobox, eine Art Baukasten für Selbsthypnose; „Hypnose für die Westentasche“. Zugleich betont er die Grenze: „Eine App ist kein Therapieersatz“ – aber sie könne Regelmäßigkeit ermöglichen, als mentale Hygiene, nicht als einmalige Wunderkur.
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13 January 2026, 3:21 pm - 25 minutes 8 secondsEva Umlauf und Magdalena Rogl: Genau so fängt es an
Mit 83 Jahren könnte Dr. Eva Umlauf sich zur Ruhe setzen. Stattdessen reist sie durch Deutschland, spricht in Schulen und schreibt Briefe an Politiker. Als eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz hat sie zwei Diktaturen erlebt – die braune und die rote. Anfang des Jahres wandte sie sich in einem offenen Brief an Friedrich Merz: „Tun Sie es nicht, Herr Merz. Unterschätzen Sie die Rechtsextremen nicht.“ Die Antwort blieb aus. Wenn sie die Wahlergebnisse sieht – 30 Prozent für die AfD, viele davon junge Wähler – fragt sie sich, warum so viele eine nicht-demokratische Partei wählen. Was sie in Schulen weitergibt, ist keine abstrakte Geschichtsstunde, sondern konkrete Erfahrung: wie es sich anfühlt, wenn Grundrechte Stück für Stück abgebaut werden.
Als Psychotherapeutin hat Umlauf sich professionell mit den seelischen Spuren von Gewalt auseinandergesetzt – als Überlebende trägt sie diese Spuren selbst in sich. Zentral ist für sie die Haltung gegen Machtlosigkeit. Ihre Mutter habe sich im Lager nie hingegeben: „Für die war das einfach nicht möglich, dass wir nicht überleben.“ Diese Weigerung prägt Umlaufs Botschaft heute. In einer Zeit, in der viele ein Gefühl von Ohnmacht empfinden, insistiert sie: „Jeder von uns kann was machen. Alles einfach hinschmeißen, das wird nichts nutzen.“ An junge Menschen richtet sie den Appell: „Die sollen mit offenen Augen durch die Welt gehen. Die sollen Geschichte lernen und nachdenken, wie man lebt in einem Land mit einem Diktator als Chef.“
Das Gespräch fand beim 48forward Festival in München statt, moderiert von Magdalena Rogl. Im März erscheint Umlaufs neues Buch „Genau so fängt es an“. Die Statistiken geben ihr nicht recht: Rassismus wächst, Antisemitismus wächst. Dennoch bleibt sie bei ihrer Überzeugung: „Trotzdem ist es in unserer Macht, zu kämpfen.“ Ihre Botschaft: Niemand von uns ist machtlos. Und „nie wieder“ muss mehr sein als eine Phrase – es muss ein Versprechen sein. Eines, das auch heute gilt. Und morgen. Und für immer.
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7 January 2026, 5:22 pm - 30 minutes 58 secondsJan Goetz: Sind Quantencomputer die Antwort auf unsere unlösbaren Probleme?
Quantencomputing hat den Ruf des schwer Fassbaren längst hinter sich gelassen und wandelt sich zur industriellen Realität. Firmen wie IQM bauen Maschinen, die in Rechenzentren weltweit laufen, ohne permanente Eingriffe von Physikern. Für Dr. Jan Goetz ist das erst der Anfang: Entscheidend sei nicht, bestehende Probleme schneller zu lösen, sondern Fragen anzugehen, die heute aufgrund ihrer Komplexität gar nicht gestellt werden. Die exponentielle Leistungsfähigkeit quantenbasierter Systeme eröffnet einen Raum, den klassische Rechner nie erreichen werden – etwa bei der Simulation chemischer Prozesse, der Echtzeitoptimierung von Logistik oder der Entwicklung neuer Materialien.
Europa steht dabei überraschend gut da. Die Grundlagenforschung ist stark, die Zahl junger Unternehmen hoch – doch die Fragmentierung bleibt ein Risiko. Während in den USA wenige große Player Milliarden sammeln, verteilt sich die europäische Landschaft auf viele kleine Projekte. Goetz warnt davor, erneut jene Dynamik zu wiederholen, in der Europa die frühen Phasen finanziert und die Wertschöpfung danach abwandert. Hoffnung setzt er auf den geplanten Quantum Act der EU, der – anders als regulierende Vorgängermodelle – echte Förderung ermöglichen soll. Gleichzeitig mahnt er zur Vorsicht im Bereich Sicherheit: Ein ausreichend großer Quantencomputer könnte gängige Verschlüsselungen brechen, weshalb quantensichere Systeme frühzeitig implementiert werden müssten.
Trotz der Risiken sieht Goetz im Quantencomputing vor allem eine gesellschaftliche Chance. Unternehmen bauen bereits interne Teams auf, auch wenn Software-Stacks und Tools noch reifen müssen. Langfristig soll die Technologie so im Hintergrund verschwinden, dass Nutzerinnen und Nutzer gar nicht merken, ob eine klassische oder eine Quantenmaschine rechnet.
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9 December 2025, 7:31 pm - 50 minutes 8 secondsPaul Ronzheimer: Im Schatten der Müdigkeit
Der Krieg in der Ukraine dauert nun so lange, dass sich eine gefährliche Abstumpfung breit gemacht hat. Was anfangs Empörung und Anteilnahme auslöste, wird heute oft nur noch als Meldung im Strom der Krisen wahrgenommen. Journalist Paul Ronzheimer beschreibt das auf dem 48forward Festival 2025 in München nüchtern: Dramatische Schicksale erreichen kaum noch Aufmerksamkeit, während geopolitische Schlagzeilen noch funktionieren. Die Kombination aus Kriegswirtschaft in Russland, Erschöpfung in der Ukraine und schwindender internationaler Aufmerksamkeit führt dazu, dass ein wirklicher Frieden weiter entfernt scheint als je zuvor.
Diese Müdigkeit prägt nicht nur die Wahrnehmung der Ukraine, sondern auch den Blick auf andere Konflikte und politische Entwicklungen. In einer Zeit, in der sich das Publikum schneller denn je von Nachrichten überfordert zeigt, entstehen Räume für einfache Erzählungen und populistische Vereinfachungen. Die AfD profitiert davon, während der klassische Journalismus um Vertrauen ringt. Ronzheimer plädiert dafür, politischen Akteuren mit inhaltlicher Hartnäckigkeit zu begegnen – nicht mit Empörung, sondern mit klaren Fragen zu Alltag, Wirtschaft und Verantwortung.
Gleichzeitig zeigt der Erfolg langer, ruhiger Formate wie Podcasts, dass es ein großes Bedürfnis nach Einordnung gibt. Menschen wollen verstehen, nicht nur konsumieren. Genau hier liegt eine Chance: Im Zuhören, im Erklären, im Ernstnehmen der Fragen jenseits der Empörung.
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7 December 2025, 4:00 pm - More Episodes? Get the App